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Drastischer Mangel an Ressourcen bremst den Aufschwung aus

Knitterscheidt, Kevin Kerkmann, Christof Schlautmann, Christoph Menzel, Stefan
·Lesedauer: 7 Min.

Autoindustrie, Metallverarbeitung, Unterhaltungselektronik: Die Industrie könnte sich mehr und schnell erholen. Doch knappe Ressourcen verhindern das.

Als Arcelor-Mittal am Donnerstag seine Jahreszahlen bekanntgab, interessierten die Journalisten vor allem zwei Fragen: Wie geht es weiter mit dem weltgrößten Stahlkonzern, bei dem nun der frühere Finanzchef Aditya Mittal den Posten des CEOs übernimmt? Und mehr noch: Wann endet die Rally des Stahlpreises, der sich in den vergangenen Monaten fast verdoppelt hat?

Vor allem die letzte Frage ist für die Industrie weltweit von Bedeutung. Zuletzt häuften sich Klagen von Metallverarbeitern, dass der dringend benötigte Werkstoff immer häufiger nicht lieferbar ist.

Nun legten mit dem Industrieverband Blechumformung (IBU) und der Fachvereinigung Kaltwalzwerke (FVK) zwei wichtige Abnehmergruppen nach: „Verarbeitende Unternehmen leiden unter Stahlmangel und Höchstpreisen“, teilten die beiden Interessengruppen am Donnerstag in einer Mitteilung mit.

Die Beschwerden reihen sich ein in eine generelle Zeit der Knappheit. Ob Halbleiter, Stahl, Kupfer oder Frachtkapazitäten: Überall sehen sich die Unternehmen mit steigenden Preisen für Vorprodukte und Dienstleistungen konfrontiert, bei denen noch vor der Pandemie keinerlei Engpässe absehbar waren.

Insgesamt stiegen die Weltrohstoffpreise im Januar 2021 um rund 10,5 Prozent an, so eine Berechnung der Deutschen Industriebank (IKB). Zu Lieferengpässen sei es etwa auch bei Kupfer gekommen, das sich im vergangenen Jahr um mehr als 80 Prozent verteuert hat.

Als Ursache sieht Heinz-Jürgen Büchner, Direktor Industrials und Automotive der IKB, einerseits pandemiebedingte Produktionsunterbrechungen in den Kupferminen.

Zeitweise habe die Produktion 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen, so der Marktbeobachter. „Für eine Preisberuhigung ist vor allem eine nachhaltige Normalisierung der Minenförderung erforderlich.“ Dass es im Jahresverlauf zu weiteren Versorgungsengpässen bei bestimmten Produkten komme, sei nicht ausgeschlossen.

In vielen Abnehmerbranchen mache sich deshalb die Sorge breit, dass die Pandemie „die Wirtschaft möglicherweise bis in das Jahr 2022 hinein beeinflussen und zu einem geringeren Wirtschaftswachstum als ursprünglich erwartet führen könnte“, heißt es in der IKB-Untersuchung.

Diese vier Branchen sind derzeit besonders stark von Lieferengpässen betroffen:

1. Automobilindustrie

Bei Volkswagen wird der seit Dezember bestehende Chipmangel auch in den nächsten Monaten das bestimmende Thema sein. Mehr als 100.000 Autos können wegen fehlender Halbleiter voraussichtlich nicht produziert werden. Die Einkäufer von Volkswagen versuchen, die Auswirkungen des Chipmangels so klein wie möglich zu halten. Untereinander helfen sich die Fabriken gegenseitig mit Chiplieferungen aus. Autos mit höherer Rendite wie von Porsche und Audi werden vorrangig mit Chips bedient, um keine allzu großen Löcher in die Konzernkasse zu reißen.

Der eine oder andere Auftrag wird trotzdem unwiederbringlich verloren sein. „Wir gehen nach aktueller Lage davon aus, dass im gesamten ersten Halbjahr die Versorgung mit Chips weiterhin angespannt sein wird“, sagte ein Unternehmenssprecher am Mittwoch. Der VW-Konzern werde alles daransetzen, die ausgefallene Produktion im zweiten Halbjahr nachzuholen. Die Auftragsbücher seien im Moment grundsätzlich gut gefüllt.

Beim neuen Golf beispielsweise reicht der aktuelle Auftragsbestand für die nächsten drei Monate. Volkswagen hofft darauf, dass es im zweiten Halbjahr wieder mehr Chips geben wird. Die Hersteller brauchen mehrere Monate Vorlaufzeit, um wieder mehr Halbleiter zu produzieren.

2. Logistik

Fehlende Transportcontainer, Kapazitätsengpässe in der Seefracht: Worunter europäische Importeure von Artikeln aus Fernost schon seit Monaten leiden, entwickelt sich in diesen Tagen zum Desaster. „Der Seefrachtmarkt befindet sich im größten Chaos seit der Erfindung des Containers“, klagt Patrick Merkel, Geschäftsführer des Hamburger Lieferketten-Spezialisten Prologue Solutions. Dass sich die durch Corona ohnehin angespannte Lage noch einmal verschärft, liegt am chinesischen Neujahrsfest, das am 12. Februar beginnt. An diesem Tag beginnen die einwöchigen Staatsferien, wodurch fast alle Büros und Fabriken schließen, ebenso die Häfen.

Im Vorfeld aber herrscht traditionell Hochsaison. Noch rechtzeitig vor den Feiertagen versuchen viele Händler in Europa, die nach dem Weihnachtsgeschäft geleerten Lager wieder aufzufüllen. Weil gleichzeitig neue Saisonwaren geordert werden, herrscht auch dieses Jahr in Chinas Häfen ein erhebliches Frachtaufkommen.

Wie stark sich die Preise für Containertransporte aus Asien verteuerten, zeigt der Vergleich mit dem Vorjahr. Der Transport eines 40-Fuß-Containers aus China nach Europa kostete im März 2020 rund 1.400 US-Dollar. Ende Januar 2021 lag der Preis bei bis zu 8.000 Dollar. Zum Teil müssen inzwischen Zuschläge akzeptiert werden, damit Lieferungen pünktlich am Zielort ankommen, was den Container mitunter bis zu 10.000 Dollar kosten lässt. Von Juli bis Oktober 2020 kamen rechtzeitig bestellte Waren im Schnitt rund 16 Tage zu spät im Lager an.

Ralf Düster, Vorstandsmitglied des Bochumer Logistiksoftware-Anbieters Setlog, macht deutschen Importeuren derzeit wenig Hoffnung. „Erst wenn die Feiertage und der Abbau der Rückstände nach dem Neujahrsfest beendet sind, rechnen wir Ende März mit einer Entspannung in der Logistik und bei den Frachtraten.“

3. Metallverarbeitung

Die gemeinsame Warnung von IBU und FVK war deutlich. Sie erwarteten, „dass politische Entscheidungen die Interessen von Stahlproduzenten und verarbeitenden Unternehmen gleichberechtigt berücksichtigen“, teilten die beiden Verbände am Donnerstag mit. Vorausgegangen war der Mitteilung ein Vorstoß von zwölf europäischen Wirtschaftsministerien, die sich dafür ausgesprochen haben, die Handelsbarrieren der EU gegen Stahlimporte aus dem Ausland weiter zu verlängern.

Seit Jahren befindet sich die europäische Stahlindustrie wegen globaler Überkapazitäten und der erstarkenden Konkurrenz aus dem Ausland in der Krise. Doch seit dem Ende des vergangenen Jahres hat sich die Situation gedreht: Mit 715 Euro je Tonne warmgewalzten Stahls war der wichtige Industrierohstoff in Europa so teuer wie seit Jahren nicht. Die Liefersituation ist angespannt, weil die Hersteller während der Coronakrise ihre Kapazitäten zurückgefahren hatten.

Nun hält der Hochlauf der Stahlwerke mit der Erholung in vielen Abnehmerbranchen nicht mit. Bereits Anfang der Woche hatten mehrere Unternehmen dem Handelsblatt von Lieferschwierigkeiten bei Stahlprodukten berichtet.

„Es herrscht Knappheit über alle Produktgruppen und alle Güter hinweg“, klagte etwa der Einkaufschef eines Stahlverarbeiters, der jährlich einige Hunderttausend Tonnen Rohmaterial einkauft und namentlich nicht genannt werden will. „Dadurch können wir weniger Aufträge abarbeiten, als eigentlich da wären. So kann der Aufschwung nach der Corona-Delle nicht gelingen.“

Als entscheidend für die Entwicklung der Stahlpreise im laufenden Jahr nennt Heinz-Jürgen Büchner von der IKB nicht nur die Kapazitäten der Stahlhersteller, sondern auch die Entwicklung der Erzpreise, die zuletzt ebenfalls stark angezogen haben. Diese Preissteigerungen setzten auch die Stahlunternehmen unter Druck. „Da hier immer noch nicht das Vorkrisenniveau in der Produktion erreicht ist, wird die Gunst der Stunde für Preisanhebungen genutzt“, so Büchner.

4. Unterhaltungselektronik

Für viele Spielefans war das Weihnachtsfest eine Enttäuschung: Sowohl die Playstation 5 von Sony als auch die Xbox Series S und X von Microsoft waren schnell ausverkauft. Wer unbedingt eine neue Konsole haben wollte, zahlte auf Online-Marktplätzen wie Ebay gut und gerne doppelt so viel, rund 1000 Euro. Sony kommt mit der Produktion nicht hinterher, wie Finanzchef Hiroki Totoki kürzlich berichtete. „Es ist schwierig für uns, angesichts der Knappheit von Halbleitern und anderen Komponenten die Produktion der PS5 hochzufahren.“

Das Beispiel Sony zeigt, wie die Störungen der Lieferkette die Unterhaltungselektronik- und IT-Branche treffen: Kaum ein Gerät kommt ohne Prozessoren, Antennen und Speicherchips aus . Da Millionen Menschen derzeit viel zu Hause sind, sind etwa PCs so gefragt wie seit zehn Jahren nicht. Die Hersteller machen gute Geschäfte – diese hätten im vergangenen Jahr angesichts der Lieferengpässe und Logistikprobleme indes noch besser laufen können, wie der Marktforscher IDC betont.

HP etwa verwies bei der Veröffentlichung der Quartalszahlen darauf, dass die Lieferengpässe das Wachstum in der ersten Jahreshälfte beeinträchtigen werden. Dell ließ die Kunden wissen, dass angesichts der höheren Kosten für bestimmte PCs und Zubehör mit „Preisänderungen“ zu rechnen sei, also Erhöhungen.

Neben Speicherchips und Prozessoren ist eine weitere Komponente knapp: Bildschirme. Die Produktion laufe zwar, allerdings steige die Nachfrage deutlich, berichtet Paul Gagnon, Analyst bei Omdia. Zusätzlich machen sich die Lieferschwierigkeiten bei Halbleitern, die beispielsweise in Flachbildschirmen zum Einsatz kommen, bemerkbar.

Das schlage sich in höheren Preisen nieder, besonders für Fernseher: „Da die Verbraucher in der Pandemie ihr Geld nicht für typische Freizeitaktivitäten ausgeben konnten, hatten sie in vielen Fällen mehr Geld für Elektronik.“