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Londons Bürgermeister und seine Vision der autofreien Stadt

Die Coronakrise beschleunigt die Verkehrswende in Westeuropas größter Stadt: Bürgermeister Sadiq Khan will seine Londoner nun schnell zu Fußgängern und Radfahrern machen.

London ist nicht Kopenhagen, das weiß auch Sadiq Khan. Das Stadtgebiet ist fünfmal größer, die Einwohnerzahl siebenmal so hoch. Doch der Londoner Bürgermeister ahnt, dass seine Metropole ein bisschen mehr so werden muss wie das Fahrradmekka am Öresund. Die Coronakrise bedeute eine „fundamentale Neugestaltung, wie wir in dieser Stadt leben“, sagt der Labour-Politiker.

Khan steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Das Virus hat die Stadt buchstäblich lahmgelegt. Er muss den Neun-Millionen-Moloch nun wieder zum Laufen bringen – und zwar ohne die U-Bahn.

Die „Tube“ wird auf absehbare Zeit eine stark reduzierte Kapazität haben: Wegen der Abstandsregeln kann sie maximal 15 Prozent der normalen Passagierzahlen befördern. Das Auto ist kein Ersatz: Wenn jeder in die Stadt führe, käme es zum Verkehrsinfarkt.

Der Bürgermeister will die Londoner daher zu Fußgängern und Radfahrern machen. Das Fahrrad wird bislang deutlich weniger benutzt als in anderen europäischen Städten. Viele Menschen trauen sich nicht auf die Straßen, wo häufig das Recht des Stärkeren gilt.

Vor allem Frauen wollen nicht ihr Leben riskieren. Nur drei Prozent aller Fahrten werden mit dem Rad unternommen. „Wir hinken anderen Städten hinterher“, räumt der Fahrradbeauftragte der Stadt, Will Norman, ein. „Aber wir holen auf.“

Khan will den Einwohnern die Angst nehmen, indem er die Infrastruktur nachhaltig umbaut. London werde eine der größten autofreien Innenstädte der Welt bekommen, verspricht er. Mehrere Hauptachsen und Themsebrücken werden für den Autoverkehr gesperrt. Lieferungen an Geschäfte sollen nur noch nachts erfolgen.

Zur Abschreckung der Autofahrer hat London auch die Maut für Fahrten in die Innenstadt erhöht: Je nach Baujahr des Fahrzeugs werden nun 15 bis 27,50 Pfund pro Tag fällig. Die Maut gilt international als Vorbild unter Stadtplanern. Die Einführung dieser Umweltzone sei politisch mutig gewesen, sagt Simon Jeffrey von der Denkfabrik Centre for Cities.

„Wenn wir den Verkehr in London sicher machen und die Stadt global wettbewerbsfähig halten wollen, haben wir keine andere Wahl, als unsere Straßen schleunigst für die Menschen umzuwidmen“, sagt Khan.

Ambitionierte Ziele

Etliche Details der Infrastrukturmaßnahmen sind noch unklar, aber die Ziele sind ambitioniert: Der Bürgermeister will die per Rad zurückgelegten Kilometer verzehnfachen, die Zahl der Fußkilometer verfünffachen. Es seien „kühne Worte“, sagt Simon Munk von der London Cycling Campaign. Nun müsse Khan auch liefern. Die bisherige Bilanz des Bürgermeisters gebe Anlass zur Hoffnung: Seit seinem Amtsantritt 2016 habe er die Zahl der Radwege und -spuren verdreifacht.

Ohne Reibungen werde der Umbau der Stadt aber nicht vonstattengehen, warnt Khan. Ein Problem: Der Bürgermeister kontrolliert nur fünf Prozent der Straßen, die 33 Bezirksverwaltungen den Rest. Dass diese nicht immer mitziehen, musste Khan schon 2018 erleben: Damals weigerte sich der Bezirk Westminster, die Shoppingmeile Oxford Street in eine Fußgängerzone zu verwandeln.

Schon vor der Coronakrise hatte der Sozialdemokrat Khan sich als Grüner inszeniert. Aufgewachsen als eines von acht Kindern in einer Sozialwohnung, kennt er die Probleme der Metropole von klein auf. Seit einigen Jahren leidet er unter Asthma, weshalb der Kampf gegen die Luftverschmutzung für ihn auch ein persönliches Anliegen ist.

Im Februar kündigte er an, die Stadt bis 2030 klimaneutral zu machen. Das Ziel gilt als unerreichbar – nicht zuletzt, weil die britische Regierung für das gesamte Land erst das Jahr 2050 anpeilt. Der Bürgermeister hat nicht genug Hebel in der Hand, um die Emissionen weit genug zu drosseln. Aber er unterstreicht damit seinen Ehrgeiz.

Der Ausnahmezustand bietet Khan nun eine einmalige Chance, radikale Maßnahmen durchzusetzen. Die Autolobby ist verstummt, weil sie keine Lösungen zu bieten hat. Etliche Bezirke haben bereits begonnen, Radspuren zu markieren, Bürgersteige zu verbreitern und Parkplätze zu entfernen.

Ganz vorn dabei ist die City of London, das historische Finanzviertel. Sperrungen sind hier einfacher, weil nur wenige Menschen zwischen den Bürotürmen wohnen und das Gros der Arbeitnehmer mit dem öffentlichen Nahverkehr anreist.

Die Maßnahmen für sich genommen sind nicht neu, Khans Team guckt sich Best-practice-Lösungen aus der ganzen Welt ab. London ist Mitglied der C40-Gruppe, einer Klima-Allianz von 40 Städten, die in regelmäßigem Austausch stehen. Das Revolutionäre besteht darin, Ideen aus kleineren Städten wie Kopenhagen an die Größe Londons anzupassen.

Umdenken in vielen Bezirken

„London wurde seit Jahrzehnten für das Auto geplant“, sagt der Fahrradbeauftragte Norman. „Das zu ändern ist nicht leicht.“ Doch finde in vielen Bezirken ein Umdenken statt. Auch weniger ambitionierte Verwaltungen zögen nun mit. Selbst auf der Oxford Street würden Fahrspuren für Radfahrer und Fußgänger abgetrennt. Das geschehe auch auf Drängen der Einzelhändler: Wenn die Geschäfte Mitte Juni wieder öffnen, brauchen sie für die Schlangen mehr Platz vor der Tür. Norman hofft, dass die temporären Absperrungen in der ganzen Stadt auf Dauer bleiben. „Wenn die Dinge erst mal da sind, wollen die Leute nicht mehr drauf verzichten.“

Ein ungeklärtes Problem sind die Berufspendler, die eine längere Anreise aus den Vororten haben. Im Gespräch sind Park-und-Cycle-Systeme, die das Umsteigen vom Auto aufs Rad ermöglichen. Doch konkrete Pläne gibt es auch hier noch nicht.

Vorerst bleiben Züge und U-Bahnen für Hunderttausende die einzige Alternative, um in die Stadt zu kommen. Umso wichtiger sei es, dass alle Bewohner in den Innenstadtbezirken für ihre kürzeren Anfahrtswege das Rad nutzen oder laufen, sagt Norman. „Wir müssen möglichst viel Freiraum in der U-Bahn schaffen.“

Verkehrsexperten sind elektrisiert von der historischen Chance. „Dies ist der Moment, um die Stadt neu zu denken“, sagt Jeffrey vom Centre for Cities. Die Krise beschleunige den Trend zur fahrradfreundlichen Stadt, der bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist. Schon Khans konservativer Vorgänger Boris Johnson hatte die Verkehrswende mit der Einführung von Leihfahrrädern und Fahrradstraßen vorangetrieben.

„Wir haben einen Bürgermeister und einen Premierminister, die aufs Fahrrad setzen“, sagt Munk. „Das ist die beste politische Konstellation, die wir in London je hatten.“ Khan scheint entschlossen, das Werk Johnsons zu vollenden. „Er schickt mir ständig Textnachrichten“, sagt Norman. „Er hat noch eine Idee oder will wissen, wie es läuft. Er will es wirklich durchsetzen.“

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