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Auch bei einer Lieferunterbrechung bleiben deutsche Wohnzimmer warm

Im Erdgasstreit zwischen der Ukraine und Russland stehen die Zeichen auf Entspannung. Doch selbst wenn es noch zu einer Lieferunterbrechung kommen sollte, sind Fachleute gelassen.

Ende vergangener Woche, wenige Tage vor Weihnachten, gab sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit Blick auf den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine optimistisch: „Wir haben heute bei den trilateralen Gasverhandlungen einen wichtigen Schritt gemacht. Eine Verständigung im Grundsatz wurde erzielt, jetzt muss die Finalisierung erfolgen“, sagte der Minister. Viele Beobachter sind sich aber einig, dass man noch nicht von einem Durchbruch sprechen sollte.

Die Emissäre Russlands, der Ukraine und der EU-Kommission hatten sich am 19. Dezember in Berlin getroffen, um über den künftigen Transit von russischem Erdgas durch die Ukraine nach Westeuropa zu sprechen. Am 31. Dezember läuft die bestehende Transitvereinbarung aus. Wenn bis dahin kein Folgevertrag unterschrieben ist, dürfte die Gaslieferung durch die Ukraine zunächst einmal unterbrochen sein.

Die Verhandlungen laufen bereits seit anderthalb Jahren. Schon im Juli 2018 sowie im Januar, September und Oktober 2019 hatten sich die Vertreter der drei Parteien getroffen. Nach den Treffen wurde jeweils der Eindruck vermittelt, man sei auf gutem Wege.

Was passiert, wenn sich Russen und Ukraine nun doch nicht einigen? „Selbst wenn die Verhandlungen über den künftigen Transit russischen Gases durch die Ukraine bis zum Jahresende scheitern, wird es in Europa voraussichtlich nicht zu Versorgungsengpässen kommen. Die Gasspeicher sind immer noch nahezu voll, es gibt somit erhebliche Kapazitäten, um die Versorgung sicherzustellen“, sagte Simon Schulte, Gasmarkt-Experte am Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln (EWI), dem Handelsblatt.

Das EWI hatte kürzlich eine umfassende Studie vorgelegt, die der Frage nachgeht, wie sich ein Scheitern der Verhandlungen und eine daraus resultierende Unterbrechung der Gaslieferungen auf Verbraucher in Europa auswirken würde. 2009 hatte es bereits eine Unterbrechung gegeben. Damals waren insbesondere die Auswirkungen in Südosteuropa deutlich zu spüren.

Deutschland und Europa sind besser vorbereitet

Die Europäer haben Lehren aus dieser Versorgungskrise gezogen: „Die EU hat einen guten Job gemacht, die Gasversorgungsinfrastruktur ist in den vergangenen Jahren deutlich robuster und flexibler geworden. Es gibt mehr grenzüberschreitende Leitungen und mehr LNG-Terminals“, erklärt Schulte.

Schultes Schlussfolgerungen beziehen sich auf den Rest des Winters: „Wir haben uns auf die ersten drei Monate des Jahres 2020 fokussiert. Für diesen Zeitraum reichen nach unseren Berechnungen die eingespeicherten Mengen sowie zusätzliche flexible Flüssiggasimporte aus, um den Markt zu bedienen.“ Auch auf die Ukraine sieht Schulte keine Engpässe zukommen: „Das Land kann seinen Importbedarf komplett über Lieferungen aus dem Westen Europas decken.“

Allerdings würde sich eine Lieferunterbrechung auf die Preise auswirken. Es werde in Nordwesteuropa „einen moderaten Preisanstieg geben“, prognostiziert Schulte.

Schultes Analyse wird von der Branche geteilt. „Die deutschen Erdgasspeicher sind zu 98 Prozent gefüllt, also nahezu voll. Damit sind wir für den Winter bestens gerüstet“, hatte Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Erdgasspeicher, dem Handelsblatt Mitte Dezember gesagt. Mit dem gespeicherten Gas könne „fast ein Drittel des jährlichen Gasbedarfs in Deutschland bedient werden“.

Ähnlich optimistisch sieht der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) die Lage: „Auch in diesem Winter gilt: Wer mit Gas heizt, hat eine warme Wohnung.“