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Lufthansa mit Milliardenverlust – und trotzdem noch am besten dran

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Der Lufthansa brockt die Coronakrise ein Minus von über fünf Milliarden Euro ein. Im Rest der deutschen Flugbranche ist die Lage noch fataler. Airports und Flugsicherung bangen ums Überleben.

So groß die Probleme der Lufthansa auch sind – von der Lage der Kranichlinie kann der Rest der deutschen Flugbranche nur träumen. Foto: dpa
So groß die Probleme der Lufthansa auch sind – von der Lage der Kranichlinie kann der Rest der deutschen Flugbranche nur träumen. Foto: dpa

Es sind miserable Quartalszahlen, die Carsten Spohr an diesem Donnerstag vor den Analysten erklären muss: Der Geschäftsrückgang in der Coronakrise und die Stilllegung vieler Flugzeuge hat der Lufthansa im Sommer einen noch höheren Milliardenverlust eingebrockt als gedacht. Unter dem Strich stand im dritten Quartal ein Minus von fast zwei Milliarden Euro.

Während der MDax-Konzern im operativen Geschäft einen Verlust (bereinigtes Ebit) von knapp 1,3 Milliarden Euro verzeichnete, zogen Abschreibungen auf stillgelegte Passagierjets und Finanzgeschäfte zur Absicherung der Treibstoffpreise das Nettoergebnis zusätzlich nach unten. Analysten hatten unter dem Strich im Schnitt mit einem Minus von rund 1,6 Milliarden Euro gerechnet. Im Gesamtjahr wuchs der Fehlbetrag damit auf 5,6 Milliarden Euro.

Damit ist es nicht ausgestanden. Bis zum Jahresende erwarten Analysten wie Daniel Roeska vom New Yorker Brokerhaus Bernstein ein Minus von weiteren gut zwei Milliarden – und zusätzlich mindestens zwei Milliarden Miese im kommenden Jahr. Besonders dramatisch ist, dass neben dem Fluggeschäft nun auch das lange profitable Frachtgeschäft zu lahmen beginnt und die einstige Ertragsperle Wartung rote Zahlen schreibt. Wegen des bei allen Fluglinien drastisch ausgedünnten Betriebs bringen die Airlines ihre Maschinen deutlich seltener in die Werkstätten der Lufthansa Technik. Natürlich steuert der Konzern gegen, wie gut das gelingen kann, hängt aber maßgeblich von der Coronapandemie und ihren Folgen ab. „Der Konzern versucht seine Unabhängigkeit in einer Krise zu retten, die noch lange nicht vorbei ist“, so Roeska.

So groß diese Probleme auch sind – von der Lage der Kranichlinie kann der Rest der deutschen Flugbranche nur träumen. Während die Lufthansa noch reichlich Geld hat, geht es für die Deutsche Flugsicherung sowie das Gros der Flughäfen laut Branchenkreisen schon in diesem Winter ums Überleben. „Die meisten sind ganz streng genommen bereits jetzt insolvent“, sagt ein Branchenkenner.

Darum fordern die Unternehmen Milliardenhilfen der öffentlichen Hand, wenn sie am Freitag Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zu einem erneuten Luftverkehrsgipfel treffen. „Und die Chancen, sie zu bekommen, sind gut“, urteilt ein mit der Sache Vertrauter vor dem virtuellen Treffen.

Im Flugbereich sind allen Unternehmen in den vergangenen Monaten die Einnahmen drastisch eingebrochen. Zwar zog die Zahl der Flüge vom absoluten Tief im Frühjahr im Juli und August deutlich an. Doch weil die strengen Corona-Maßnahmen zunehmend wie ein Reiseverbot wirken, sank die Zahl im Oktober durchschnittlich wieder auf unter 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein weiterer Sinkflug ist sehr wahrscheinlich: Im November könnte die Zahl der Flüge durch den Lockdown light vielerorts wieder einstellig werden, so die Befürchtung. Eine Rückkehr zu den Zahlen von 2019 könnte nach einer neuen Studie der europäischen Aufsichtsbehörde Eurocontrol selbst bei einem Impfstoff gegen Corona bis 2026 dauern.

Das trifft besonders die Flughäfen. Schon im Boom hat laut einer Übersicht der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) bestenfalls eine Handvoll deutscher Flughäfen Geld verdient. Nun hat eine sehr große Mehrheit mangels Einnahmen aus Starts und Flughafenshops sowie sinkenden Mieten ihrer Bürohäuser keine große Überlebenschance, signalisiert der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Zwar haben einige Flughäfen seit Frühjahr viele Millionen für das Offenhalten ihrer Anlagen oder in Form von Kurzarbeiter-Geld kassiert. „Doch das deckte nicht mal die laufenden Kosten und erst recht nicht fixe Ausgaben wie Abschreibungen“, so ein Flughafenmanager.

Erste Unternehmen wie der Flughafen Paderborn oder seit dieser Woche der Ferienflieger Sundair sind bereits in einer Variante des Insolvenzverfahrens. Aber auch lange profitable Airports wie Düsseldorf hängen in den Seilen.

Selbst die lange als krisensicher angesehene Deutsche Flugsicherung könnte ohne öffentliches Geld ihr Lotsengeschäft im kommenden Jahr nicht mehr finanzieren. Insgesamt sind damit laut einer Übersicht des BDL ohne Hilfen akut rund 60.000 Stellen bedroht.

Zudem gibt es kaum Reserven. Nicht viel mehr als eine Handvoll Betriebe hat mehr oder weniger genug Geld, um zumindest bis in den Winter 2021/22 zu kommen. Dazu gehören die Berliner Zeitfracht, die ihr mit Teilen von Air Berlin erweitertes Fluggeschäfts dank Umbauten und den Erträgen der Logistiksparte halten kann. Sicher weiterarbeiten kann auch Fraport. Der Mutterkonzern des Flughafens Frankfurt hat sich durch Anleihen und Kreditlinien gut drei Milliarden Euro Polster aufgebaut. Urlaubsflieger Condor, das Tui-Fluggeschäft und die Lufthansa sind dank Staatshilfen und Sparmaßnahmen ähnlich liquide. Doch auch sie können nicht ewig weiter machen. „Wir drohen nicht schnell zu sterben, aber langsam einzugehen“, so ein hochrangiger Lufthanseat.


Luftfahrt-Gipfel: Das sind die Forderungen der Branche

Um das Überleben der Luftfahrtbranche zu sichern, fordert der BDL laut Insidern beim – natürlich virtuellen – Treffen mit Minister Scheuer nun öffentliche Hilfen an drei Stellen.

Eiligster Punkt sind die Gelder für die Flughäfen. Hier wünscht sich die Branche zum einen eine Milliarde Euro als Ausgleich dafür, dass die Flughäfen auch bei geringer Nachfrage weiter offenbleiben. Dazu hätten die Airports gern, die aktuellen gesetzlichen Vorschriften für diese Zuschüsse bis möglichst weit ins nächste Jahr zu verlängern. Gegenwärtig stehen die Hilfen teilweise im Widerspruch zum europäischen Beihilferecht. Sie könnten gekippt oder vor Gericht angegriffen werden, wenn die Krise nachlässt.

Zweiter Gesprächspunkt werden am Freitag die Hilfen von bis zu 1,7 Milliarden Euro für die Deutsche Flugsicherung sein. Die DFS abgekürzte Lotsenorganisation ist zwar in diesem Jahr noch unter anderem durch Bundeszuschüsse finanziert. Doch ihr droht wegen des Verkehrsrückgangs bereits im nächsten Jahr ein Fehlbetrag von bis zu einer halben Milliarde. Dafür sorgen neben den niedrigeren Einnahmen die trotz aller Sparmaßnahmen eher steigenden Kosten durch neu eingestellte Lotsen. Das sollte einen Chaos-Sommer wie 2018 verhindern, als Tausende Flüge verspätet starten oder gar ganz ausfallen mussten, weil es an Luftaufsehern fehlte.

In einem Aufwasch hätten die Fluglinien gerne auch eine weitere Erleichterung. Um die angeschlagenen deutschen Airlines zu schonen, hat die DFS ihnen die Gebühren für dieses Jahr gestundet. Nun soll das Lotsenunternehmen diese Zahlungen abschreiben. Die Forderung stützen vor allem die Fluglinien, aber nicht aus Solidarität. Denn nach den gängigen Regeln lebt die DFS davon, ihre Kosten auf die Airlines umzulegen. „Wenn sich dann im Jahr 2021 die Zahl der Flüge im Vergleich zu 2019 halbiert, müssten die Airlines pro Flug die doppelte Gebühr zahlen“, so ein Branchenkenner. „Das ist angesichts der ohnehin schon rekordverdächtig hohen deutschen Luftraumkosten untragbar.“

Letzter Posten der Flug-Wunschliste sind neue Reiseregeln. Die Branche stört, dass Risikogebiete vor allem danach festgelegt werden, ob es dort in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 neue Corona-Kranke pro 100.000 Einwohnern gab. Stattdessen wünscht sie sich als zweites Kriterium, wie hoch der Anteil der positiv getesteten Reiserückkehrer ist. „Gegenwärtig schwankt dieser Anteil zwischen 0,2 bis 0,5 Prozent bei klassischen Urlaubsländern wie Spanien, Italien oder Ägypten – und bis zu fünf Prozent bei Zielen mit vielen Verwandtenbesuchen wie Südosteuropa oder Teile der Türkei“, heißt es in Verbandskreisen. Würden Auflagen für Rückkehrer wie die Pflicht zum Corona-Test mit anschließender Quarantäne auf letztere Gebiete beschränkt, würden wieder deutlich mehr Menschen in den Urlaub fliegen. „Das brächte uns am Ende viel mehr als zusätzliche Staatshilfen“, so ein hochrangiger Vertreter einer Fluglinie.

Wie viele der Forderungen bei der Politik am Freitag Gehör finden, ist unklar. „Bei den direkten Hilfen für die Flughäfen gibt es erste positive Signale von Minister Scheuer und auch bei den Lotsengebühren sieht es gut aus“, so ein Branchenvertreter. Bei den Reiseregeln hingegen ist seine Hoffnung auf Änderung eher gering: „Auch wenn das die für den Steuerzahler günstigste und für uns die schnellste Hilfe wäre, sind solche Lockerungen angesichts der hohen Fallzahlen leider unwahrscheinlich. Aber vielleicht beim nächsten Gipfel.“

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