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Männlich, 55 Jahre, deutsch – das ist der typische Dax-Vorstand

Eine Studie zeigt, dass Diversität etwa nach Alter, Geschlecht und Nationalität nicht sehr ausgeprägt ist. Das muss nicht immer ein Nachteil sein.

Deutschlands Topmanager in den Dax-Konzernen könnten einer Neuausrichtung ihrer Unternehmen in Sachen Klimaschutz, aber auch in der technologischen Weiterentwicklung selbst im Wege stehen. Trotz hoher Globalisierung der Geschäfte sind die Vorstände nämlich noch immer sehr homogen zusammengesetzt – was Alter, Erfahrung und Herkunft betrifft.

„Managemententscheidungen könnten von mehr Diversität profitieren“, sagt Wirtschaftsprofessor Stefan Weber, „weil größere Unterschiede im Vorstand etwa bei Alter, Geschlecht, Herkunft oder Qualifikation mehr Perspektiven zur Lösung eines Problems beisteuern.“

Die Realität in Deutschlands Führungsetagen sieht allerdings anders aus. Der typische Vorstand eines Dax-Konzerns ist männlich, 55 Jahre alt, deutsch und mindestens seit 20 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Und er hat Wirtschaftswissenschaften studiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, an der Weber von der Fachhochschule Wedel mitgewirkt hat. Die Studie liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.

Untersucht und bewertet wurden die Vorstände nach Alter, Ausbildung, Geschlecht, Nationalität und Dauer der Unternehmenszugehörigkeit. Daraus entstand ein Diversitäts-Barometer. Und das zeigt: Die führenden Dax-30-Konzerne sind eben nur Durchschnitt. Über alle Unternehmen und Kriterien liegt der Index bei 0,44 – bei einem maximal erreichbaren Wert von eins.

Wenig überraschend: Am schlechtesten schneiden die Unternehmen in der Diversität nach Geschlechtern (Barometer-Index 0,29) ab. Nicht ohne Grund plant die Bundesregierung schon wieder ein Gesetz, das mehr Frauen in Führungspositionen hieven soll.

Frauenförderungsgesetz bislang wenig erfolgreich

Käme der Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey durch, müssten fünf Dax-Konzerne bei Neubesetzungen im Vorstand eine Frau wählen, wollten sie dann nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Nur 29 der 193 Dax-Vorstände waren zum Zeitpunkt der Analyse Frauen.

Durch den unerwarteten Abgang der SAP-Co-Chefin Jennifer Morgan im April sind es jetzt noch 28. Auch der Umbau des Wirecard-Vorstands im Mai änderte daran nichts. Der neue Risikochef ist ein Mann.

Mit einer durchschnittlichen Frauenquote von 15 Prozent, so heißt es in der Diversitäts-Studie, zeige sich, dass die bisherigen regulatorischen Bestrebungen im Zuge des sogenannten Frauenförderungsgesetzes aus dem Jahr 2015 wenig erfolgreich waren. Mit anderen Worten: Es kommt nicht unerwartet, dass die Bundesregierung erneut per Gesetz eingreifen will.

Auffallend sind auch die Werte, wenn es um das Alter der Vorstände geht. Während bei Merck und SAP Jung und Alt zusammenfinden, treffen sich bei Bayer und Daimler meist Vorstandsmitglieder in derselben Altersgruppe. Bei Merck etwa ist CEO Stefan Oschmann Geburtsjahr 1957, Live-Science-Vorstand Udit Batra 14 Jahre jünger. Bayer-Vorstandsmitglieder sind dagegen maximal sieben Jahre auseinander.

Wirtschaftswissenschaftler dominieren

Über 90 Prozent der Dax-Vorstände sind zwischen 46 und 65 Jahre alt. Damit, so heißt es in der Studie, werde zwar der Aspekt Erfahrung stark betont. Andererseits könnten aber „kreative Innovationen gefährdet sein“. Auch ein anderes Kriterium zeigt, dass der Ausbau der Digitalisierung bei Produkten und Produktion nur selten von Experten gesteuert wird.

Wirtschaftswissenschaftler dominieren ganz klar die Vorstände. Rechnet man Wirtschaftsingenieure oder die Studienkombination Ökonomie mit weiteren Fächern hinzu, sind es etwa 60 Prozent. An zweiter Stelle folgen erst Ingenieure mit 16 Prozent. Informatiker sind dagegen rar in den Dax-Vorstandsetagen.

Diversität lässt allerdings keine zwingenden Rückschlüsse auf den Erfolg der Unternehmen zu, räumt Studienautor Weber ein. „Diversity ist wichtig, jedoch nicht alles.“ Natürlich bestehe die Gefahr, dass Diversity-Informationen „gezielt durch das Unternehmen instrumentalisiert werden mit Blick auf eine positive Selbstdarstellungspolitik“.

Aber die aktuelle Krise um den Zahlungsdienstleister Wirecard zeige, dass Vielfalt eben nur einer der kritischen Erfolgsfaktoren sein könne. „Neben Diversität braucht es andere Faktoren, wie insbesondere auch Integrität des Managements sowie damit verbunden ein funktionierendes internes Überwachungssystem, wie der aktuelle Wirecard-Fall verdeutlicht“, sagt Weber.