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Mehr Schein als Sein: Was Megalomanie genau ist — und wie ihr erkennt, ob jemand an Größenwahn leidet

·Lesedauer: 4 Min.

Megalomanie, Größenwahn, Selbstüberschätzung, Hybris – es gibt verschiedene Bezeichnungen für den Zustand der systematischen Fehleinschätzung des eigenen Könnens. Immer der Größte, immer die Beste sein, Ziele erreichen, die für andere scheinbar nicht zu erreichen sind. Doch was genau versteht man unter Megalomanie? Ist es einfach eine Eigenschaft von Menschen, ist es krankhaft? Und wer ist am häufigsten davon betroffen?

Theodor Itten ist Psychotherapeut und klinischer Psychologe. Neben anderen Publikationen schrieb er auch das Buch „Größenwahn. Ursachen und Folgen der Selbstüberschätzung“. Im Interview mit Business Insider erklärt er: „Größenwahn ist die Überschätzung des Ichs und der Versuch, andere Menschen von der eigenen fantasierten Grandiosität zu überzeugen.“ Das kann sogar so weit führen, dass Betroffene andere Menschen in ihrem Umfeld mit ihrem Wahn gänzlich „anstecken“. Zum Beispiel bei Sekten, Propheten oder religiösen Anführern ist das häufig der Fall – hier tritt Größenwahn häufig bei den Anführerinnen oder Anführern auf.

Wie äußert sich Größenwahn?

Die krankhafte Selbstüberschätzung tritt meist mit den fünf Eigenschaften des krankhaften Narzissmus auf: Egozentrik, Empathiemangel, Empfindlichkeit, Externalisierung und die Entwertung anderer. Größenwahn kann eines der Symptome sein bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie, Manie oder Psychosen.

Er tritt allerdings auch einzeln auf, sodass es unter Experten auch eine eigene Diagnose für den Größenwahn gibt. Kennzeichnend ist: Die Betroffenen überschätzen sich selbst und schreiben sich Eigenschaften, Ta­lente und Fähig­keiten zu, über die sie eigentlich gar nicht verfügen. Dabei belügen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld. Oft ist die Ursache für Megalomanie ein Minderwertigkeitskomplex, erklärt Itten, entstanden in der Kindheit und Schulzeit.

Wer ist am häufigsten von Größenwahn betroffen?

Meist seien es Männer mit dominanten Vätern, die ein großes Geltungsbedürfnis hätten, so Itten. „Es handelt sich um frustrierte Menschen, die sich etwas anderes wünschen als das, was sie bisher erreichen konnten.“ Besonders in der Politik und Wirtschaft fände man megalomanische Personen. Itten stellt auch fest: Prominente, die an Größenwahn leiden oder litten, haben vor allem eine Gemeinsamkeit – eine eher kleine Statur. Diese generiere oft Gefühle von Minderwertig, schreibt Itten in seinem Buch.

Die „ängstliche, abhängige und unzufriedene Verhaltensart“ der Betroffenen werde durch „intelligent eingesetztes, gut vernetztes und finanziertes Machtstreben kompensiert“, so der Experte. „Der innere seelische Machtgenuss steigt mit dem Ausmaß der eigenen und fremden Überschätzung.“

Bekannte Beispiele von Megalomanie

Itten kann nicht genau beziffern, wie häufig der Größenwahn vorkommt. Gerade in „unserem politischen und wirtschaftlichem Alltag“ gebe es aber einige Machthaber wie Orbán, Kapuściński, Bolsonaro, Erdoğan, Putin oder Trump, bei denen er den Verdacht hat, dass es sie betreffen könnte. Auch Napoleon Bonaparte und Hitler waren wohl Megalomanen, sagt Itten.

Ein Fall, bei dem Megalomanie sogar vor Gericht eine Rolle spielte, war die Verhandlung von Manfred Schmider. Er war als CEO des Unternehmens „FlowTex“ für einen der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der Bundesrepublik verantwortlich. „FlowTex“ verkaufte Horizontalbohrmaschinen, die in Realität gar nicht existierten. Schmider ließ sich Millionenkredite auszahlen – und gründete immer mehr Tochterfirmen, um sein Schneeballsystem aufrechtzuerhalten. Letztendlich entstand in fünf Jahren ein Schaden von 4,2 Milliarden D-Mark.

Als der Flowtex-Skandal vor Gericht verhandelt wurde, diagnostizierte ein Psychiater anfangs Megalomanie bei Manfred Schmider. Das hätte bedeutet, dass Schmider sich auf Schuldunfähigkeit hätte berufen können – immerhin gilt Größenwahn als psychische Erkrankung. Psychisch kranke Menschen können als schuldunfähig gelten, wenn ihre Erkrankung es ihnen unmöglich macht, das Unrecht der Tat einzusehen und dementsprechend zu handeln.

In einem zweiten Gutachten sagte der Gießener Psychiater Willi Schumacher jedoch später, Schmider hätte 'nur' ein sogenanntes „Harry Potter-Phänomen“ der halluzinatorischen Wunscherfüllung. Zwar leide er unter Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen, es handle sich jedoch nicht um eine psychische Erkrankung – sodass er vollkommen schuldfähig sei. Manfred Schmider wurde 2001 letztlich wegen Betrugs in 243 Fällen schuldig gesprochen und zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Den Fall des FlowTex-Skandals könnt ihr in der dieser Folge des Business Insider Podcasts „Macht und Millionen“ nachhören.

Ist Größenwahn behandelbar?

„Ja“, sagt Theodor Itten. „Soweit die Betroffenen sich in einer Not nach einer Entdeckung emotional in ihrem Lügensystem erkennen können.“ Bloßstellungen der Betroffenen können dazu führen – oder die Person einmal auflaufen zu lassen, sagt der Psychologe.

Es sei wichtig, dass die Menschen im Umfeld emotional ehrlich und aufrichtig zu den Betroffenen sind. „Man darf die Größenwahn-Lügen nicht akzeptieren und so selbst Teil des Wahns werden.“ Das mag zwar schwer sein, besonders, wenn der oder die Betroffenen einem nahe steht, aber so könne man ihnen tatsächlich am besten helfen. Itten sagt: „In der Trauer des Zusammenkrachs eines Lügengebäudes kann dann etwas Neues entstehen.“

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