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Martina Merz bleibt auf Dauer Chefin von Thyssen-Krupp

Der Vorstand des Konzerns organisiert sich neu: Interimschefin Martina Merz will den Posten nun dauerhaft übernehmen. Finanzchef Johannes Dietsch tritt ab.

Die bisherige Interimschefin von Thyssen-Krupp erhält einen Vertrag über drei Jahre. Foto: dpa

Seit Wochen rätseln Mitarbeiter und Investoren von Thyssen-Krupp über die Pläne von Martina Merz. Die frühere Bosch-Managerin war im vergangenen Jahr interimsweise vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Chefposten des Konzerns gewechselt, nachdem sich der Konzern von Vorgänger Guido Kerkhoff getrennt hatte. Bislang hatte es geheißen, Merz übernehme das Amt nur für zwölf Monate – nun will sie Thyssen-Krupp dauerhaft führen.

Am Freitag teilte der Ruhrkonzern mit, der Personalausschuss des Aufsichtsrats empfehle, Merz für drei Jahre als Vorstandschefin zu verpflichten. Damit endet ihre Entsendung aus dem Aufsichtsrat. Will sie in das Gremium zurückkehren, müsste sie nun zwei Jahre lang warten, um die Regeln für gute Unternehmensführung des Corporate-Governance-Kodex nicht zu verletzen.

Merz“ bisheriger Statthalter im Aufsichtsrat, Chefkontrolleur Siegfried Russwurm, erklärte: „Für das Unternehmen ist das die beste denkbare Lösung.“ Martina Merz habe bewiesen, dass ihr Wirkung zeige. „Die Veränderungen im Unternehmen sind deutlich erkennbar. Wir wollen, dass sie genauso kraftvoll weitermacht.“

Mit der Ernennung gab der Konzern zudem bekannt, sich einvernehmlich von Finanzchef Johannes Dietsch zu trennen. Der frühere Bayer-Manager war Ende 2018 zu Thyssen-Krupp gekommen, um zunächst die später wieder abgesagte Aufspaltung, später den geplanten und wieder abgesagten Börsengang der Aufzugsparte zu betreuen. Am Ende wurde das Geschäft verkauft. Dietschs Aufgaben übernimmt nun der bisherige Vorstand für die Werkstoffgeschäfte, Klaus Keysberg.

„Der Aufsichtsrat dankt Johannes Dietsch außerordentlich für seine Arbeit, die er in schwieriger Zeit für Thyssen-Krupp geleistet hat“, so Russwurm. „Vor allem am erfolgreichen Verkaufsprozess des Aufzuggeschäfts hat er entscheidend mitgewirkt. Ich habe großes Verständnis dafür, dass er seine Aufgabe im Unternehmen damit beenden möchte.“

Mit der Bekanntgabe endet für Thyssen-Krupp die jahrelange Suche nach einer Führungsperson, die von allen Stakeholdern gleichermaßen getragen wird. Mehrere Manager hatten das Unternehmen zuletzt mehr oder weniger freiwillig verlassen, nachdem deren Rückhalt im Aufsichtsrat und bei den Großinvestoren angesichts der seit Jahren anhaltenden Misere immer weiter schwand.

Wichtiger Meilenstein erreicht

Die jetzigen Personalien bedeuten auch ein Entgegenkommen an die kleineren Aktionäre, die bereits bei der Hauptversammlung im Februar teilweise lautstark gefordert hatten, die Baden-Württembergerin solle das Amt auf Dauer übernehmen. Auch die Krupp-Stiftung und der Investmentfonds Cevian, die jeweils mit 21 beziehungsweise 18 Prozent an Thyssen-Krupp beteiligt sind, hatten Merz zuletzt in ihrem Kurs bestätigt – das war bei ihren Vorgängern zuletzt nur noch selten der Fall.

Die Strategie des jetzigen Vorstands zielt darauf ab, Thyssen-Krupp so schnell wie möglich bilanziell zu sanieren. Mit dem Verkauf der Aufzugsparte an ein Konsortium um die Finanzinvestoren Advent und Cinven für 17,2 Milliarden Euro hat der Ruhrkonzern dabei vor wenigen Wochen einen wichtigen Meilenstein erreicht. Mit dem Geld sollen Schulden getilgt und Pensionen bedient werden – was übrig bleibt, soll in die weitere Entwicklung der Geschäfte fließen.

Im Fokus steht dabei die Stahlsparte, für die der Vorstand derzeit einen neuen Tarifvertrag mit den Arbeitnehmervertretern aushandelt. Der bisherige Plan von Stahlvorstand Bernhard Osburg sieht einen Abbau von rund 2800 Stellen in den nächsten Jahren vor, zudem sollen rund 800 Millionen Euro zusätzliche Investitionen in das Geschäft fließen.

Das Konzept steht aber noch unter dem Vorbehalt der Konzernführung in Essen, die angesichts der derzeitigen Marktlage wohl einen großen Teil der Finanzierung stemmen müsste. Auch die IG Metall muss dem Plan erst noch im Rahmen eines Tarifvertrags zustimmen. Dabei sind noch mehrere Punkte des Konzepts strittig.

So sieht eine Forderung des Vorstands vor, dass die Stahlkocher für die Finanzierung der Investitionen drei Jahre lang auf zusätzliches Urlaubsgeld in Höhe von 1.000 Euro verzichten. Als „Griff in die Tasche der Kolleginnen und Kollegen“ kritisierte Stahl-Betriebsratschef Tekin Nasikkol die Idee. „Da sage ich klar und deutlich: Das werden wir nicht mitmachen.“

Die IG Metall rechnet für den 24. März mit einem Abschluss der Verhandlungen. Angesichts der Coronakrise will die Gewerkschaft allerdings darauf verzichten, die finalen Verhandlungen mit Tausenden demonstrierenden Stahlarbeitern zu begleiten. „Wir können die Kolleginnen und Kollegen nicht auf die Straße bitten“, so Nasikkol.