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Warum sich die Lufthansa die radikale Streichorgie leisten kann

Der Konzern spürt aufgrund der Coronavirus-Epidemie einen drastischen Nachfrageeinbruch. Die Kapazität soll nun um bis zu 50 Prozent reduziert werden.

Es klingt auf den ersten Blick nach Beinahe-Pleite, nach dem bevorstehenden Aus: Die Lufthansa-Gruppe mit den Marken Lufthansa, Eurowings, Swiss, Brussels und Austrian Airlines will in den nächsten Wochen bis zu 50 Prozent ihrer Kapazität wegen des Coronavirus aus dem Angebot nehmen. Anders ausgedrückt: Das Unternehmen reduziert sein Produktportfolio mal eben um die Hälfte. Eigentlich müssten nun bei Investoren sämtliche Alarmglocken schrillen.

Nicht so in diesem Fall. War die Lufthansa-Aktie noch am Freitagmorgen mit hohen Verlusten einer der Tagesverlierer, drehte der Kurs des Papiers am Nachmittag ins Plus. Am Freitagabend kostete es rund zwei Prozent mehr. Eine verwirrende Logik, die jedoch zu erklären ist: Auch wenn der radikale Kapazitätsschnitt schmerzhaft ist und die Umsatz- und Ergebnisplanung für das laufende Jahr über den Haufen werfen dürfte – Lufthansa zählt zu den Airlines in Europa, die sich diesen Schritt leisten können.

Anders als etwa Billiganbieter wie Ryanair gehören Lufthansa die Flugzeuge zum größten Teil selbst. Leasingraten für die Jets laufen also nicht weiter, wenn diese geparkt sind. Damit hat Lufthansa durch die Streichung auf der Angebotsseite auch die entsprechenden Einsparpotenziale.

Fluggesellschaften, die ihr Gerät überwiegend mieten, haben zwar gewisse Einsparungen auf Seiten der Betriebskosten, die Kosten für die Flugzeuge laufen aber weiter. Zwar fordern Investoren seit Längerem auch von der Lufthansa, die Jets zu mieten und das Kapital gewinnbringender zu investieren. Doch in Krisenzeiten wie den aktuellen zahlt sich die konservative Investitionspolitik der Airline aus.

Die „Streichorgie“ bei der Lufthansa deutet darauf hin, wie massiv die Buchungsrückgänge und Flugstornierungen wegen des Coronavirus mittlerweile sind. Laut Lufthansa sind längst nicht mehr nur die Corona-Zielgebiete betroffen, sondern alle Regionen.

Das Unternehmen hatte bereits angekündigt, im März europaweit 7100 Verbindungen zu streichen. Nun werden es deutlich mehr Flüge sein, die ausfallen. Der Konzern prüft sogar die vorübergehende Außerdienststellung aller Maschinen des Typs A380. Der Doppeldecker ist das größte Flugzeug in der Flotte des Unternehmens. Ihn ausreichend zu füllen, um zumindest die Deckungskosten einzufliegen, ist in Zeiten von Corona besonders anspruchsvoll.

Gleichzeitig spricht das Unternehmen mit den Arbeitnehmervertretern und den zuständigen Behörden über Kurzarbeit, um die Umsatzausfälle auf der Beschäftigtenseite abzufedern. Parallel werden die Mitarbeiter gebeten, freiwillig in Teilzeit zu gehen oder unbezahlten Urlaub einzureichen.

Die Corona-Krise trifft die Airline-Branche heftig. Der weltweite Airline-Verband IATA geht davon aus, dass die Branche wegen des neuartigen Virus im schlimmsten Fall Umsatzausfälle von bis zu 113 Milliarden US-Dollar zu verkraften haben wird.