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Linke Aktivisten gegen Trump-Anhänger: Portland ist das Pulverfass der USA

·Lesedauer: 10 Min.

Proteste gegen Polizeigewalt bringen Portland seit Monaten in die Schlagzeilen. Nun setzen neben Corona auch noch katastrophale Waldbrände der Stadt zu.

Dort, wo vor 108 Tagen alles begann, sieht es an diesem Samstagnachmittag aus wie am Set eines Films – über eine Zombie-Invasion vielleicht oder über die Apokalypse. Über dem Lownsdale Square, einem kleinen Park in Portlands Innenstadt, hängt dichter Rauch, der in der Lunge brennt und die Stadt in ein bizarr gelbes Licht taucht.

Nahezu alle Geschäfte sind mit Holzplanken verbarrikadiert, die Straßen sind fast menschenleer. Reste von verschmorten Mülleimern liegen am Boden, „FTP“, also „Fuck the police“, ist auf Gebäude, Schilder und Denkmäler gesprüht – stumme Mahnmale monatelanger Proteste. Vielleicht zwei Dutzend Demonstranten sitzen um den Park auf herbeigetragenen Stühlen und Sofas, aus einem Holzkohlegrill lodert eine Flamme, Säckchen mit Marihuana werden herumgereicht.

Der Platz in der Innenstadt ist der Geburtsort der Protestbewegung in Portland. Hier begannen Ende Mai die Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus, ausgelöst durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis. Hier kam es Mitte Juli zum Straßenkrieg zwischen Demonstranten und Einsatzkräften des Bundes, welche die Bundesgebäude schützen wollten, die an den Park angrenzen.

Und hier hat die lokale „Black Lives Matter“-Bewegung buchstäblich ihre Zelte aufgeschlagen. Keine andere Stadt ist derart zum Symbol für die derzeitigen Proteste in den Vereinigten Staaten geworden wie Portland. Und keine Stadt dient Präsident Trump derart als Paradebeispiel dafür, was in von Demokraten regierten Städten angeblich falsch läuft.

Dass Amerikas Protestbewegung ausgerechnet in Portland ihre Hochburg hat, überrascht auf den ersten Blick. Schließlich ist in der Hipsterstadt im entlegenen Nordwesten des Landes eine große Mehrheit weißer Hautfarbe: Afroamerikaner machen nicht einmal sechs Prozent der 650.000 Einwohner aus, im landesweiten Durchschnitt sind es mehr als 13 Prozent.

Immer wieder Fälle von Polizeigewalt und Rassismus

Doch Portland hat seit Langem eine linke Aktivistenszene. Sie hat sich als Gegengewicht zu der eigenen rassistischen Geschichte gebildet: Oregons Verfassung verbot Nichtweißen bis in die 1920er-Jahre die Einreise, später florierte der Ku-Klux-Klan speziell in Portland.

Erst im Jahr 2000 strich Oregon Formulierungen aus seiner Verfassung, die rassistische Regeln rechtfertigten. Fälle von Polizeigewalt und Rassismus machen hier bis heute immer wieder Schlagzeilen. „Oregon ist bewusst als weißer Staat entworfen worden“, sagte der Politologe Joe Lowndes von der Universität Oregon einmal in einem Interview.

Die Last der eigenen Vergangenheit hat bei vielen Bürgern einen Gegenreflex ausgelöst, heute ist Portland ein Magnet für Linke. Entsprechend schnell und massenhaft stürmten die Anwohner Ende Mai auf die Straßen. Die Proteste ebbten jedoch Ende Juni bereits wieder ab, nur eine Handvoll Randalierer versammelte sich noch allabendlich in der Innenstadt – bis Präsident Donald Trump Bundespolizisten nach Portland schickte, die dort die Gebäude im Besitz der Bundesregierung schützen sollten.

Bilder von schwerbewaffneten Beamten in Tarnanzügen, die Demonstranten in unmarkierte Transporter zerrten oder mit Knüppeln auf sie einprügelten, dominierten die sozialen Netzwerke – und trieben Tausende erzürnte Anwohner zurück auf die Straße. Unterstützung bekamen sie von Linksextremen, die randalierten und sich Gefechte mit der Polizei lieferten.

Das wiederum rief rechte Gegendemonstranten und Trump-Anhänger auf den Plan. Es kam, wie es kommen musste: Ende August erschoss ein selbst erklärter Antifa-Anhänger einen weißen Nationalisten, der ihn angeblich bedroht hatte; bei der Verhaftung wiederum wurde der Schütze von Polizisten getötet.

Das Feuer, das in vielen amerikanischen Städten zurzeit schwelt, ist hier bereits zu einem Flächenbrand geworden. Die Spannungen zwischen Bürgern und Polizei, zwischen links und rechts, zwischen Städten und Bundesregierung zeigen sich in Portland wie unter einem Vergrößerungsglas.

Und sie wirken sich auf das Leben der Menschen aus. Der Barista im 40-Pounds-Café in der Innenstadt – ein junger Mann mit blau gefärbten Haaren – erzählt, jeden Samstag würden nun rechte Gruppierungen aufmarschieren und mit den linken Demonstranten aneinandergeraten. Er habe seine Schicht getauscht, „ich habe mich auf dem Heimweg nicht mehr sicher gefühlt“.

Hinzu kommen die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Es sei schwierig, die Effekte durch die Demonstrationen von denen durch das Coronavirus zu trennen, erklärt der Tourismusverband Portland auf Anfrage, doch derzeit sei die Hotelauslastung bei 20 bis 30 Prozent, während sonst im Sommer 90 Prozent üblich seien. Der Verband betont, hinter den friedlichen Demonstrationen zu stehen.

Einen „Waffenstillstand“ haben nun ausgerechnet die Waldbrände gebracht. Die schwersten Feuer in der Geschichte Oregons sind vergangene Woche bis wenige Kilometer vor die Stadtgrenzen Portlands gerückt und schickten dichte Rauchwolken über die Stadt.

Die Luftverschmutzung ist an diesem Wochenende so extrem, dass sie den Höchstwert der Skala der Umweltschutzbehörde überschreitet. Zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wurden fast alle Demonstrationen bis auf Weiteres abgeblasen.

Aktivisten demonstrieren in der gesamten Stadt

Statt zu protestieren, kiffen die Demonstranten auf dem Lownsdale Square an diesem Samstag – toxische Luft hin oder her. Einer von ihnen ist Phoenix Adagio. Der 25-jährige Afroamerikaner mit den langen Rastalocken ist seit dem ersten Tag bei den Demonstrationen auf dem Platz dabei, dafür hat er seinen Job in einer Wäscherei aufgegeben.

„Wir wollen, dass die Leute verstehen, mit welch systematischer Diskriminierung Schwarze kämpfen müssen“, sagt er. Dafür protestierten er und die anderen jedoch nur friedlich, „wir laufen nicht rum und zünden Sachen an“. Doch inzwischen würden sich unzählige andere Gruppen in das Mäntelchen der „Black Lives Matter“-Bewegung hüllen, auch gewaltbereite Anarchisten. „Ninja“ nennen er und die anderen Demonstranten die Gewaltbereiten. „Das ist Mist, das diskreditiert, was wir zu erreichen versuchen.“

Tatsächlich sind die Proteste in Portland inzwischen längst über den Lownsdale Square hinausgewachsen. Täglich finden gleich mehrere Protestkundgebungen in Portland und den Vororten statt, sie reichen von völlig friedlichen Gedichtlesungen bis zu „direct action events“, also Protestmärschen, die immer wieder in Gewalt münden. Bei solchen Anlässen tragen die Demonstranten dann oft schusssichere Westen und manche auch Schusswaffen.

Die Lage ist unübersichtlich, die Vorwürfe von links wie rechts sind heftig. Mehrere Demonstranten erzählen, Polizisten würden sie grundlos mit Tränengas und Schlagstöcken angreifen. Die Polizei wiederum hält fest, dass „Beamte mit Steinen, Glasflaschen, gefrorenen Wasserflaschen und Lasern attackiert worden seien“. Bisher habe es mehr als 700 Festnahmen gegeben, wobei offenbar viele nach wenigen Stunden wieder freigelassen worden sind.

Angekündigt werden die Events via Facebook, Twitter und Instagram – oft aber erst kurzfristig, um Gegendemonstranten nicht zu viel Vorlauf zu geben. „Alle Gruppen sind miteinander in Kontakt, aber wir koordinieren uns nicht“, erklärt Sarah Gilbert.

„Wall of Moms“ als menschliches Schutzschild

Die 47-Jährige ist Mutter von drei Teenagern sowie zwei Pflegekindern und führt hauptberuflich Touristen mit dem Velo durch Portland. Mehrmals wöchentlich demonstriert sie nun auf der Straße, mit Knieprotektoren und Gesichtsschutz ausgerüstet – selbst nachts, wenn die Demonstrationen regelmäßig ausarten.

Gilbert ist in Portland aufgewachsen. Immer wieder habe sie Rassismus und die Gewaltbereitschaft der Polizei hier erlebt, auch in ihrem eigenen Umfeld. Mitte Juli folgte sie dem Aufruf einer Freundin, sich der „Wall of Moms“ anzuschließen – die Gruppe stellt sich bei Protesten zwischen schwarze Demonstranten und Polizisten. Nach internen Verwerfungen trat Gilbert den „Moms United for Black Lives“ bei – zehn Mütter, die sich ebenfalls als menschliches Schutzschild vor Schwarze stellen.

Sie erzählt, dass sie schon häufiger Pfefferspray von Polizisten abbekommen habe und auf den Boden geworfen worden sei. Doch ohne Proteste werde sich im Land nichts ändern. „Ich will sehen, dass wir das Geld, das wir für die Polizei und das Militär und den Strafvollzug aufbringen, für Wohnraum und Essen und psychisch Kranke einsetzen. Wir brauchen einen gewaltigen Umsturz.“

Von den Politikern sei sie enttäuscht, „keiner von ihnen wird sich dafür einsetzen. Wir Bürger müssen uns erheben und es verlangen.“ Sie bezeichnet sich als Antifa, also als Antifaschistin, wobei sie betont, dass sie Gewalt gegen Menschen verurteile und nichts tun würde, was sie ins Gefängnis bringen könnte – „schließlich habe ich zu Hause fünf Teenager, die mich brauchen“.

Nicht alle Anwohner Portlands sehen die Proteste so positiv. „Es ist fürchterlich negativ für unsere Stadt. Ich schäme mich, dass wir so töricht sind, die Proteste weiter zu erlauben“, sagt ein Mann mittleren Alters im weißen Poloshirt, der wenige Meter von der Innenstadt entfernt am Ufer des Willamette River seinen Golden Retriever ausführt. „Anarchie wird das Leben von Afroamerikanern auch nicht besser machen und eine Streichung von Mitteln für die Polizei schon gar nicht.“

David Amoanu sieht das anders. „Als Schwarzer finde ich es toll, dass sich die Demonstranten für etwas einsetzen, was mir so wichtig ist“, sagt der junge, aus Ghana stammende Mann, der gerade seine Einkaufstaschen nach Hause trägt. Er selbst habe Rassismus immer wieder am eigenen Leib erfahren. Auch wenn er keine Zerstörung mag, sieht Amoanu die derzeitigen Ausschreitungen als einzige Möglichkeit, öffentliche Aufmerksamkeit für das Problem zu bekommen. „Die jahrelangen friedlichen Proteste haben leider nichts bewegt.“

Doch die Stimmung in der Bevölkerung kippt: Eine Umfrage unter 500 Bürgern Oregons von Anfang September zeigte, dass zwei Drittel der Befragten die Proteste ablehnen. Ende Juli hießen sie noch zwei Drittel gut. „Die meisten Oregonians glauben nicht, dass die Proteste hilfreich für die schwarze Bevölkerung, die Rassenbeziehungen oder die Bemühungen um eine Reform des Polizeiwesens sind“, sagte John Horvick vom Umfrageinstitut DHM Research.

Einig sind sich die Einwohner Portlands jedoch offenbar in einer Sache: Der Bürgermeister Ted Wheeler versage in der jetzigen Situation völlig, finden alle Gesprächspartner. Selbst ihm wohlgesinnte Mitarbeiter der Stadt sagen hinter vorgehaltener Hand, er sei mit der Situation überfordert.

Tatsächlich versuchte Wheeler, der als Bürgermeister gleichzeitig der Polizeibehörde vorsteht, es lange allen Beteiligten recht zu machen. Viele Protestierende fühlen sich von ihm nicht unterstützt, gleichzeitig zog Wheeler jüngst den Unmut der Polizisten auf sich, als er den Einsatz von Pfefferspray erst einschränkte und dann ganz verbot.

„Das wird es sehr schwierig machen, diese Art von Gewalt unter Kontrolle zu bringen, ohne auf viel aggressivere körperliche Gewalt zurückgreifen zu müssen“, hielt die Polizei in einer Stellungnahme fest. Für Wheelers anstehende Wiederwahl im November dürften die Chancen schlecht stehen.

Manche protestieren auch für die Polizei

Unterstützung bekommen die Polizisten nun von anderer Seite. Es ist Sonntagmittag, noch immer hängen dichte Rauchwolken über dem Lownsdale Square, die Luftverschmutzung ist in der Nacht auf einen neuen lokalen Höchstwert geklettert. Trotzdem tragen Ronda, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, und eine Handvoll anderer Frauen keine Atemschutzmasken, als sie gegenüber der Zeltsiedlung der Demonstranten ihre Flaggen schwenken.

„Wir zeigen unseren Polizisten, dass wir sie unterstützen“, sagt Ronda und breitet die sogenannte Polizeiflagge aus: eine Schwarz-Weiß-Version der amerikanischen Flagge mit einem blauen Streifen für die Polizei und einem roten für die Feuerwehr.

Prompt fährt ein Polizeiwagen an den Frauen vorbei, durch die heruntergelassene Scheibe winken die Beamten und danken für die Unterstützung. Ronda erzählt, sie habe selbst zahlreiche Polizeibeamte in der Familie. „Versteh mich nicht falsch, ich verurteile gewalttätige Polizisten. Aber nicht alle Beamte sind schlecht.“

Einer der linken Demonstranten stört sich jedoch an Ronda und den Polizeiflaggen. Ein Geschrei von Gehweg zu Gehweg bricht aus, Handykameras halten die Szene fest – die Videos dürften in den sozialen Netzwerken landen und die Fronten weiter verhärten. Ein Ende der Proteste in Portland scheint in weiter Ferne.