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Lidl-Schwester Kaufland beendet Abenteuer in Australien

Überraschend zieht sich der Großflächendiscounter auf seine Kernmärkte in Europa zurück. Das ist auch ein Rückschlag für Topmanagerin Julia Kern.

Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ ist eins der erfolgreichsten Unterhaltungsformate des Senders RTL. Doch so freiwillig, wie es im Titel klingt, scheiden die meisten Teilnehmer nicht aus dem sogenannte Dschungelcamp in Australien aus. In der Regel wird ihnen ziemlich abrupt verkündet, dass sie das Land verlassen müssen.

So ähnlich muss sich jetzt auch Julia Kern gefühlt haben. Mit viel Verve hat sich die Topmanagerin der Schwarz-Gruppe in ein Abenteuer in Australien gestürzt. Ihre Aufgabe: das Geschäft für den Großflächendiscounter Kaufland in dem Land aufzubauen. Doch bevor es richtig losgehen konnte, muss die 30-Jährige jetzt die Zelte wieder abbrechen.

Es sah aus wie die Chance ihres Lebens: Ein Startbudget von mindestens 300 Millionen Euro hatte Unternehmer Dieter Schwarz ihr für die Expansion bewilligt. Damit sollte sie zunächst eine Infrastruktur für Einkauf, Logistik und Verkauf im Bundesstaat Victoria aufbauen: Eine Zentrale in Melbourne, ein Umschlaglager im 30 Kilometer nördlich gelegenen Vorort Mickleham und zum Start rund 20 Märkte. Fünf Standorte waren fix, die ersten davon im Bau, mindestens weitere neun in der konkreten Planung.

Überraschend verkündete aber nun Kaufland-Chef Frank Schumann, dass der Konzern die geplante Expansion stoppt. „Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Wir haben uns in Australien stets willkommen gefühlt“, sagte Schumann. Das Unternehmen will seine Investitionen jetzt wieder auf Europa konzentrieren.

„In Europa erkennen wir für uns ein großes Wachstumspotenzial. Wir werden die Konsolidierung des europäischen Einzelhandels aktiv mitgestalten und damit unsere führende Position weiter stärken“, so Schumann. Beispielsweise plant Kaufland, eine größere Anzahl von Standorten der SB-Warenhauskette Real zu übernehmen, die gerade von einem Investor übernommen und zerschlagen werden soll.

Zurück bleiben in Australien 200 bereits eingestellte Mitarbeiter, deren Zukunft jetzt ungewiss ist – und bereits angefangene Bauvorhaben und unterschriebene Verträge. Das bedeutet auch, dass ein Teil der eingeplanten Millioneninvestitionen verloren ist.

Verpasst ist auch die Chance, dem Erzrivalen Aldi auf einem weiteren Markt Konkurrenz zu machen. Aldi Süd ist bereits seit dem Jahr 2001 in Australien aktiv. Der Discounter hat mit seinen mehr als 500 Filialen in dieser Zeit 8,6 Prozent des Marktanteils in Australien erobert und macht erfolgreich den Marktführern Coles und Woolworth Konkurrenz, die sich jahrelang in einem faktischen Duopol bequem eingerichtet hatten. Da sollte die Expansion von Kaufland zusätzliche Bewegung in den Markt bringen.

Viel Vorschusslorbeeren

Auch für Kauflands Australienchefin Julia Kern persönlich ist der Rückzug aus dem Kontinent ein herber Rückschlag, gilt sie doch als eine der Nachwuchshoffnungen in dem Familienunternehmen aus Neckarsulm. An der Northern Arizona University hat sie Hospitality Management studiert, per Fernstudium ihren MBA gemacht, währenddessen auch Erfahrungen bei der Unternehmensberatung EY gesammelt.

Seit 2013 schon arbeitet sie bei der Schwarz-Gruppe. Ihre ersten Schritte machte sie dort im Verkauf in Deutschland und Italien für Lidl. Knapp zwei Jahre arbeitete sie danach in der Zentrale von Schwarz, unter anderem als Inhouse Consultant, und wurde 2016 Regionalleiterin bei Kaufland.

Keine zwei Jahre später, im Mai 2018, bekam sie dann die Herausforderung übertragen, als Managing Director das Geschäft von Kaufland in Australien zu entwickeln. Mit viel Vorschusslorbeeren: „Julia Kern hat sich für diese Aufgabe über ihre bisherige Leistung und ihr Potenzial qualifiziert. Solche Entscheidungen treffen wir ja nicht leichtfertig“, sagte der damalige Kaufland-Chef Patrick Kaudewitz.

Und sie hatte sich viel vorgenommen: „Unsere Planungen zeigen, dass wir ein langfristiges, nachhaltiges Wachstum in ganz Victoria anstreben“, verkündete sie Ende August 2019 bei einem Treffen mit dem Wirtschaftsminister von Victoria, Tim Pallas, stolz. „Wir freuen uns darauf, Tausende von Arbeitsplätzen und neue Möglichkeiten für lokale Unternehmen zu schaffen“, sagte sie. Australien sei eine der am schnellsten wachsenden Regionen der Welt, und „wir freuen uns, mit ihr zu wachsen“.

Diese Chance lässt Kaufland jetzt ungenutzt und will seine Investitionen wieder im Kernmarkt Europa konzentrieren. Neben Deutschland ist der Händler in Polen, Tschechien, Rumänien, der Slowakei, Bulgarien, Kroatien sowie der Republik Moldau mit rund 1 300 Filialen und 132 000 Mitarbeitern vertreten.

Und auch für Julia Kern dürfte der Rückschlag in Australien nicht das Ende der hoffnungsvollen Karriere im Unternehmen sein. Schließlich gehört Kaufland wie das Schwesterunternehmen Lidl zur Schwarz Gruppe, die der viertgrößte Einzelhändler der Welt ist. Es wird also noch andere Herausforderungen für die Nachwuchshoffnung geben.