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Matthias Zieschang – der Bilanz-Historiker des Frankfurter Flughafens


Matthias Zieschang ist ein eher zurückhaltender Mensch. Den 57-Jährigen drängt es nicht in den Vordergrund, Privates hält er am liebsten privat. Doch zuweilen überrascht der Finanzexperte dann doch mit seiner Offenheit. Etwa im vergangenen November, als der Finanzchef des Flughafenbetreibers Fraport in der großzügigen Lobby der Firmenzentrale am Frankfurter Flughafen die Zahlen der ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2018 vorstellt.

Das Stichwort lautet IFRIC 12. Überall in dem Zwischenbericht von Fraport taucht es auf – eine Bilanzierungsvorschrift für Dienstleistungsaufträge, die seit einiger Zeit gilt. Und die die Zahlen von Fraport verzerrt.

Als eine Journalistin nach den Details von IFRIC 12 fragt, muss Zieschang grinsen. „Ich versuche es mal zu erklären“, sagt er. Was folgt, ist die Erläuterung einer Vorschrift, die nicht nur enorm komplex ist, sondern von der Zieschang auch erkennbar wenig hält.

Konkret geht es darum, dass Fraport Aufwendungen für Betreiberkonzessionsverträge, die man etwa für die gepachteten Flughäfen in Griechenland geschlossen hat, bei Umsatz und Ergebnis verbuchen muss, weil das Unternehmen im Gegenzug für den Betrieb und Erhaltungsmaßnahmen an diesen Flughäfen Gebühren verlangen kann. „Fragen Sie mich jetzt nicht, ob das sinnvoll ist“, schließt Zieschang seine Ausführungen.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Fraport-CFO Bilanzierungsregeln infrage stellt. Mehrfach hat sich Zieschang, der in wenigen Tagen 58 Jahre alt wird, als Fan der früheren Bilanzierung nach HGB „geoutet“. In der könne man noch die Handschrift des Finanzvorstands erkennen, erklärte er einst am Rande einer Pressekonferenz.

Der wehmütige Blick in die Vergangenheit ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass Zieschang in seiner Freizeit neben Sport gerne zu Büchern greift, am liebsten zu Geschichtsbüchern. Der Fraport-CFO will Duftmarken setzen, nicht nur einfach Zahlen verwalten.


Das zeigt sich in seiner gesamten bisherigen Laufbahn. Nach dem Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Darmstadt wurde er dort zunächst Wissenschaftlicher Assistent im Fachgebiet Volkswirtschaftslehre (Wirtschaftstheorie) und promovierte.

Danach wechselte er als Referent in das Finanzressort des Chemieriesen BASF. 1994 ging Zieschang zur Deutschen Bahn, wo er das Amt des Hauptabteilungsleiters Finanzstrategie und Planung übernahm. 1997 wurde er Hauptabteilungsleiter des Bereichs Projekt- und Beteiligungsfinanzierung und zugleich Geschäftsführer der Deutsche Bahn Projekt Finanzierungs GmbH.

Es folgte von 1999 bis 2001 ein kleines Intermezzo als CFO der Scandlines AG, einer der größten Reedereien an der Ostsee, bevor er zur Deutschen Bahn zurückkehrte. Dort war der 57-Jährige bis zu seinem Wechsel zu Fraport im Jahr 2007 Mitglied des Vorstands der Deutsche Bahn Netz AG, zuständig für das Ressort Finanzen und Controlling.

Ein ruhiger Zeitgenosse

Viele Stationen – und überall hinterließ Zieschang seine eigene Handschrift. So baute der verheiratete Vater dreier Töchter und eines Sohns bei der Bahn neue Finanzstrukturen auf. Bei Scandlines und später dann bei der DB Netz setzte er Restrukturierungsprogramme um. „Zieschang ist jemand, der sich tief in neue Materien einarbeitet, sie verinnerlicht und sich dabei nicht verliert, sondern immer gelassen wirkt“, beschreibt ein Weggefährte den Manager.

Selbst wenn es mal irgendwo nicht so rundläuft, bewahrt Zieschang Ruhe. Etwa als die Proteste gegen den Bau einer vierten Landebahn am Frankfurter Airport immer heftiger werden. Als er im April 2012 anstelle des verhinderten Fraport-Chefs Stefan Schulte an der Fachhochschule Mainz einen Vortrag über den geplanten Ausbau hält, trifft er auf zahlreiche Lärmgegner, die sich versammelt haben.

Zieschang zieht seine Rede durch, erklärt nüchtern die Notwendigkeit der Erweiterung. Auch als die Lärmgegner hinterher in einem Brief an die damalige Bildungsministerin den Auftritt des CFO bitterböse kritisieren, bleibt der Manager gelassen.


Eine Eigenschaft, die Zieschang hilft, denn er ist auch für die Baumaßnahmen am Flughafen Frankfurt zuständig. Die sind bekanntlich häufig sehr umstritten, aktuell etwa die Errichtung eines dritten Terminals. Zieschang ist stolz darauf, dass der Flughafenbetreiber seine Bauvorhaben bislang immer im Zeit- und Budgetplan umsetzen konnte – anders als etwa am neuen Flughafen in Berlin.

Auch das Thema Übernahmen und Verkäufe fällt in seine Zuständigkeit. Hier kann Zieschang, der einen Lehrauftrag an der Frankfurter Goethe-Universität hat, mittlerweile eine ganze Reihe von erfolgreichen „Deals“ auf seinem Konto verbuchen.

Dazu zählen die Beteiligungen an den 14 griechischen, an weiteren Flughäfen in Antalya, St. Petersburg Pulkovo, Xian (China), Ljubljana sowie zwei großen Airports in Brasilien. Gleichzeitig setzte er den Verkauf der Anteile am defizitären Flughafen Hahn um, ebenso wie die Trennung vom Sicherheitsgeschäft ICTS Europe.

Viele Deals umgesetzt

Bei solchen Transaktionen nutzt der CFO den gesamten Werkzeugkasten an Finanzierungsmöglichkeiten, um für den Flughafenbetreiber möglichst optimale Bedingungen zu erreichen. Dabei kommt ihm zugute, dass die börsennotierte Fraport AG mit dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt – hier über die Stadtwerke – öffentliche Institutionen als Anteilseigner besitzt, die helfen, eine hohe Bonität zu sichern.

Auch wenn die öffentliche Hand auf der Aktionärsseite eine gewisse Sicherheit gibt – Zieschang, parallel auch stellvertretender Vorsitzender des Börsenrates der Frankfurter Wertpapierbörse, liegt viel an der Kommunikation mit dem Kapitalmarkt. Er sieht sich persönlich in der Pflicht, das auch zu liefern, was Fraport verspricht. Darauf achtet der Manager ebenfalls bei Zukäufen. Die gibt es nur, wenn die Rendite passt oder zumindest absehbar ist, dass sie „passend“ werden wird.


„Zieschang will alles im Griff haben“, sagt ein Wegbegleiter. Das sei zuweilen anstrengend für die Beteiligten, aber am Ende gut so. Denn anders als etwa der Flughafen München sei Fraport mittlerweile eine weltweit agierende Gruppe, die eine starke Kontrolle benötige.

Dazu gehört für den CFO auch, dass er sich nicht nur mit Zahlen auskennt. Wer mit Zieschang am Rande von Veranstaltungen ins Gespräch kommt, merkt schnell, dass er sich mittlerweile ein tiefes Wissen über das doch zuweilen sehr eigene Luftfahrtgeschäft angeeignet hat. Diskussionen über neues Fluggerät oder auch Geschäftsmodelle wie das der Billig-Airlines weicht Zieschang nicht aus, er führt sie vielmehr gerne.

Das kann er auch in Zukunft noch ausführlich tun. Sein aktueller Vertrag läuft schließlich bis zum März 2022.