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Darum bin ich der Meinung, dass Frugalismus nicht funktionieren kann

Unsere Kolumnistin Margarethe Honisch. - Copyright: Margarethe_Honisch
Unsere Kolumnistin Margarethe Honisch. - Copyright: Margarethe_Honisch

Frugalismus oder auch die FIRE-Bewegung gewinnen immer mehr Anhänger. Dabei steht FIRE für Financial Independence, Retire Early. Das Ziel ist also die finanzielle Unabhängigkeit und der frühe Ruhestand. Ich habe allerdings meine Zweifel daran, ob das alles wirklich so gut funktionieren kann.

Frugalismus statt Fast Fashion

Frugalismus ist genau das, was man sich konträr zu allem, was wir durch Instagram kennen vorstellen muss: Campingplatz statt Hotelsuite, Second-Hand-Klamotte statt Klarna-Schulden und Selberkochen statt Szene-Italiener.

Frugalisten versuchen möglichst viel ihres Gehalts zu sparen, damit sie ihr großes Ziel erreichen: Früh in Rente gehen und nie wieder arbeiten! Grundsätzlich hat der Frugalismus viele positive Aspekte: Indem man möglichst viel Geld spart, lebt man auch automatisch nachhaltiger und schon die Umwelt. Schöne Nebeneffekte von Frugalismus sind der Verzicht auf Fast Fashion und ein kleinerer CO2-Abdruck. Bei einer Sparquote von oftmals bis zu 80 Prozent bleibt aber nicht mehr viel Luft für den kleinen Luxus im Alltag.

Tausche Geld gegen Zeit

Was Frugalisten später wollen, ist Zeit zu haben. Was sie jetzt dafür tun, ist ihre Zeit einzutauschen, um Geld zu sparen. Anstatt komfortabel das Taxi zu nehmen, wenn die Bahn ausfällt, läuft oder wartet man eben. Anstatt etwas Kaputtes gegen etwas Neues auszutauschen oder vom Fachmann reparieren zu lassen, macht man sich die Mühe, stundenlang YouTube-Videos zu schauen und danach einen ganzen Tag lang die Waschmaschine auseinanderzunehmen, um Geld zu sparen.

Wie gesagt: Frugalismus ist nachhaltig und dieser Punkt ist überaus positiv. Aber es ist ein Äquivalenztausch, wenn ich heute viel Zeit dafür aufbringe, Geld zu sparen, damit ich später genau diese Zeit wieder zur Verfügung habe. Vielleicht ist es sogar ein noch schlechterer Deal. Da müsste man sich die philosophische Frage stellen: Wann ist Freizeit wertvoller? In jungen Jahren, wenn ich fit bin und währenddessen einen Berg besteigen kann? Oder in älteren Jahren, wenn ich sowieso am liebsten im Garten abhänge und meine Ruhe haben will?

Nie wieder arbeiten – und dann?

Ein weiterer Punkt, bei dem ich mir sicher bin, dass einige Frugalisten ihn noch nicht ausreichend durchdacht haben, ist die Frage nach dem Zeitinhalt: Was mache ich denn später mit den acht Stunden mehr Freizeit, die ich habe? Viele antworten, dass sie dann etwas Sinnvolles machen wollen, das sie erfüllt und ihnen Spaß macht. Verstehe ich total! Aber vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einmal einen Blick auf die aktuelle Situation werfen und die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit. Vielleicht muss ich gar nicht frugal leben, sondern meinen Job oder meinen Arbeitgeber wechseln?

Noch dazu kommt: Wenn ihr diesen Text gerade in eurem Home-Office oder im Großraumbüro lest und bei strahlendem Sonnenschein nach draußen schaut, wünscht ihr euch sicherlich auch jetzt lieber in einer Hängematte am Strand zu liegen und nichts zu tun. Was zwei Wochen im Urlaub erholsam ist, wird nach spätestens zwei Monaten langweilig. In der Regel arbeiten wir Menschen nicht nur für Geld, sondern auch für die Wertschätzung, Bestätigung und vielleicht sogar Erfüllung, die wir bekommen. Der 8-Stunden-Tag ist sicherlich bald fällig. Die Frage ist jedoch: Was mache ich denn, wenn ich 40 Jahre lang gar keine Aufgabe habe?

Viele prominente FIRE-Anhänger wie Scott Rieckens oder Mr. Money Mustache sind der Beweis dafür. Anstatt am Strand abzuhängen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, fliegen sie um die Welt, um in Vorträgen oder auf Panels über ihren Frugalismus und ihren Ruhestand zu berichten. Wie gesagt: Der Mensch braucht eben eine Aufgabe.

Frugalismus und die Fehlkalkulation

Wie viel Geld brauche ich denn jetzt eigentlich, wenn ich als frugal leben und früh in Rente gehen möchte? Die klassische Antwort der Frugalisten lautet: Wenn ihr von 4 Prozent eures Vermögens leben könnt, habt ihr euer Ziel erreicht. Oder anders gerechnet: Wenn ihr das 25-fache an Vermögen besitzt, was ihr jährlich ausgebt, könnt ihr euren Job ebenfalls an den Nagel hängen.

Dabei geht man davon aus, dass man inflationsbereinigt eine jährliche Rendite von 5 Prozent erzielt. Abzüglich Steuern bleiben mir in etwa 4 Prozent übrig. Diese Summe kann ich also jährlich aus meinem Grundstock entnehmen, ohne an mein Kapital zu gehen.

So, und hier haben wir bereits zwei große Probleme. Erstens: Diese Rechnung klingt gut, wenn ich mit einer Inflation von 2 Prozent rechne. Was ich euch aber nicht erklären muss, ist, dass wir aktuell eine Inflation von fast 8 Prozent haben. ExpertInnen gehen davon aus, dass wir erst im September das Tal der Tränen erreicht haben und die Inflation ab da langsam wieder sinkt. Was wir aktuell auch gut beobachten können: Ich mache nicht jedes Jahr 5 Prozent inflationsbereinigter Rendite.

Was passiert also, wenn ich nun mehr Geld brauche und mein Kapital sich ein ganzes Jahr lang verkleinert, statt zu sinken? Richtig: Ich muss an den Grundstock ran. Und schon geht meine Rechnung nicht mehr auf. Denn plötzlich habe ich nicht mehr das 25-fache meiner Jahresausgaben zur Verfügung, sondern nur noch das 24-fache und im Jahr darauf vielleicht das 23-fache und so weiter. Ich muss mir also Geld beschaffen. Sprich: Wieder arbeiten gehen. Und wer stellt eine 50-Jährige ein, die seit 10 Jahren aus dem Job raus ist?

Noch dazu kommt: Was ist, wenn sich meine Bedürfnisse doch ändern und ich mehr Geld zum Leben brauche? Weil beispielsweise Mieten explodieren oder ich meine Kalkulation als Single gemacht habe – nun aber zwei Kinder und einen hungrigen Labrador habe?

Frugalismus ist etwas, von dem unsere Gesellschaft in Zeiten von Klimakrise und steigenden Konsumschulden sicherlich mehr gebrauchen könnte. Die Frage ist jedoch die persönliche Motivation und die entscheidende Problematik: Habe ich wirklich alles gut durchgerechnet? Denn was niemals passieren sollte, ist, dass am Ende vom Geld noch ganz viel Leben da ist.

Margarethe Honisch ist Finanzbloggerin und Buchautorin. Auf ihrer Website Fortunalista und ihrem gleichnamigen Instagram-Account gibt sie Tipps rund um Altersvorsorge und Geldanlage. Für Business Insider schreibt sie die Kolumne „Aus Geld mehr machen“.

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