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„Mögen weitere folgen“ – Deutsche Politiker begrüßen Werbeboykott gegen Facebook

Als Zeichen gegen Rassismus setzen mehrere Konzerne ihre Werbeanzeigen bei Facebook aus. In Deutschland stößt die Aktion auf ein positives Echo.

Dass immer mehr Konzerne Werbeanzeigen bei Facebook stoppen wollen, um die Online-Plattform damit zu einem stärkeren Vorgehen gegen rassistische und gewaltverherrlichende Inhalte zu bewegen, stößt in Deutschland auf ein positives Echo.

„Wenn zahlungskräftige Konzerne sich nun gegen Hass, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit auf Facebook, Instagram & Co. wenden, indem sie wirtschaftlichen Druck ausüben, ist dies ein guter erster Schritt“, sagte der Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion für Industriepolitik und digitale Wirtschaft, Dieter Janecek, dem Handelsblatt. „Mögen weitere folgen.“ Eine „vollständige Ächtung“ rassistischer Propaganda müsse das Ziel sein. „Rassismus als Social-Media-Geschäftsmodell müssen wir konsequent bekämpfen.“

Coca-Cola will für mindestens 30 Tage jegliche Werbung in allen Online-Netzwerken aussetzen. Die Internet-Plattformen müssten mehr Transparenz und Verantwortung an den Tag legen, teilte das Unternehmen in Atlanta mit.

Zuvor hatte bereits der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever angekündigt, bis zum Jahresende in den Vereinigten Staaten keine Werbung mehr bei Facebook, Instagram und Twitter zu machen. Unilever schloss sich damit einem Boykott anderer Firmen – wie beispielsweise dem amerikanischen Mobilfunkbetreiber Verizon – an.

Laut „Wall Street Journal“ denkt auch der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble über entsprechende Schritte nach. Die Aktien von Facebook und Twitter brachen daraufhin an der New Yorker Börse jeweils mit mehr als sieben Prozent ein.

FDP: Boykott zeigt „Selbstregulierungsfunktion des Marktes“

Bürgerrechtsgruppen hatten zu einem Werbeboykott aufgerufen. Zuvor haben bereits der Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry's sowie die Outdoor-Bekleidungskonzerne Patagonia und North Face angekündigt, zunächst nicht mehr auf Facebook werben zu wollen.

Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sprach von einer „Selbstregulierungsfunktion des Marktes“, wenn Unternehmen ihre Werbebotschaften nicht in einem „Umfeld hasserfüllter oder diskriminierender Aussagen“ platzieren wollten. „Grundsätzlich sollte sich jeder viel stärker bewusst machen, dass er mit seinem Konsumverhalten das Verhalten von Unternehmen stark beeinflussen kann“, sagte Theurer dem Handelsblatt.

Bei aller Machtansammlung insbesondere bei den großen Tech-Konzernen könnten auch die Nachfrager ihre Macht ausspielen. „In diesem Fall erinnert es möglicherweise die Sozialen Medien daran, dass es durchaus auch in ihrem Eigeninteresse ist, ihrer Verantwortung als Medien nachzukommen.“

Der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann sieht den Werbeboykott skeptisch. Er begrüße es zwar ausdrücklich, wenn sich Unternehmen kritisch mit den Auswirkungen ihrer Werbeausgaben befassten. „Allerdings scheint mir hier weniger Selbstreflexion Auslöser zu sein, sondern die Sorge vor negativen Auswirkungen der aktuellen Proteste“, sagte der Bundestagsabgeordnete dem Handelsblatt.

Facebook kündigt Maßnahmen gegen Hass an

Deutschen Unternehmen riet Zimmermann, nicht nur jetzt kritisch zu hinterfragen, wo sie Werbung betreiben. „Da sich soziale Netzwerke fast ausschließlich über Werbung finanzieren kommt den Werbetreibenden eine mächtige Rolle zu“, fügte der SPD-Politiker hinzu. „Wichtig ist dabei nicht nur den amerikanischen Markt zu betrachten.“ Die Probleme in Europa seien vergleichbar.

Der Grünen-Politiker Janecek beklagte, dass algorithmengetriebenes Clickbaiting mit rassistischer Propaganda leider über die Jahre zu einem lukrativen Geschäftsmodell auf diversen Social-Media-Plattformen geworden sei. Dies sei ein Grund für den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen rund um den Globus.

„Während Twitter mit der Kennzeichnung von Falschdarstellungen des US-Präsidenten ein erstes Zeichen gesetzt hat gegen Lügen und Hassbotschaften, ist Facebook weiterhin eine bevorzugte Plattform rechtsradikaler Hater und Provokateure“, sagte Janecek.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg kündigte am Freitag in einem Livestream an, künftig stärker gegen Hassnachrichten vorzugehen, Falschmeldungen unmittelbar vor der US-Präsidentschaftswahl zu löschen sowie die Standards für Werbung zu erhöhen. Zudem soll Facebook Kontakt mit Werbekunden aufgenommen haben, um weiteren Schaden durch den Boykottaufruf abzuwenden. Fast alle Erlöse von Facebook kommen aus dem Anzeigengeschäft.

Einige Unternehmen äußerten Zweifel an den Zusicherungen Zuckerbergs. „Wir glauben nicht, dass Facebook gewalttätige und spalterische Reden auf seinen Plattformen effizient verwalten wird“, teilte der US-Schokoladenproduzent Hershey in einer von der US-Zeitung „USA Today“ zitierten Erklärung mit. „Trotz wiederholter Zusicherungen von Facebook, Maßnahmen zu ergreifen, haben wir keine bedeutsamen Veränderungen gesehen.“

Das Unternehmen, eines der weltweit führenden in seiner Branche, bestätigte „USA Today“ zudem, sich dem Boykottaufruf anzuschließen und bis Juli alle Anzeigen zu stoppen. Zudem wolle es seine Ausgaben für Facebook und Instagram für den Rest des Jahres um ein Drittel kürzen.

„Ich stehe gegen Hass und alles, was zu Gewalt anstachelt“, sagte Zuckerberg in einem Livestream am Freitag am Firmensitz in Palo Alto, in dem er die geplanten Maßnahmen seines Unternehmens ankündigte.

Mit Agenturmaterial