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Warum die Luftfahrt-Manager so frustriert sind

Die Streiks an acht Flughäfen sind für die Branche ein Rückschlag im Bemühen, zuverlässiger zu werden. Die Manager fordern, dass der Bund die Versprechen des Luftfahrtgipfels einlöst.


Es ist ein Erfolg, der überrascht: Mit 69,5 Millionen Flugpassagieren nutzten 2018 so viele Menschen das größte deutsche Drehkreuz in Frankfurt wie niemals zuvor. Fliegen ist offensichtlich attraktiver denn je, obwohl es um die Zuverlässigkeit des Transportmittels so schlecht wie noch nie steht. Das bekommen die Passagiere an diesem Dienstag mit voller Wucht zu spüren.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat das Sicherheitspersonal an acht Flughäfen zu ganztägigen Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Aus dem Warnstreik ist über das Wochenende ein Megastreik geworden, der den Luftverkehr in Deutschland weitgehend lahmlegen wird. Branchenorganisationen wie der Flughafenverband ADV rechnen mit rund 230.000 betroffenen Passagieren. Alleine in Frankfurt wird wohl mindestens jeder dritte Flug ausfallen. Der Flughafen-Betreiber Fraport wappnet sich mit Feldbetten, warmen Decken und Verpflegung für den Chaos-Dienstag.

Der Frust in der Branche ist gewaltig. „Der dritte Streik innerhalb einer Woche, der zudem noch so massiv deutschlandweit ausgeweitet wird, stellt einen enormen Schaden für die Wirtschaft und den gesamten Luftverkehrsstandort Deutschland dar“, mahnt Michael Hoppe, der Generalsekretär des Airline-Verbandes Barig.

Heike van Hoorn, die Geschäftsführerin des Deutsche Verkehrsforums (DVF), erneuert die Forderung nach „gesetzlichen Leitplanken für Streiks bei kritischen Infrastrukturen“. Gemeint sind Regelungen, die zum Beispiel einen Streik in bestimmten Bereichen erst nach dem Scheitern einer Schlichtung erlauben. Auch müsse eine Grundversorgung bei einem Ausstand sichergestellt werden, so van Hoorn.

Die Wut hat einen Grund. Für die Luftfahrtbranche ist der Arbeitskampf ein weiterer Rückschlag in ihrem Bemühen, nach dem chaotischen Jahr 2018, das sie zu einem großen Teil selbst verschuldet hatten, wieder mehr Zuverlässigkeit in die Systeme zu bekommen. Bereits das noch junge Jahr 2019 verheißt nichts Gutes für die Pünktlichkeitsstatistik.


Seit Tagen setzt der kräftige Schnellfall dem Luftverkehr im Süden der Republik zu. Ständig fallen etwa in München, dem zweitgrößten deutschen Drehkreuz, Flüge aus. Hinzu kam in der vergangenen Woche ein Streik der italienischen Fluglotsen. Mit bangen Blicken schauen die Luftfahrt-Manager zudem nach Frankreich. Die Proteste der Gelbwesten wollen dort nicht abebben.

„Es ist wohl eine Frage der Zeit, wann auch wieder die Lotsen einsteigen“, sagt ein Manager. Schon in einigen Wochen – Ende März – startet dann auch noch der Sommerflugplan. Dann werden die Flugpläne deutlich ausgeweitet, es wird wieder eng an den Flughäfen und am Himmel. Dabei herrscht nach wie vor Lotsen-Mangel in Deutschland, der zudem so schnell nicht behoben werden kann.

Auch die Modernisierung der Sicherheitskontrollen – wie die Luftsicherheit eine hoheitliche Aufgabe des Bundes und der Länder – kommt nicht so recht voran. Das zeigte sich am Tag vor Heiligabend, als in Frankfurt viele Reisende wegen zu langsamer Kontrollen ihren Flug verpassten.

Mehrfach schon beklagten sich zuletzt Branchen-Manager, dass der Bund trotz der Zusagen auf dem Luftfahrtgipfel im vergangenen Oktober in Hamburg zu langsam agiere, um Engpässe zu beseitigen. Es sei auch frustrierend, dass es so lange dauere, bis Regeln für neue Sicherheitstechnik verabschiedet werden, entfuhr es zum Beispiel Fraport-Chef Stefan Schulte bei der Vorstellung von Geschäftszahlen im November.

Und Peter Lange, der Chef des Sicherheitsdienstleisters Kötter, der im Auftrag der Bundespolizei die Kontrollen an Flughäfen durchführt, wurde vor einigen Wochen gegenüber dem Fachportal Airliners.de deutlich. Zwar sei im Koalitionsvertrag beschrieben, dass die Kontrollen neu organisiert werden sollen. Auch habe man zugesagt, die Kosten für Kontrollen zu deckeln. „Die Politik hat sich also viel vorgenommen, allerdings keine konkreten Lösungsvorschläge gemacht.“


Auch Barig-Generalsekretär Hoppe schreibt der Politik einiges ins Stammbuch: „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Großbritannien, Spanien, Belgien und den Niederlanden ist die Luftsicherheit in Deutschland nicht nur teuer, sondern auch ineffizient organisiert.“ Die Manager der internationalen Airlines in dem Verband wüssten aus ihren Heimatmärkten, dass Luftsicherheit mit deutlich mehr Effizienz funktionieren könne, ohne dass das Sicherheitsniveau darunter leide. „Deutsche Politik und Behörden müssen hier endlich handeln und die Änderungen anpacken“, so Hoppe.

Doch anpacken müssen an diesem Dienstag nun erst einmal die Airline-Verantwortlichen selbst. Tuifly etwa hat mehrere Flüge an den Flughafen Paderborn verlegt, damit diese doch noch starten können. Das bedeutet allerdings, dass auch die Crews entsprechend umgeplant werden müssen. Das sei ein nicht unerheblicher Aufwand, denn die engen Vorschriften für die Dienstzeiten des fliegenden Personals müssten eingehalten werden, erklärt ein Sprecher. Tuifly fliegt etwa nach Hurghada in Ägypten mit einer Crew hin und zurück. Das passt noch mit den Dienstzeitvorschriften. Doch jede Verzögerung gefährdet diesen Flugplan.

Verdi zeigt sich von all dem bislang unbeeindruckt. Die Gewerkschaft fordert 20 Euro Stundenlohn für alle Mitarbeiter. In dem bisher je nach Bundesland sehr unterschiedlichen Entgeltsystem würde das einen Zuschlag etwa im Osten Deutschlands von bis zu 30 Prozent bedeuten. Die Arbeitgeber bieten bisher ein Plus von bis zu 6,4 Prozent an. Das sei „Lichtjahre“ von einer Einigung im Osten entfernt, verteidigte Verdi-Vorstandsmitglied Ute Kittel am Montag in der ARD den massiven Ausstand.