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„Mülltrennung kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten“

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Obwohl den Deutschen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird, haben sie mit der Mülltrennung nach wie vor Probleme. Eine Expertin erklärt die Gründe.

Das grüne Gewissen existiert bei vielen immer noch nur auf dem Papier. Foto: dpa
Das grüne Gewissen existiert bei vielen immer noch nur auf dem Papier. Foto: dpa

Es gibt fast nichts, was den Verbrauchern laut eigener Aussage im Moment so wichtig ist wie recycelte Produkte. Gleichzeitig sind die Menschen aber nicht bereit, konsequent ihren Müll zu trennen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Dualen Systeme beim Marktforschungsunternehmen Kantar in Auftrag gegeben haben. Die Ergebnisse liegen dem Handelsblatt exklusiv vor.

Alexandra Ranzinger, Inhaberin der Münchener Marketingagentur Workinghead und Beraterin der Dualen Systeme in Deutschland, erklärt im Interview mit dem Handelsblatt, wie es in Deutschland um das Thema Recycling steht.

Frau Ranzinger, sind die Deutschen Mülltrennungsmuffel?
Die Deutschen trennen schon sehr engagiert, aber es geht natürlich immer noch besser. Die Dualen Systeme sammeln rund 6,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle im Jahr ein, das ist eine ordentliche Menge.

Wie hoch ist der Anteil der Kunststoffe im Gelben Sack, der recycelt wird?
Fast 60 Prozent aller Kunststoffverpackungen aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne werden aktuell recycelt und können für neue Verpackungen und Produkte wiederverwendet werden.
Durch die Corona-Pandemie ist das Aufkommen an Plastikmüll in Deutschland um rund zehn Prozent gestiegen.

Können die Dualen Systeme die zusätzlichen Mengen verarbeiten?
Ja, die Dualen Systeme sind dazu in der Lage und haben sich sehr schnell auf die Erhöhung der Mengen eingestellt.

Sie haben mit den Dualen Systemen eine Studie zum Thema Mülltrennung in Auftrag gegeben. Was ist dabei herausgekommen?
Sehr spannende Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass für rund 80 Prozent der Deutschen bessere Mülltrennung einen wichtigen Beitrag leistet, das Klima aktiv zu schützen. 43 Prozent der Befragten würden „auf jeden Fall“ mehr und besser ihren Abfall trennen, wenn man ihnen die Wege und den Nutzen von Recycling besser erklärt. Das machen wir gerne.

Wie schätzen Sie die Kunden ein – sind sie bereit, mehr Geld für nachhaltiger produzierte Produkte auszugeben?
Unsere Umfrage hat ergeben, dass über 80 Prozent der Deutschen beim Einkaufen ein Produkt vorziehen würden, dessen Verpackung zu 100 Prozent aus Recyclingmaterial besteht. Das ist schon ein echtes Statement. Die Verbraucher achten also mehr denn je darauf, ob Ware umweltfreundlich verpackt ist. Ob sie dafür auch mehr Geld ausgeben würden, ist definitiv ein spannender Aspekt für eine weitere Befragung.

Viele Menschen bevorzugen nach eigenem Bekunden recycelte Produkte – sind aber bei der Mülltrennung nicht konsequent. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Aus meiner Sicht hat das eher etwas mit einem Informationsdefizit zu tun. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer Studie. Immerhin 37,8 Prozent der Befragten schätzen ihr Wissen über Mülltrennung als „top“ ein. 58,2 Prozent verfügen zwar über eine gute Basis, haben jedoch noch erheblichen Bedarf an Detailwissen.

Wenn es Detailwissens bedarf, um Müll zu trennen, stellt sich die Frage, ob Recycling vielleicht zu kompliziert gestaltet wurde …
Alle Verpackungen in den Gelben Sack oder die Gelbe Tonne, außer Glas und Papier – richtige Mülltrennung ist im Kern ganz einfach. Aber es gibt natürlich manche Besonderheiten, wo noch Unsicherheiten bestehen. Hier schärfen wir nach und erklären es verständlich und leicht nachvollziehbar.

Was kann man tun, um die Mülltrennung in der Bevölkerung anzukurbeln?
Erklären, erklären, erklären. Vor allem, dass mit richtiger Mülltrennung jeder Einzelne zu Hause ohne großen Aufwand einen direkten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Auch in den Schulen wollen wir das Thema künftig noch stärker verankern. Dazu produzieren wir zum Beispiel gerade einen Lehrfilm.

Seit März läuft Ihre Kampagne „Mülltrennung wirkt“. Wie lautet Ihr Resümee?
Die Kampagne wird extrem gut angenommen, das Interesse der Menschen ist groß. Wir erhalten mittlerweile auch Unterstützung vom Handel, der uns seine Werbeflächen am Point of Sale für die Information der Verbraucher zur Verfügung stellt. Netto Marken-Discount und Edeka haben sich bereits engagiert, mit vielen anderen Handelsunternehmen sind wir aktuell in Gesprächen für weitere Kooperationen.

Was passiert, wenn die Menschen weiterhin Recyclingmuffel sind? Können die Unternehmen dann noch die geforderten Quoten an recycelten Materialien erfüllen?
Mülltrennung ist alternativlos, um die geforderten Ziele zu erreichen. Ohne richtige Mülltrennung kann es kein vernünftiges Recycling geben. Das übergeordnete Ziel ist und bleibt der Schutz des Klimas. Das betrifft uns alle, daher müssen auch alle motiviert werden mitzumachen.

Wie hat die Coronakrise den Wunsch der Menschen nach Nachhaltigkeit verändert?
Die Einschränkungen des täglichen Lebens haben auch zu einem Bewusstseinswandel geführt. Die Menschen haben sich in den vergangenen Monaten – besonders während des ersten Lockdowns im Frühjahr – intensiv mit Dingen beschäftigt, die bei ihnen zuvor nicht unbedingt im Fokus standen. Dazu gehört auch das Thema Nachhaltigkeit.

Was ist der Grund für die neue Relevanz des Themas Nachhaltigkeit?
Aus meiner Sicht haben sich die Menschen durch eine stärkere Fokussierung auf ihr häusliches Umfeld viel stärker mit den Themen des privaten Alltags auseinandergesetzt. Der Gang in den Supermarkt wurde zu einem elementaren Thema, als alles andere geschlossen war. Viele Produkte erhielten eine ganz andere Relevanz, rückten neu ins Blickfeld der Menschen.

Frau Ranzinger, vielen Dank für das Interview.