Deutsche Märkte geschlossen

Warum München gute Chancen hat, zur herausragenden Start-up-Fabrik zu werden

Investoren geben den Start-ups im Umfeld der TU München so viel Geld wie nie zuvor. Nun soll die Universität zum unternehmerischen Ökosystem werden.

Garching im Norden von München ist, landschaftlich gesehen, keine Schönheit. Flaches Land, eine Autobahn, gesichtslose Betongebäude. Für Wissenschaftler ist es aber eine Zone des Glücks, 7500 Personen arbeiten im universitären Forschungscampus.

Eine besondere Stellung in diesem Milieu hat eine 17 Jahre alte Heimstatt für Start-ups aller Art, entstanden nach Anregungen aus der Stanford University, die seit Jahrzehnten schon als Brutkasten für High-Tech-Unternehmen des Silicon Valley fungiert.

Die US-Hochschule hat Helmut Schönenberger vor gut 20 Jahren in seiner Diplomarbeit mit der heimischen Technischen Universität München verglichen – und danach in ihrem Umfeld ein „Entrepreneurship Centre“ mitgegründet. Daraus wurde UnternehmerTUM, eine Art Wissenschaftsfabrik für Start-ups.

„Wir sind heute eines der größten Gründerzentren Europas“, sagt Geschäftsführer Schönenberger. Man sei sehr gut geworden in der Skalierung von Geschäften, „sonst wäre es nicht gelungen, Firmen wie Flixbus und Celonis zu Weltmarktführern zu machen“.

In diesem Jahr schafften es die Start-ups von UnternehmerTUM sogar erstmals, in Finanzierungsrunden insgesamt mehr als eine Milliarde Euro einzusammeln. „Das ist Rekord und macht uns stolz“, sagt Schönenberger, „die Summe ist viermal so hoch wie im Vorjahr.“

Prototypen aus dem 3D-Drucker

In einer Vitrine im Entree des TUM-Gebäudes sind Symbole zu den entstandenen Start-ups zu sehen, natürlich auch zum Fernreise-Unternehmen Flixbus und zum Software-Unternehmen Celonis, das Geschäftsprozesse digital abbildet. Beide Firmen sind inzwischen zu „Unicorns“ aufgestiegen – sie werden also von Investoren jeweils mit einem Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Euro taxiert.

Solche Unicorns würden für einen erheblichen wirtschaftlichen Input sorgen und hätten eine sehr positive Strahlkraft, sagt Schönenberger: „Das reißt viele mit, die mit dem Gedanken spielen, Unternehmer zu werden.“ Zum Erfolgsrepertoire gehören auch Konux (Bahntechnik), Lilium Aviation (Flugtaxi) oder Tado (Thermoanbieter).

Und natürlich wird bei UnternehmerTUM auch an jene Studenten der TU München erinnert, die einen von Elon Musk ausgelobten „Hyperloop“-Wettbewerb mit ihrem Team gewannen. Es geht darum, mit einer Kapsel in einer unterirdischen Röhre Geschwindigkeiten von 467 Kilometer pro Stunde zu erreichen und mehr. Entstanden war der siegreiche „Hyperloop Pod“ im Garchinger „Maker Space“, der zur UnternehmerTUM GmbH gehört.

In dieser Werkshalle stehen Studenten und anderen Technikfreunden Industriemaschinen wie Lasercutter oder 3D-Drucker zur Verfügung. Gründer bauen hier Prototypen, nachdem sie ein Gründungszentrum und Förderprogramme durchlaufen haben – und später womöglich durch den Venture-Capital-Fonds des eigenen Hauses finanziert werden.


Ehrgeizige Start-ups und ein neues Wertebewusstsein

So ist die Ideal-Vorstellung. Solche unternehmerischen Servive-Leistungen bietet Schönenbergers Schmiede wie an einer Kette über eigene Firmen an. Der Garchinger Erfolg geht wesentlich auf den langjährigen TU-Präsidenten Wolfgang Herrmann sowie die Unternehmerin und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten zurück.

Sie ist auch Eigentümerin der gemeinnützigen UnternehmerTUM GmbH, die als „An-Institut“ agiert, als hochschulnahe Einrichtung in privater Hand. Start-up-Förderin Klatten bringt ihre Wirtschaftskontakte ein und forderte früh: Wer Geld für Unternehmen will, muss sich selbst vorbildlich unternehmerisch organisieren.

Als neuer TU-Präsident wirkt seit Oktober Thomas Hofmann, der den Garching-Campus generell als, „globalen Austauschplatz des Wissens“ sieht und ein neues Wertebewusstsein für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung anstrebt. Ehrgeizige Start-up-Pläne gehören dazu. Schönenberger unterstützt solche Ambitionen seit diesem Jahr als Honorarprofessor der TU München für Wirtschaftswissenschaften.

Mindestens 200 Start-ups pro Jahr

„Wir nehmen jetzt die nächste Stufe“, sagt er: „Das Ziel ist, nicht einfach nur ein Heim der Entrepreneure zu sein, sondern die gesamte Universität und ihr Umfeld zum Ökosystem für Start-ups zu machen.“ Das „Wissenschaftsunternehmen“ Universität habe immerhin mehr als 40.000 Studenten und 10.000 Mitarbeiter.

„Mit diesen Ressourcen können wir die Zahl der betreuten und begleiteten neuen Unternehmen um das Vier- bis Zehnfache steigern. Meine Tätigkeit als Dozent hilft dabei.“ Statt wie bisher 50 finanzierte Start-ups pro Jahr sollen künftig also bis zu 500 in der Münchener Melange entstehen, mindestens aber 200. Dafür müsste der unternehmerische Gedanke tief in die Fachbereiche der TU gebracht werden.

Im Fokus stehen wichtige Zukunftsthemen wie Molekularbiologie, 3D-Druck, Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik und Robotics. Schönenberger: „Überall brauchen wir Innovationen, wenn der Standort Deutschland im verschärften globalen Wettbewerb mithalten will.“

Inzwischen sieht er seine TUM mit einer „klaren, einheitlichen Strategie“ sogar gegenüber den Start-up-Förderaktivitäten in Stanford im Vorteil. Die einstige Vorbild-Universität sei im Vergleich viel fragmentierter: „Wir haben unseren eigenen Weg gefunden.“

Im Großraum München, bilanziert er, seien die Aktivitäten von Universität, Start-ups und Industrie über die Jahre immer stärker zusammengewachsen: „Wir erleben derzeit eine neue Aufbruchstimmung.“ Dazu gehört auch, dass UnternehmerTUM derzeit bis Herbst 2020 in einem Münchener Kreativquartier ein Zentrum für 250 Start-ups baut. Kosten: rund 30 Millionen Euro.

Die Stadt München überlässt das Grundstück gemäß des Erbbaurechts und ist Minderheitsgesellschafter bei „Munich Urban Colab“. Das Projekt habe Pioniercharakter, sagt Schönenberger: „Wir zeigen, dass große Probleme – wie der Umgang mit Verkehr – nur im Zusammenspiel vieler zu lösen sind, als Partnerschaft zwischen Privatwirtschaft und Staat.“

Auf die Frage, wo man auf diese Art noch Probleme lösen könne, kommt eine schnelle Antwort: „Dieses Modell wäre für die nicht gemanagte Energiewende auch sehr brauchbar.“