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Luxus boomt trotz Krise – Sven Odia will Engel & Völkers zur Umsatz-Milliarde führen

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Vor 23 Jahren hat Sven Odia beim Hamburger Makler angefangen, jetzt ist er alleiniger CEO. In Corona-Zeiten boomt das Geschäft mit Top-Immobilien mehr denn je.

In sorglosen Zeiten denke wahrscheinlich jeder, er könne ein Unternehmen führen, sagt Sven Odia und lacht. Beweisen müsse man sich, wenn es komplex wird. Schmerzhaft. Existenziell.

Insofern hätte er wahrscheinlich keinen besseren Zeitpunkt finden können für seinen jüngsten Karriereschritt. Im Sommer übernahm er beim Hamburger Luxusimmobilienmakler Engel & Völkers die alleinige Führung von Christian Völkers, der an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte. Die Stabübergabe bekam selbst in Hamburg kaum jemand mit, da wirklich anderes zu tun war, als Partys zu feiern.

Corona hatte schnell auch den Immobilienmarkt infiziert. Monatelang waren keine Hausbesichtigungen oder gar Notartermine mehr möglich. Überall mussten die Büros von Engel & Völkers geschlossen werden. Es begann zuerst in Mailand und riss alles mit. Die Welt schaltete in den totalen Krisenmodus. Es ging ums Überleben, nicht um Investitionen.

Wie sich allein der Trend zum Homeoffice seither durch die globale Gesellschaft frisst, kann Odia im eigenen Haus ablesen. Das strahlend-weiße Headquarter mit Blick auf Elbphilharmonie und Hafencity ist immer noch weitgehend verwaist. Von den 360 Menschen, die hier normalerweise arbeiten, sind die wenigsten zu sehen. Und das Geschäft?

Man mag es kaum glauben, aber es boomt wieder und mehr denn je: „In den vergangenen Monaten haben wir weltweit 60 Prozent mehr Objekte in der Preiskategorie zwischen zwei und fünf Millionen Euro verkauft als 2019“, sagt Odia. „Die Menschen verändern ihre Bedürfnisse. Sie möchten mehr Platz für sich und ihre Familie: Ein Garten, ein Pool, vielleicht ein Spa wurden plötzlich wichtiger.“

Wenn man bedenkt, dass im vergangenen Jahr 700 der gut 800 Millionen Euro Umsatz bei Engel & Völkers aus der Courtage im Wohnbereich stammten (der Rest sind Gewerbeimmobilien, Financing und die Vermittlung von Jachten sowie Privatjets), weiß man, warum sich Odia so freut. „Es ist ein echter Boom“, sagt er. „Deshalb bin ich auch ziemlich sicher, dass 2020 für uns trotz aller Schwierigkeiten ein weiteres Wachstumsjahr sein wird.“

Diesmal gehe es vielleicht nicht um 100 Millionen nach oben wie in manch anderem Jahr, „sondern nur um 20 oder 30 Millionen“. Aber das sei ja schon „ein Riesenerfolg, wenn man bedenkt, dass wir im Frühjahr ein ganzes Quartal verloren haben“.

Mallorca-Eroberung hilft bis heute

Odia wurde schon in der Schulzeit von der Maklerei infiziert. Bei seinen Eltern lag manchmal zu Hause das Engel- & -Völkers-Magazin „Grund Genug“ herum, das ihn elektrisierte. Die Objekte, die es da zu kaufen gab. Die traumhaften Orte. Die Architektur. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber schon vor dem Abitur schrieb er exakt eine Bewerbung. An wen? Genau: Engel & Völkers nahm ihn. Dort blieb er bis heute.

1997 war das. Die Firma hatte zu jener Zeit rund 100 Beschäftigte. Heute sind es 12.800 in 33 Ländern, verteilt auf 800 Standorte und Market-Center, wie die mittlerweile wieder selbst geführten Metropolenbüros in Hotspots wie Paris, Madrid oder Rom inzwischen heißen.

Odia stieg schnell auf. Die Ausbildung hatte er kaum hinter sich, da überredete er Christian Völkers, das erste Büro auf Mallorca zu übernehmen. Damals wollte die Firma ohnehin gerade via Franchise wachsen. Aber sollte man so einen wichtigen Markt wie die Ferieninsel einem 22-Jährigen überlassen? Odia fuhr mit dem Auto und sechs Computerbildschirmen im Gepäck nach Barcelona, setzte mit der Fähre über – und legte los.

Das war im Sommer 1999. Und es folgten „viele schlaflose Nächte, weil das natürlich am Anfang wirklich hart war“. Den Grundriss des ersten Hauses, in Santa Ponça, das er dann im September verkaufte, kann er heute noch aufzeichnen. Und er weiß noch, wie er mit den Käufern, einem süddeutschen Unternehmerehepaar, danach auf einer Hotelterrasse anstieß.

Die Mallorca-Eroberung hilft Odia bis heute: „Man hat nach innen wie nach außen eine andere Glaubwürdigkeit und auch einen anderen Blick auf die Dinge, wenn man einen Markteintritt von Grund auf selbst durchgeführt hat.“

Nach erfolgreichen Jahren verkaufte er sein Mallorca-Franchisebüro an den Mutterkonzern. Im Gegenzug wurde er Gesellschafter, 2006 Vorstandsmitglied, COO, 2014 Co-Chef neben Christian Völkers, der mit seinem Bruder Thomas bis heute die Mehrheit der AG kontrolliert, die aber nie an die Börse ging. Ein IPO sei auch derzeit „nicht konkret geplant, aber für die Zukunft möchte ich es auch nicht ausschließen“, so Odia.

1981 war Völkers in die 1977 gegründete Firma seines Buddys Dirk C. Engel eingestiegen, der sich dann 1986 tragischerweise das Leben nahm. Bei dem Firmen-Doppelnamen ist es immer geblieben. Die Stabübergabe an den „absoluten Teamplayer“ Odia sei nun „eine logische Konsequenz“, sagt Völkers. „Ich kenne Sven Odia seit über 20 Jahren und weiß schon lange, dass er mit seiner Kompetenz, aber auch mit seinen herausragenden Charaktereigenschaften ein absoluter Glücksfall für Engel & Völkers ist.“

Die Marke sei stark, sagt Odia. „So stark, dass wir mittlerweile das einzige europäische Immobilienunternehmen sind, das es auch in den USA geschafft hat. „Ein steiniger Weg“ sei auch das gewesen. Aber mittlerweile habe man allein in Nordamerika 200 Büros mit 4800 „Agents“.

Der Lohn der Strapaze: Aktuell verdankt Engel & Völkers bereits rund die Hälfte des Courtage-Umsatzes zwei Ländern – den USA und Kanada. „Von Woche zu Woche werden uns von dort Rekordumsätze gemeldet“, erzählt der neue Allein-CEO. „Das hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen.“

Er schwärmt noch immer von dem „Spirit“ beim dreitägigen Firmen-Meeting „Exchange“ in San Diego, wo Anfang März auch die Topverkäufer des Unternehmens ausgezeichnet wurden. Einer der US-Kollegen hat im vergangenen Jahr ein Anwesen in Beverly Hills für den Rekordpreis von 100 Millionen Dollar verkauft. Solche Knaller schafft nicht, wer sich das Makeln mit einem Youtube-Tutorial am Küchentisch selbst beigebracht hat.

Klare Positionierung im Luxusmarkt

Odia weiß, dass das Image seiner Branche noch immer irgendwo zwischen Gebrauchtwagenhändler und Zuhälterei changiert. Aber um sich auch da abzusetzen, durchläuft der E & V-Nachwuchs regelmäßig die eigene Academy, wo in Hamburg genauso wie in New York alle Finessen einstudiert werden – basierend noch immer auf einer internen Fibel, die Christian Völkers einst auf 300 Schreibmaschinen-Seiten verewigt hat.

„Steh auf, wenn ein Kunde hereinkommt“, heißt es da zum Beispiel. Oder: „Beende den Rundgang durch ein Objekt immer im schönsten Raum, nicht gerade im Heizungskeller!“ Odia hat auch noch ein paar Tipps parat: „Wenn ich ein Haus aufschließe, sage ich erst mal nichts und warte die Reaktionen der Kunden ab.“

Er lacht wieder sein makelloses Makler-Lachen. Die Fibel gehört ebenso zum Erfolgsrezept der Firma, wie die klare Positionierung im Luxusmarkt, das mittlerweile engmaschige internationale Netzwerk und natürlich die mit viel Geld ausgebaute technische Plattform. „Als ich hier anfing, hatten wir einen Kollegen, der sich um die IT kümmerte. Heute sind es über hundert.“ Perfekte virtuelle Rundgänge sind da noch die einfachste Übung.

Nicht nur die Branche, auch die Kundschaft hat sich verändert: Da stehen einem heute bisweilen junge Erben gegenüber, die bereit sind, ziemlich schnell ziemlich viel Geld auszugeben. In einer globalisierten Welt und der damit einhergehenden Flexibilität ist das Thema Zweit- und Drittwohnsitz deutlich wichtiger geworden. Dort ist auch die Umschlaggeschwindigkeit viel größer: Während Erstwohnsitze im Schnitt alle 20 Jahre den Besitzer wechseln, sind es bei den Zweitdomizilen nur noch sieben Jahre. Da geht also auch für Engel & Völkers noch was.

„Wir fahren auf Sicht. Aber die Reise beginnt jetzt erst“, sagt Odia. Nächstes Ziel ist die Umsatz-Milliarde. Auch die eigenen Metropolen-Großbüros will er weiter ausbauen. Und ein paar weiße Flecken hat die Engel- & -Völkers-Weltkarte ebenfalls noch. Er ist gekommen, um zu bleiben: 43, verheiratet, zwei Kinder, Finca auf Mallorca, und natürlich spielt er Polo, was bei Engel & Völkers fast schon sportliches Must Have ist. So sind sie dort eben.

Odia reicht es indes auch schon, frühmorgens an der Elbe spazieren zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Auch das macht er nicht nur zum Spaß. An der Zahl der großen Containerschiffe dort kann er immer auch ein bisschen die Stimmung des Welthandels ablesen.