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Das ist Marina Owsjannikowa, die im russischen Fernsehen gegen Putins Krieg demonstrierte — und nun vor Gericht steht

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„Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen. Russen sind gegen Krieg.“ Mit diesen Sätzen auf einem Plakat hat die Redakteurin Marina Owsjannikowa im Moskauer Staatsfernsehen gegen Russlands Angriff auf die Ukraine protestiert. In den Hauptnachrichten "Wremja" hielt sie ihr Plakat in die Kamera und lief hin und her, während die Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa über Sanktionen des Westens sprach. "Nein zum Krieg!", rief Owsjannikowa, bevor die Sendung unterbrochen und ein anderer Beitrag eingeblendet wurde.

Der Protest der 44-jährigen zweifachen Mutter ist in dem fast militärisch geregelten Sendebetrieb des Staatsfernsehens mit kremltreuen Propagandisten beispiellos.

Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete den Vorfall als „Rowdytum“. Nicht einmal die Staatsmedien kamen umhin, darüber zu berichten. Die Bedeutung der Sendung „Wremja“ ist mit der „Tagesschau“ in Deutschland vergleichbar.

Nach ihrem Protest steht Owssjannikowa nun vor Gericht. Der prominente russische Journalist Alexej Wenediktow veröffentlichte am Dienstag ein Foto, das sie mit ihrem Anwalt Anton Gaschinski in einem Gerichtsgebäude zeige. Zuvor hatte es stundenlang keine Spur von ihr gegeben.

Russische Medien berichteten, dass die TV-Mitarbeiterin wegen der Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion belangt werde. Ihr drohe eine Arreststrafe von zehn Tagen oder 30 000 Rubel (226 Euro) Ordnungsstrafe oder bis zu 50 Stunden gemeinnützige Arbeit. Es wird aber auch befürchtet, dass die Redakteurin nach dem umstrittenen neuen Gesetz wegen Diffamierung der russische Armee belangt werden könne. Dabei drohen bis zu 15 Jahre Haft.

In den russischen Staatsmedien ist es untersagt, von einem Krieg zu sprechen. Die Staatsführung nennt den Krieg in der Ukraine eine «militärische Spezialoperation».

Owsjannikowa hatte vor dem TV-Auftritt ein Video aufgenommen, das sich nach der Aktion schnell verbreitete. Darin sagt die Mitarbeiterin des Senders, sie schäme sich dafür, jahrelang Kreml-Propaganda verbreitet zu haben. „Was in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen.“ Verantwortlich für die Aggression sei nur Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie rief ihre Landsleute dazu auf, gegen den Krieg zu protestieren. „Es liegt nur an uns, diesen ganzen Wahnsinn zu beenden.“ Der Staat könne nicht alle einsperren.

Die zweifache Mutter erläutert ihre Motive in einem Video

Owsjannikowa, die in dem Video eine Kette mit den Farben der Flaggen Russlands und der Ukraine trägt, erzählt, dass sie Tochter eines Ukrainers und einer Russin sei – „und sie waren nie Feinde“. „Diese Kette an meinem Hals ist wie ein Symbol dafür, dass Russland den Bruderkrieg sofort stoppen muss und unsere Brudervölker sich noch versöhnen können.“

Nach ihrem Protest wurde ihr weltweit eine Welle der Anerkennung zuteil. Der Mitschnitt der Szene, in der sie mit einem handgeschriebenen Plakat hinter der Nachrichtensprecherin auftaucht, wurde am Dienstag vielfach geteilt. „Was Mut wirklich bedeutet“, schrieb etwa Pianist Igor Levit dazu. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei ihr. Er lobte Russen, „die versuchen, die Wahrheit zu sagen“.

Und auch das Lager des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny bedankte sich bei ihr, nachdem sie in dem Video kritisierte, dass der Kremlgegner vergiftet worden sei. Bis heute leugnen Kreml und Russlands Staatsfernsehen, dass Nawalny 2020 nur knapp einen Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok überlebte. Nawalny, der im Straflager sitzt und dem in einem neuen umstrittenen Prozess viele Jahre Haft drohen, hatte Putin persönlich für das Attentat mit dem verbotenen chemischen Kampfstoff verantwortlich gemacht.

Nawalnys Team kündigte an, die TV-Redakteurin zu unterstützen. Mann wolle die Strafen übernehmen, die gegen sie verhängt werden könnten, schrieb Maria Pewtschich aus Nawalnys Team am Dienstag bei Twitter. Russische Journalisten dürfen nicht von Krieg sprechen, sondern nur von einer "militärischen Spezial-Operation". Da gab es noch die Hoffnung, dass es nur bei einer Geldstrafe bleiben könnte.

DPA / ro

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