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Deutscher Batterie-Spezialist Akasol: „Mehr Erfahrung als Nikola, Tesla und Hyzon zusammen“

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Der Chef von Akasol Sven Schulz hat gerade eine neue Gigafactory eingeweiht. Bei Elektro-Nutzfahrzeugen sieht er das Darmstädter Unternehmen vorn.

Es stimme, räumt Sven Schulz ein: Die neue Akasol-Gigafactory in Darmstadt sei kleiner als die, die Tesla derzeit in Brandenburg errichtet. Doch sich deshalb hinter Tesla verstecken, das kommt für den Mitgründer und Chef des Batterie-Spezialisten Akasol nicht infrage.

Schulz verweist auf die eigenen Kompetenzen. „Wir haben im Bereich elektrischer und Brennstoffzellen-Nutzfahrzeuge mehr Erfahrung als Nikola, Tesla und Hyzon zusammen“, sagt der 44-Jährige selbstbewusst. Akasol habe mehr als 2500 Nutzfahrzeug-Anwendungen in Europa und Nordamerika mit Batteriesystemen ausgestattet.

Akasol ist einer der deutschen Hidden Champions. Die Firma ist spezialisiert auf Batteriesysteme für Nutzfahrzeuge wie Busse oder Lkws sowie Baufahrzeuge, Schiffe oder auch den stationären Einsatz. Die Batteriezellen werden eingekauft und dann mit modernster Software kombiniert zu hocheffizienten Systemen verarbeitet. Kunden sind etwa Daimler und Volvo.

Gegründet wurde die Firma 1989 von Studenten der TU Darmstadt, die als ein Projekt einen elektrischen Rennwagen bauten. Schulz stieß 2006 dazu. Zuvor arbeitete der Jungmanager im Familienbetrieb: Die Schulz Group aus Ravensburg ist Softwareanbieter für den Maschinenbau, hat aber auch Kunden in der Autoindustrie

Darüber wurde man auf Akasol aufmerksam und erkannte deren Potenzial. Die Familie stieg bei der Ausgründung im Jahr 2008 ein. Mittlerweile ist das Unternehmen börsennotiert, die Schulz-Familie hält gut 47 Prozent.

Starke Expansion in Deutschland und den USA

Seit 2018 ist Schulz Vorstandsvorsitzender von Akasol und treibt die Expansion mit Macht voran. Vor wenigen Wochen eröffnete in Darmstadt eine neue Fabrik für Batteriesysteme. Auf 20.000 Quadratmetern ist Platz für eine Produktionskapazität von bis zu fünf Gigawattstunden.

Das ist zwar deutlich weniger als jene rund 730.000 Quadratmeter, die Tesla-Chef Musk in Brandenburg überbauen will. Doch der Vergleich hinkt. Musk – den Schulz zu seinen erklärten Vorbildern zählt – will in Grünheide vor allem komplette Autos bauen, während Akasol sich ausschließlich auf die Batteriesysteme konzentriert.

Doch Schulz kämpft vehement dafür, auch die deutschen Kompetenzen bei der Elektromobilität wertzuschätzen, gerade im Bereich Nutzfahrzeuge. „Wir sind hier führend“, sagt er: „Das wissen viele nicht, vielleicht weil wir keine kompletten Lkws bauen und die Erfolge deutscher Unternehmen auf diesem Gebiet oft weniger Aufmerksamkeit bekommen.“

Auch in den USA expandiert Akasol. „Wir haben während des Lockdowns in den USA eine Fertigungslinie auf unserem Grundstück in Hazel Park errichtet“, erzählt Schulz. Dabei habe man „Augmented Reality“ genutzt. „Die Mitarbeiter in den USA hatten AR-Brillen auf, mit denen sie neben der realen Welt zusätzlich in Echtzeit digitale Anweisungen und Daten von den Kollegen in Deutschland sehen konnten.“

Modernste Technik kommt auch in der neuen Fabrik in Darmstadt zum Einsatz. Sie ist hochautomatisiert – vom Auspacken der angelieferten Batteriezellen über die Modulproduktion, bis zum fertigen System. „Die Fertigung wird genau überwacht, jeder Schritt dokumentiert, und wir erstellen einen digitalen Zwilling von jedem System“, berichtet Schulz: „Wir können also sofort reagieren, wenn etwa ein Lieferant von uns Zellen aus welchen Gründen auch immer zurückrufen sollte.“

Führend ist auch das Testzentrum, in dem ein großer Shaker Batteriesysteme mit einem Gewicht von bis zu zwei Tonnen durchschütteln und bei unterschiedlichen Klimabedingungen testen kann. „Die 48-Volt-Batteriesysteme, mit denen die Produktion in der neuen Gigafactory gestartet wurde, nutzt ein großer Baumaschinenhersteller, um im ersten Schritt kleine Bagger und Radlader als Serienprodukt komplett zu elektrifizieren“, sagt Schulz.

Kernstück der Fabrik sei aber das neue Ultrahochenergiesystem der dritten Generation mit einer Energiedichte von mehr als 200 Wattstunden pro Kilogramm, wobei beim Gewicht inklusive aller Anbauteile gerechnet wird.

Wirtschaftlich auf der sicheren Seite

„Damit kommen wir in Anwendungsbereiche, die bisher dem Verbrenner vorbehalten sind“, erklärt Schulz: „Wir können zum Beispiel einen Lkw mit bis zu einer Megawattstunde ausstatten, die je nach Bedingung der Fahrtstrecke für 700 Kilometer und mehr reicht.“ Er geht zudem davon aus, dass die Technologie noch nicht am Ende ist. „Bis 2024 werden wir eine weitere Steigerung um 30 bis 35 Prozent sehen.“

Auch wirtschaftlich fühlt sich Schulz trotz der Verwerfungen durch die Corona-Pandemie auf der sicheren Seite: „Wir haben für diese Hochenergiesysteme schon feste Lieferverträge mit zwei großen und bekannten Nutzfahrzeugherstellern. Die Produktion in der neuen Fabrik ist damit zu zwei Dritteln ausgelastet.“

Analysten sehen das Unternehmen auf Kurs. Thomas Schießle und Daniel Großjohann von Equi.ts verweisen darauf, dass Akasol bisher ohne Kurzarbeit und ohne Stornierungen in größerem Umfang durch die Pandemie gekommen ist. Enid Omerovic, Aktienanalyst von FMR Research, sieht in der neuen US-Produktionsstätte einen Meilenstein. Das Unternehmen sei so in der Lage, Nutzfahrzeuge und Busse, die in den USA gefertigt würden, zollfrei mit Batteriesystemen zu beliefern.

Schulz fürchtet jedenfalls nicht, dass er sich mit den Investitionen verheben könnte. „Unser Auftragsbestand liegt mittlerweile bei über zwei Milliarden Euro bis 2027“, sagt er. Und fügt hinzu: „Es handelt sich hierbei um verbindliche Verträge und keine Optionen. Wir fühlen uns damit sehr komfortabel, in den kommenden Jahren weiterhin stark zu wachsen.“