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Lutetia - vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel

Nach jahrelanger Renovierung öffnet in Paris das Hotel Lutetia seine Pforten, das schon eine wechselhafte Geschichte hinter sich hat.


Wird ein bekanntes Hotel wiedereröffnet, ist das eine Nachricht für das Ressort Reise. Anders ist es, wenn das Hotel Schauplatz der politischen und kulturellen Geschichte Europas war und ihm ein Roman sowie eine historische Abhandlung gewidmet wurden, „Lutetia“ von Pierre Assouline und Hotel Lutetia von Willi Jasper.

Am Donnerstag nimmt das im Pariser Stadtteil Saint-Germain gelegene Haus seinen Betrieb wieder auf. Fast vier Jahre haben die Umbauarbeiten gedauert, die angeblich 200 Millionen Euro verschlungen haben. Die Eigner, eine israelische Gruppe, wollen nun in den illustren Kreis der Palace-Hotels vorstoßen. Dem gehören in der französischen Hauptstadt etwa das Ritz, das Royal Monceau und das Peninsula an.

Die Berufung zum Luxus wurde dem Lutetia nicht in die Baugrube gelegt. Gegründet haben es 1910 die Inhaber des gegenüberliegenden ersten Pariser Kaufhauses „Le Bon Marché“, übersetzt: „Das Billige“. Das Lutetia sollte Geschäftspartnern und Kaufleuten eine Bleibe bieten. Rasch fanden sich hier auch Künstler und Intellektuelle aus Frankreich und dem Ausland ein, was damit zu hat, dass Saint-Germain sich damals zum Treffpunkt von Malern und Literaten wandelte.

André Gide, James Joyce, Henri Matisse, die Tänzerin Josephine Baker, sie alle wohnten in dem mit einer Jugendstilfassade geschmückten Haus am Boulevard Raspail. General de Gaulle und seine Frau Yvonne verbrachten hier ihre Hochzeitsnacht.

Ab 1933 kam eine andere Klientel hinzu: aus Nazi-Deutschland geflohene Intellektuelle und Politiker. Bis 1937 bemühten sie sich darum, die gesamte Hitler-Opposition von bürgerlichen Kräften bis zu den Kommunisten zu bündeln. Den „Lutetia-Kreis“ genannten „Ausschuss zur Gründung einer deutschen Volksfront“ führte Heinrich Mann. Schon 1933 hatten ihn die Nazis ausgebürgert.



Seine Gegner sahen in ihm eine halb senile Marionette, die wirkliche Leitung der Geschäfte liege bei Willi Münzenberg, der für die KPD ein hochmodernes Medienimperium geschaffen hatte. Manns Freunde dagegen lobten die Energie und Fairness, mit der er die Debatten leitete.

Im Lutetia wurde mehr gegeneinander intrigiert als eine wirkliche Volksfront versucht: Die Historikerin Ursula Langkau-Alex analysiert, dass die Vertreter der KPD an einer langen Leine geführt wurden und die der SPD „nicht mit einem Mandat ihrer Prager Führung ausgestattet“ waren.

Jasper beschreibt, dass der mit viel Geld aus der Sowjetunion ausgestattete Münzenberg bewusst den Glamour des Lutetia als Rahmen gesucht habe. Er wollte den Volksfront-Ausschuss in der Öffentlichkeit wie eine Exil-Regierung darstellen. Im Salon „Président“ des Lutetia, der bis zur jüngsten Renovierung noch im Originalzustand war, veranstaltete der Ausschuss Kongresse, bei denen Delegierte aus anderen Ländern empfangen wurden, die den Deutschen Nazigegnern ihre Solidarität schworen.

Doch ab 1936 übten Nazis und italienische Faschisten bereits in Spanien mit der Hilfe für den Putschisten Franco für den nächsten Weltkrieg. Und Stalin ließ in den Moskauer Prozessen alle Bolschewisten hinrichten, die er als Machtkonkurrenten fürchtete. Seine nach Spanien entsandten Agenten ermordeten dort viele radikale Linke, die nicht ihrer Linie folgen wollten.

Das honorige, aber angesichts der brutalen Wucht der gegnerischen Kräfte auch verzweifelt wirkende Bemühen der deutschen Opposition überlebte die 30er-Jahre nicht. 1937 stellte der Lutetia-Kreis die Arbeit ein. 1940 überfiel die Wehrmacht Frankreich und errang den nächsten Blitzsieg. Mann floh über Spanien in die USA. Münzenberg war bei den Stalinisten in Ungnade gefallen und wurde im Oktober 1940 in einem Wald bei Grenoble erhängt aufgefunden.

Im Hotel Lutetia quartierte sich die „Abwehr“ ein, die von Admiral Wilhelm Canaris geleitete Organisation zur Gegenspionage und Unterdrückung des französischen Widerstands. Im Lutetia residierten auch Vertreter der Geheimen Feldpolizei, die zur Abwehr gehörte. Sie verhaftete und ermordete Résistance-Kämpfer.

Canaris spielte eine schillernde Rolle. Er war einer der Organisatoren der deutschen Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg. Lange verhalf er den Nazis zu ihren Triumphen. Erst spät schlug er sich auf die Seite der Hitler-Gegner. Er beteiligte sich an der Organisation von Attentaten auf Hitler und soll Juden vor den Vernichtungslagern gerettet haben. 1944 wurde er verhaftet und vom SS-Richter Otto Thorbeck auf Wunsch der NS-Führung wegen Hochverrat zum Tode verurteilt.

Wenige Tage vor der Befreiung des KZ Flossenbürg durch die Alliierten wurde Canaris im April 1945 auf sadistische Weise hingerichtet, gleichzeitig mit dem Theologen Dietrich Bonhoeffer.

Der SS-Verbrecher Thorbeck wurde 1955 von einem Schwurgericht in Augsburg wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Die führenden Nazis seien in „ihrer Handlungsweise auf die tiefste Stufe verantwortungslosen menschlichen Handelns herabgesunken,“ hieß es im Urteil. Der Bundesgerichtshof aber sprach ihn frei. Die atemberaubende Begründung: Thorbeck habe sich „in einem einwandfreien Verfahren“ an die geltenden Gesetze gehalten.

Wie so viele Nazi-Größen lebte Thorbeck unbehelligt in Deutschland und genoss bis zu seinem Tod 1976 eine stattliche Rente. Canaris wurde erst 20 Jahre später rehabilitiert, vom Vorwurf des Landesverrats freigesprochen.    



Ab Donnerstag nimmt das Lutetia wieder Gäste auf. Im Keller, wo die Abwehr Widerständler folterte, liegt nun ein 17m-Schwimmbecken. Der aktuelle Direktor Jean-Luc Cousty verweist darauf, dass die Geschichte des Hotels nicht mit den Nazis endet. Tatsächlich nahm das Lutetia nach Kriegsende viele Displaced Persons auf, Menschen, die aus den Konzentrationslagern befreit wurden und kein Zuhause mehr hatten. An der Fassade erinnert eine Gedenktafel an sie.

Nur wenige der künftigen Gäste werden sich viele Gedanken über die Geschichte des Hotels machen, wenn sie in einer der aus einem Block gearbeiteten Marmor-Badewannen entspannen. Die späteren Eigentümer können nichts dafür, dass sich fünf Jahre lang die Nazis im Lutetia einquartiert hatten. Dennoch bleibt es ein schwieriger Ort.

Während der jüngsten Renovierung wurde immerhin versucht, mit großem Aufwand Mosaiken, Fresken und Glasfenster freizulegen, die vorher übermalt worden waren. In Teilen der französischen Presse wird deshalb der Vorwurf laut, die Neugestaltung sei nicht kühn genug. Manche Leute würden die Historie wohl am liebsten von den Wänden klopfen.