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Das ist der Mann, der über Ex-Audi-Chef Stadler richten wird

Stefan Weickert steht plötzlich im Rampenlicht. Der Richter wird ab Ende September im ersten Dieselskandal-Strafprozess Urteil sprechen.

Der Richter urteilt in einem der größten Prozesse, die es in Deutschland je gab (Archivfoto 2007). Foto: dpa

Noch gibt es nicht einmal ein offizielles Pressefoto von ihm. Doch ab dem 30. September wird sich Stefan Weickert den Kameras nicht mehr entziehen können. Dann startet der Prozess im wichtigsten Fall seiner Karriere, gar einem der größten Fälle, den ein Richter hierzulande je auf dem Schreibtisch hatte. Der Dieselskandal bei Audi.

Der Fall des Ingolstädter Autobauers wird der erste deutsche Strafprozess um millionenfache Manipulationen an Dieselfahrzeugen. Dass es dazu kommt, dafür hat Weickert nun selbst den Weg geebnet. Der Vorsitzende Richter der 5. Strafkammer am Landgericht München II hat die Anklage zugelassen.

Damit sitzen demnächst der langjährige Ex-Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler, der frühere Motorenchef Wolfgang Hatz und zwei Ingenieure vor ihm auf der Anklagebank und müssen sich wegen Betrugs verantworten. An 176 Verhandlungstagen bis Ende 2022 geht es um einen Schaden, den die Ermittler auf bis zu 3,3 Milliarden Euro bezifferten.

Als die Staatsanwälte im Juli 2019 Anklage erhoben und das Verfahren bei der Kammer landete, war die Arbeit an dem Jahrhundertverfahren für Weickert weit entfernt, beschäftigte er sich stattdessen mit Auswüchsen alltäglicher Kriminalität.

Um einen Dealer beispielsweise, der bei einer Fahrzeugkontrolle flüchten wollte und einen Polizisten anfuhr. Es waren Taten, in denen Betäubungsmittel eine Rolle spielten, mit denen sich Weickert auseinandersetzte.

Dann wurde der für das Audi-Verfahren vorgesehene Richter Alexander Kalomiris im Dezember zum Obersten Bayrischen Landesgericht berufen und die für die Wirtschaftsdelikte zuständige 5. Strafkammer brauchte eine neue Spitze.

Der Aufstieg des Audi-Richters

Wenige Wochen später war klar: Weickert, 54 Jahre alt, bis dato Vorsitzender der 2. Strafkammer, hatte das Rennen gemacht. Ein Novize in wirtschaftsstrafrechtlichen Dingen in einem der wichtigsten Verfahren der Republik? Dem anstelle von Dealern nun der Ex-Audi-Chef gegenübersitzt. Wie kam es dazu und kann das gutgehen?

Seit 1994 arbeitet Weickert für die bayerische Justiz, erst als Staatsanwalt in Würzburg, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Generalbundesanwalt. 1999 wechselte er nach München, entschied in Zivil- und dann in Strafverfahren. 2002 kehrte er für drei Jahre zur Staatsanwaltschaft zurück, wurde Gruppenleiter.

2007 schlug Weickert endgültig die Richterkarriere ein. Zehn Jahre lang urteilte er in Zivilsachen, war für Bankenthemen zuständig und Vorsitzender einer Handelskammer.

Seit Anfang 2018 ist er Strafrichter, im April 2020 stieg er zum Leiter der gesamten Strafabteilung beim Landgericht München II auf. Was zeichnet Weickert aus? Verteidiger, die mit ihm zu tun hatten, betonen unisono, wie „außergewöhnlich tief“, wie „akribisch“ er sich in Sachverhalte einarbeite.

Einer, der lange im Geschäft ist und auch Erfahrung in großen Wirtschaftsstrafverfahren hat, sagt: „Er hat den Inhalt der Akten stets so gut drauf wie nur wenige. Und will alles ganz genau wissen, hinterfragt viel.“ Das sind wichtige Voraussetzungen für einen Prozess, in dem es um komplexeste Fragen von Motorensteuerung und Softwarefunktionen geht.

„Anfangs machte er auf mich den Eindruck, etwas umständlich und arg technokratisch zu sein, Typ Buchhalter“, beschreibt ein anderer Anwalt Verhandlungstermine unter Weickerts Vorsitz. Doch im Prozessverlauf habe er sich als sehr strukturierter, pragmatischer Richter gezeigt. Seine Verhandlungen führe er sehr ruhig und souverän, eher kooperativ denn konfrontativ, geben mehrere Anwälte zu Protokoll.

Weickert genießt einen guten Ruf

Und eine Verteidigerin sagt: „Man hat nicht den Eindruck, dass er schnell in eine Richtung tendiert.“ Weickert bringe überdies auch nicht durch spitze Bemerkungen unnötige Schärfe in den Prozess. Wenn es aber zu viel wird, wird er deutlich. So wie bei einem Angeklagten, den er mahnte: „Wenn da nur das kleinste Fitzelchen kommt, geht es schnell“ und ihm so eine klare Warnung vor einem erneuten Haftbefehl mit auf den Weg gab.

In der Münchner Justiz genießt Weickert jedenfalls seit Längerem einen guten Ruf, heißt es in Juristenkreisen. Dass er Angriffen und taktischen Manövern der hochbezahlten Verteidiger von Stadler & Co nicht gewachsen sein könnte, daran glaubt niemand derer, die ihn schon im Gerichtssaal erlebten.

Ein knappes halbes Jahr hat sich Weickert in den Fall Audi eingearbeitet und konnte dabei außerdem auf die Unterstützung der beiden weiteren Richter der Kammer zählen, die seit Beginn des Verfahrens mit dem Fall vertraut sind.

Dass währenddessen die Coronakrise dazu kam, die Arbeit der Justizbehörden an vielen Stellen heruntergefahren wurde und nur noch dringende Fälle verhandelt wurden, hat der Konzentration auf das Mammutverfahren ebenfalls nicht geschadet.

Zu der 429 Seiten langen Anklage und den mehr als 7000 Seiten in den Ermittlungsakten ist seit Jahresbeginn noch weit mehr Material dazugekommen.

Die Verteidiger von Stadler und Hatz, die die Vorwürfe gegen ihre Mandanten scharf zurückweisen, reichten hunderte Seiten Stellungnahmen ein. Dazu kam auch noch ein ergänzendes technisches Sachverständigengutachten zu Daten- und Softwareständen eines Saarbrücker Professors.

Weickert hat sich alles genau angeschaut. Dann hat er die Anklage zugelassen. Und so ein erstes Zeichen gesetzt. Der Andrang dürfte groß sein, wenn es in etwas mehr als 100 Tagen losgeht im 270 Quadratmeter großen Sitzungssaal in der Stettnerstraße 10 in München. Die Justizvollzugsanstalt Stadelheim ist quasi gleich nebenan.