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„Ein Leben im Turbobeschleuniger“ - Top-Managerin Janina Kugel über Arbeiten im Urlaub und Abpumpen in Meetings

Robin Wille
·Lesedauer: 6 Min.
Janina Kugel war langjährige Vorständin bei Siemens.
Janina Kugel war langjährige Vorständin bei Siemens.

Die Top-Managerin und ehemalige Siemens-Vorständin Janina Kugel hat ihr erstes Buch geschrieben, das diesen Montag erscheint: „It´s now. Leben, führen, arbeiten – Wir kennen die Regeln, jetzt ändern wir sie.“ Darin beschreibt Kugel die Veränderungen in der Arbeitswelt, zeigt Alternativen auf und gewährt einen seltenen und teils intimen Einblick in das berufliche und private Leben einer Dax-Vorständin und Managerin.

Kugel schreibt, Veränderungen hätten sie schon immer fasziniert, sie habe schon immer gestalten wollen und hätte sich deshalb auf sie eingelassen. Ihr Ziel: Aufzeigen, wie sich der Wandel gestalten lässt und sich die Arbeitswelt und Welt, in der wir leben, zum Positiven verändern lassen.

Kugel, 51, zählt zu den prominentesten Managerinnen in Deutschland. Das „Manager Magazin“ und die Boston Consulting Group wählten Kugel, den „Popstar im Siemens-Management“, 2018 auf Platz eins in der Liste der 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Von 2015 bis 2020 war Kugel Personalchefin und Vorständin bei Siemens. Heute arbeitet die gebürtige Schwäbin als Senior Advisor bei der Boston Consulting Group und ist Mitglied in mehreren Aufsichtsräten.

Kinder und Karriere: "Geht schon, ist halt sauanstrengend"

In ihrem Buch beschreibt sie unter anderem, wie sich Kinder und Karriere miteinander vereinbaren lassen („Das geht schon, ist halt sauanstrengend“), fordert ein flexibleres Arbeitsleben und mehr Diversität. Und sie stellt fest, dass die Zeit der Schreier, der allwissenden und autokratischen Chefs und Chefinnen vorbei ist. Oft feuert Kugel mit Studien und Statistiken um sich, um ihren Thesen Nachdruck zu verleihen, dabei sind diese teils so simpel, dass sie sich auch gut auf Postkarten machen würden. Die Stärke des Buchs liegt in seiner persönlichen Note: Kugel schreibt einfach, teils flapsig. Persönliche Anekdoten nehmen die Leserinnen und Leser mit in die Vorstands-Meetings und in ihr Familienleben.

So führt Kugel die Leserinnen und Leser zum Anfang ihrer Karriere, als sie nach ihrem Studium als Unternehmensberaterin begann. Rollkoffer, Business-Outfit, Hotels: „Das war das Leben, das ich wollte.“ Nur: „Es war unglaublich stressig.“ Die Tage in der Beratung beginnen früh und enden nicht selten kurz vor Mitternacht. Sie beschreibt, wie ihr Chef stets „Pay attention to details“ auf ihren Feedback-Bogen schrieb und Kugel so den anfänglichen Schlendrian austrieb. Die größte Lebenserfahrung habe sie in ihren Nebenjobs gesammelt, als Messehostess oder beim Bedienen in Cafés. Das seien gute Schulen gewesen, um die Menschenkenntnis zu erweitern und „zu lernen, wie ich blöde und teils sexistische Sprüche kontern kann“.

Für Kugel sei nie etwas anderes infrage gekommen, als Vollzeit zu arbeiten. Dass junge Mütter nach der Geburt zunächst zu Hause bleiben und dann in Teilzeit zurückkehren, suggeriere und zementiere „ein Familienbild, das von einer traditionellen Rollenverteilung ausgeht: Er arbeitet, sie kümmert sich um die Familie – und verdient gegebenenfalls dazu“. Als Kugel Zwillinge zur Welt brachte, sei sie nach 15 Wochen Mutterschutz zurück gewesen. Ein paar Stunden im Büro, viele zu Hause, die Babys wippend in der Telefonkonferenz. Weil die Krippe der Zwillinge um 17 Uhr schloss, sei zwischen 17 Uhr und 20 Uhr kein Termin bei Kugel zu bekommen gewesen.

Dass eine Führungskraft so früh ging, habe nicht allen gepasst, doch für ihren Chef sei das in Ordnung gewesen. Anfangs habe Kugel selten darüber gesprochen, später, als sie bereits eine höhere Position hatte, sei ihre Kommunikation klarer geworden. Wenn ihr Kind eine Theateraufführung hatte, dann habe sie das gesagt. „Mir war bewusst: Ich muss den Weg für all die anderen Mütter und Väter ebnen, die nach mir kommen, verdammt, es waren die Nullerjahre, nicht die Fünfziger.“

"Meine Herren, ich muss abpumpen"

Zu was für skurrilen Situationen das führen konnte, veranschaulicht die erste Tagung nach ihrer Schwangerschaft am Starnberger See. Kugel beschreibt, wie der Vormittag verging und es bereits Zeit für die Pause war. Nur: „Sie kam und kam nicht.“ Offensichtlich dachte niemand an die stillende Mutter. Als dann ein Kollege noch ein weiteres Thema vor die Pause ziehen wollte, habe Kugel gesagt: „Meine Herren, ich muss jetzt leider für einen Moment unterbrechen. Ich muss abpumpen.“ Die Blicke der Männer um sie herum werde sie nicht vergessen. Besonders gut habe sie sich dabei nicht gefühlt und sie hätte sich gewünscht, dass jemand vorher daran gedacht hätte, wie wichtig Pausen sein können. Doch so wurde ihr klar, dass niemand ihre persönlichen Bedürfnisse auf dem Schirm hat, „solange ich sie nicht adressiere“.

Die Zeit im Vorstand bei Siemens beschreibt Kugel als „eine andere Hausnummer“, das sei nicht nur ein Vollzeitjob gewesen, sondern „ein Leben im Turbobeschleuniger“. Langstreckenflüge, jahrelang nur sechs Stunden Schlaf: „Das ging. Müde war ich fast immer.“ Auf Dienstreise im „Zeitzonen-Nirwana“ sei sie spätabends im Hotel noch Laufen gegangen, um Stress abzubauen. Schlafen hätte sie sowieso nicht können, zu aufgekratzt, der Kopf voll mit Gedanken. In Urlauben sei sie früher aufgestanden, um Mails zu machen und zu telefonieren. Wenn möglich: keine Telefonkonferenzen mitten am Tag. Und trotzdem habe sie dann Sonntags beim Skifahren unterhalb der Hütte am Pistenrand gesessen, telefoniert und gehofft, dass niemand in sie reinfährt.

„Es gibt halt einen Preis, den man bereit sein muss zu zahlen.“

Kugel beschreibt die Belastungen ehrlich, doch sie jammert nicht, im Gegenteil: „Es gibt halt einen Preis, den man bereit sein muss zu zahlen.“ Wer Karriere machen möchte, werde auf wahnsinnig viel verzichten, vermutlich müssen. Weniger arbeiten zu wollen ist für Kugel ein Wohlstandsphänomen. Für die Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland sei das illusorisch, weil sie in Vollzeit gerade so viel verdienten, um davon zu leben. Kugel plädiert für mehr Flexibilität. Wer seine Arbeit auch an vier Tagen schaffe, warum solle er dann nicht den fünften Tag freihaben?

Sie kritisiert die Regeln zur Arbeits- und Ruhezeit. Eine Reform der geltenden Gesetze sei dringend notwendig, schließlich würde vielerorts dagegen verstoßen. Sie selbst habe häufig abends von zu Hause gearbeitet, am frühen Abend habe sie der Familie Priorität geben wollen. Abends hätte sie Zeit für Dinge gehabt, die tagsüber zwischen den Meetings nicht möglich gewesen wären. Dinge, die Nachdenken erfordern. Lange E-Mails lesen. Konzeptionell arbeiten.

Führung ist eine verdammt komplexe Aufgabe, schreibt Kugel. Sie hat eine klare Vorstellung davon, was eine gute Führungskraft ausmacht. Sie unterscheidet zwischen Managerinnen und Leaderinnen und hebt die Bedeutung von Leadership hervor: Es gehe darum, eine Vision zu haben. Eine Leaderin müsse in der Lage sein, Menschen für ein Ziel zu begeistern und sie davon zu überzeugen, daran mitzuarbeiten. Eine Führungskraft brauche Expertinnen im Team, auf die sie sich verlassen kann. Sie müsse Rat und Kritik geben und von den Mitarbeiterinnen einfordern und sich auch Fehler eingestehen können. Je höher man in der Hierarchie einer Organisation sei, desto seltener würden die Menschen die Wahrheit sagen: „Es wird nur noch gesagt, was andere meinen, dass man hören will.“

"IT´S NOW", das Buch von Janina Kugel, erscheint am 19. April im Ariston Verlag und kostet 22 Euro.