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Masterplan gescheitert – Zetsche verzichtet auf Daimler-Comeback

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Anhaltende Kritik lässt den Ex-Vorstandsvorsitzenden davon Abstand nehmen, Chefaufseher Daimlers zu werden. Das bringt Siemens-Boss Kaeser ins Spiel.

Der ehemalige Daimler-Chef wird nicht dem Kontrollgremium des Automobilkonzerns vorsitzen. Foto: dpa
Der ehemalige Daimler-Chef wird nicht dem Kontrollgremium des Automobilkonzerns vorsitzen. Foto: dpa

Das Timing ist vielleicht nur Zufall. Aber fast auf den Tag genau vor zwei Jahren besiegelten Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff und der damalige CEO Dieter Zetsche in einer Ad-hoc-Meldung an die Aktionäre die Erbfolge an der Spitze des Autobauers. Alles war fein säuberlich geregelt. Das Machtgefüge in der Stuttgarter Mercedesstraße schien auf Jahre hinaus zementiert. Und zunächst verlief auch alles wie avisiert.

Zetsche übergab im Mai 2019 die Leitung des Dax-Konzerns an seinen beruflichen Ziehsohn und Vorstandskollegen Ola Källenius. Doch der zweite Teil seines Masterplans geriet zunehmend in die Kritik. Nach einer zweijährigen Abkühlphase wollte Zetsche auf der Hauptversammlung 2021 eigentlich Bischoff als Oberaufseher beerben und zu Daimler zurückkehren. Daraus wird nun nichts – Zetsche winkt selbst ab.

„Natürlich hätte ich diese Aufgabe gerne gemacht. Ich glaube auch, dass ich sie gut gemacht hätte. Aber in letzter Konsequenz habe ich mich entschieden, dass ich das nicht will, dass ich darauf verzichte“, sagte der 67-Jährige der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS).

Gegen ein Comeback des Managers mit dem markanten Schnauzbart hatte sich eine Reihe größerer Aktionäre ausgesprochen. Der amerikanische Investor Harris Associates sowie die deutschen Fondshäuser Union Investment, Deka und DWS sehen Zetsche als einen der Hauptverantwortlichen für die Milliardenzahlungen im Dieselskandal und den späten Umschwung des Mercedes-Herstellers hin zu Elektromobilität.

„Dass ich jetzt nach 40 Jahren Berufsleben von manchen nicht als Hoffnungsträger, sondern als Belastung angesehen würde – nein, das brauche ich nicht“, gab Zetsche zu Protokoll. Daimler selbst nahm seinen Rückzieher „mit großem Respekt“ zur Kenntnis. Ausdrücklich begrüßt wird der Schritt von Kritikern wie Michael Muders, Fondsmanager von Union Investment: „Dies ermöglicht Daimler die konsequente Neuausrichtung unter dem neuen Management, die aus unserer Sicht dringend nötig ist.“

Überraschungen nicht ausgeschlossen, Enders als Alternative

Wer künftig den 20-köpfigen Aufsichtsrat von Daimler leiten wird, ist noch völlig offen. Das Anforderungsprofil des Kandidaten ist aber klar: Er oder sie müsste viel Erfahrung in der Industrie mitbringen, den Automobilbau verstehen und gelernt haben, mit Krisen umzugehen, heißt es in Konzernkreisen. Darüber hinaus müsste der Nachfolger schon qua Lebenslauf ein internationales „Standing“ ausstrahlen und geübt in der deutschen Mitbestimmungskultur sein, also im Austarieren diverser Interessen.

Im aktuellen Aufsichtsrat gibt es zu Amtsinhaber Bischoff aber kaum eine Alternative. Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht hätte zwar das Format, stünde mit seinen 74 Jahren aber nicht gerade für den gewünschten Generationswechsel. Theoretisch ideal wäre Telekom-Chef Timotheus Höttges – als amtierender Dax-CEO kommt er für den Posten aber derzeit nicht infrage. Unter den zehn Räten der Kapitalseite bliebe damit einzig Joe Kaeser übrig, konstatiert ein Insider. Der scheidende Siemens-Chef ist mit seinen 63 Jahren jung genug und zugleich mit der nötigen Expertise ausgestattet, um den Vorsitz des Kontrollrats zu übernehmen.

Kommt es zu einer internen Lösung, gilt Kaeser als klarer Favorit, heißt es in Konzernkreisen: „Alles spricht für ihn.“ Der öffentliche Geltungsdrang des Managers kommt aber in Stuttgart nicht überall gut an. Am Ende könnte daher auch ein externer Kandidat das Rennen machen, zumal der noch amtierende Chefkontrolleur Bischoff stets für eine Überraschung gut ist.

Als der 78-Jährige beispielsweise den CFO-Posten nach dem Rücktritt des langjährigen Finanzchefs Bodo Uebber im Frühjahr 2019 neu besetzen musste, verkündete die FAS bereits, ein Kandidat „innerhalb des Konzerns, aus dem engeren Machtzirkel erhält den Vorzug“. Ein paar Tage später berief Bischoff aber nicht Mercedes-CFO Frank Lindenberg in den Vorstand, sondern den externen Bewerber Harald Wilhelm von Airbus.

Auch dieses Mal ist ein Überraschungscoup nicht ausgeschlossen. Vielleicht hat er sogar wieder einen Airbus-Bezug. Ex-Chef Tom Enders wäre eine Kaeser-Alternative.