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Wenn Manager fliehen

Der Fall des spektakulär geflohenen Ex-Automanagers Carlos Ghosn zeigt: Droht Wirtschaftsbossen Gefahr, können sie kreativ werden. Sechs Beispiele, die nicht unbedingt zum Vorbild taugen.

Menschen fliehen, seit ihnen Gefahren drohen. Auch mächtige, wohlhabende Menschen, zum Beispiel Wirtschaftsbosse, sehen sich mitunter bedroht: von Gefängnisstrafen etwa. Die Manager-Flucht wird häufig als film- oder, schlimmer noch, als hollywoodreif bezeichnet. Gemeint ist womöglich: Wohlhabende Menschen können und müssen ihre Flucht oft aufwändig durchführen. Ganz unabhängig von einer Wertung ihrer Fluchtursache, kann das Ergebnis für die Öffentlichkeit durchaus unterhaltsam sein. 

Der Ex-Boss im Kontrabass-Koffer

So zum Beispiel die Flucht von Carlos Ghosn, früherer Chef des Automobilkonglomerats Renault-Nissan-Mitsubishi. Der Manager mit den drei Staatsbürgerschaften (brasilianisch, französisch und libanesisch) war im November 2018 in Japan festgenommen worden. Die Vorwürfe lauteten Veruntreuung und Betrug. Ghosn bestreitet die Vorwürfe. Es folgten Anklage und Untersuchungshaft in Tokio, im April 2019 war Ghosn gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden und wartete seitdem im Hausarrest auf seinen Prozess. Ihm droht eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Videokameras überwachten sein Haus, seine drei Pässe hatte Ghosn abgeben müssen – und doch meldete sich der Ex-Manager am Dienstag zur Überraschung der japanischen Justiz (und nicht nur der) aus dem libanesischen Beirut zu Wort.


Er sei aus einem „ungerechten“ Justizsystem geflohen. Bloß wie? Mehreren Medienberichten zufolge soll Ghosn eine private Sicherheitsfirma beauftragt haben, sich als Musikgruppe auszugeben. Die Truppe gab vor, ein Konzert in Ghosns Anwesen zu spielen. Anschließend sollen die falschen Musiker Ghosn in einem Kontrabass-Koffer aus dem Haus geschmuggelt haben. Mit einem Privatjet soll er anschließend via Istanbul nach Beirut geflogen worden sein – angeblich ausgestattet mit einem französischen Pass. Ghosns Frau Carole nannte die kolportierten Fluchtdetails libanesischen Medien zufolge „reine Fantasie“. 

Qingyong Wu, der verschwundene Schuh-Manager

Eine Flucht ohne offensichtliche, drängende Gefahr vollführte ein Firmenchef in China vor rund fünfeinhalb Jahren. Die Meldung an den Aufsichtsrat vom 16. September 2014 war bemerkenswert: Der Finanzchef des chinesischen Schuhherstellers Ultrasonic unterrichtete darin seine Aufseher, dass er Qingyong Wu, den Chef des Unternehmens, seit mehreren Tagen nicht mehr erreiche; ebensowenig dessen Sohn, der als COO agierte. Die beiden Wus hätten ihre Wohnstätten offenbar verlassen und seien nicht mehr auffindbar. Ebenfalls verschwunden waren große Teile des Firmenvermögens, rund 130 Millionen Euro in bar. Die Nachricht verursachte eine gewisse Unruhe, nicht nur im chinesischen Jinjiang, wo die Firma produziert, sondern auch in Frankfurt am Main, wo Ultrasonic gelistet war. Doch der deutsche Aufsichtsratschef der Firma konnte auch nur feststellen, „dass das Zugriffsrecht auf die Konten in Hongkong und China bis heute allein bei Wu senior liegt“.

Am 22. September 2014 meldete sich der – inzwischen seines Amtes enthobene – Firmenchef telefonisch zurück. Es sei alles ein Missverständnis gewesen: Er habe bloß in Hongkong Urlaub gemacht. Anschließend sei er zu einer medizinischen Untersuchung auf die Philippinen gereist. In Manila habe er dann sein Telefon verloren. Die „kleine Summe“, die er der sich „geborgt“ habe, zahle er selbstverständlich zurück. Im März 2015 jedoch meldete die Ultrasonic AG Insolvenz an. 

Zwei Siemens-Manager flüchten aus Griechenland

Auch die Schmiergeld-Affäre des Münchner Industriekonzerns Siemens bewegte Manager zur Flucht: Im Sommer 2009 verließen gleich zwei hochrangige Ex-Siemens-Manager Griechenland, die als Schlüsselfiguren der Affäre gelten. Der frühere Finanzchef von Siemens-Hellas, Christos Karavelas, und auch der frühere Chef der griechischen Niederlassung, Michael Christoforakos. Gegen beide bestand ein Haftbefehl, beide setzten sich nach Bayern ab. Karavelas wollte offenbar weiterreisen: Er hatte rund zwei Millionen Euro nach Uruguay transferiert; doch die griechische Justiz blockierte das Geld.

Christoforakos konnte sich 40 Tage lang verstecken, zuletzt bei einem Gastwirt im oberbayerischen Stephanskirchen bei Rosenheim. Im Juni 2009 nahm ihn dort ein Sondereinsatzkommando der bayerischen Polizei fest. Griechische und deutsche Ermittler hatten Christoforakos vorgeworfen, während seiner Amtszeit Schmiergelder an Politiker in Athen gezahlt zu haben, um seinem Konzern Aufträge zu sichern. Da Christoforakos auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, kam es zu einem Hin und Her zwischen der deutschen und der griechischen Justiz. Im Oktober 2009 schließlich kam Christoforakos nach monatelanger Untersuchungshaft wieder frei, nach Griechenland ausgeliefert wurde er nicht. Dorthin zurückkehren wird er sicherlich auch nicht mehr.

Festgesetzt auf Paros

Auch der ehemalige Siemens-Vorstand Volker Jung, 2018 verstorben, verbrachte im Zuge der Schmiergeld-Affäre unfreiwillig fast eineinhalb Jahre auf der griechischen Insel Paros. Dort hatte sich das Ehepaar Jung im Jahr 1998 ein Ferienhäuschen gekauft. Jung war bis 2003 Verwaltungsratschef bei der Landesgesellschaft Siemens Hellas gewesen und soll, so nahmen die griechischen Behörden an, von Schmiergeldzahlungen gewusst haben. Jung bestritt die Vorwürfe. Auch die Münchner Staatsanwaltschaft konnte ihm bei ihren Ermittlungen keinerlei Verwicklungen nachweisen. Aber nachdem Athener Behörden Jung 2009 zum Verhör vorgeladen hatten, hatten sie ihm anschließend die Ausreise verweigert: Er hatte sich einmal im Monat bei der örtlichen Polizeistation zu melden.

Eingeweihte vermuteten, die Athener Staatsanwaltschaft wollte Jung als Faustpfand im Land behalten – im möglichen Tausch gegen den früheren Siemens-Landeschef Michael Christoforakos (siehe oben). Nachdem seine zahlreichen Anträge, das Land verlassen zu dürfen, zurückgewiesen worden waren, war Volker Jung im November 2010 abgehauen: Mit seiner Frau soll er per Fähre nach Athen übergesetzt haben. Von dort ging es mit dem Auto durch die Halbinsel Peloponnes bis zur Adria, von dort wiederum mit der Fähre nach Italien und weiter bis München.

Der Bauschwindler türmt nach Miami

Der frühere Bauunternehmer Jürgen Schneider ging 1994 pleite, mit 6,7 Milliarden Mark Schulden. Er hatte eigene Firmen gegründet und sich auf die Sanierung von Baudenkmälern spezialisiert. Die Kredite warfen ihm die Banken regelrecht hinterher. Weil Schneider wahnwitzige Renditen seiner Immobilien versprach, die meisten seiner Angaben zu Miete, Nutzflächen, Verträgen und Geschossen waren freilich erfunden. Den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper verleiteten die offenen, von Schneider verursachten Handwerker-Rechnungen in Höhe von fast 50 Millionen Mark 1994 zu dem fatalen „Peanuts“-Zitat. Im April 1994 erfolgte seine überstürzte „Abreise“ in die USA, wie Schneider es später nannte.

Er wolle in der Toskana einige Tage ausspannen, hatte er einen Mitarbeiter noch vor Ostern wissen lassen, doch seine Mitarbeiter in der Firmenzentrale in Königstein sahen ihren Chef nach den Feiertagen nicht mehr wieder. Denn Schneider floh mit seiner Frau über Genf und Washington nach Florida – während in Deutschland seine ganze Schwindelei aufflog. Die Ermittler vermuteten ihn in Paraguay oder im Iran – doch die Schneiders hockten in einem schäbigen Apartmenthaus in Miami. Schneider hatte Bluthochdruck. Da seine Konten gesperrt waren, ließ er sich über einen Mittelsmann regelmäßig Bargeld aus der Schweiz bringen. Außerdem große Samsonite-Koffer gefüllt mit „Büchern, Arzneimitteln, Kosmetika, Heringsfilets, riesigen Stücken Käse für Raclette und allerlei Küchengerät“, wie der Spiegel berichtete. Am 18. Mai 1995 wurden Jürgen Schneider in Miami vom FBI festgenommen. 1997 wurde er wegen Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt.

Die rätselhafte Flucht des Florian Homm

Rätselhaft bleibt die jahrelang Flucht des ehemaligen Finanzspekulanten Florian Homm, die 2013 mit einer Verhaftung in Florenz endete. Homm hatte vielversprechende Voraussetzungen, sein Großonkel war der Versandhauskönig Josef Neckermann. Homm studierte in Harvard, gründete mit 18 die erste eigene Investmentfirma, wurde dann Fondsmanager, Bankdirektor, Investmentbanker, schließlich Hedgefonds-Manager. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs 2007 besaß er zwischen 400 Millionen Euro (laut Manager Magazin) und fast einer Milliarde Dollar (laut dem Spiegel). Homm wettete auf fallende Kurse.


Laut Mietwagen-Unternehmer Erich Sixt ist Homm der „Antichrist“ der Finanzwelt. Im November 2006 wurde in Caracas auf ihn geschossen. Homm überlebte und flog 78 Stunden nach der Operation zu seiner Exfrau nach Miami. Im September 2007 aber hatte Homm sich mit seiner Firma Absolute Capital Management überworfen, einen Großteil seiner Anteile verkauft und war plötzlich untergetaucht. Einfach verschwunden. Seine Feinde – von denen er nicht wenige hat – setzten gar einen Kopfgeldjäger auf ihn an.

Wilde Geschichten rankten sich um den Verschwundenen. Mal hieß es, er sei in Südamerika untergetaucht, oder lebte auf den Gewässern, mit mehreren Pässen; andere wollen ihn in Liberia entdeckt haben (Homm besaß einen liberianischen Diplomatenpass) wieder andere in Ghana. Homm selbst behauptete: „Ich war ab und an in Paris, ich war in der Schweiz, ich habe meine Mutter in Deutschland besucht. Ich war nicht verschwunden.“ Die USA warfen ihm unter anderem Wertpapierbetrug vor, Investoren sollen dabei 200 Millionen Dollar verloren haben. Das FBI wollte ihn wegen angeblichen Anlagebetrugs in dreistelliger Millionenhöhe vor ein US-Gericht stellen.

2012 wurde er wieder mutiger, traf Journalisten unter konspirativen Umständen zu Interviews. Anfang 2013 präsentierte er sich im ZDF-Studio von Peter Hahne. Am 8. März 2013 wurde er schließlich in den Uffizien, der Florentiner Gemäldegalerie, auf Antrag der US-Justizbehörden festgenommen, 15 Monate lang saß er in Auslieferungshaft. 2014 wurde er schließlich überraschend aus der Haft entlassen und kehrte nach Deutschland zurück. Hier liegt keine Anklage gegen ihn vor. Auch wenn Homm seine Zeit zwischen 2007 und 2013 anders nennt: Ein Leben im Exil ist teuer – auch für einen millionenschweren Finanzjongleur. Nach seiner Freilassung verfügte Homm laut eigenen Angaben über „fast nichts“ mehr.