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Lauterbach bei Illner: EM in London ist "Brandbeschleuniger für Delta-Variante"

·Lesedauer: 5 Min.
Karl Lauterbach sieht volle EM-Stadien in London kritisch. Schließlich grassiert in Großbritannien die hochansteckende Delta-Variante. (Bild: ZDF)
Karl Lauterbach sieht volle EM-Stadien in London kritisch. Schließlich grassiert in Großbritannien die hochansteckende Delta-Variante. (Bild: ZDF)

Ungetrübte Fußball-Begeisterung in ganz Europa: Im zweiten Jahr der Pandemie wird das wohl ein frommer Wunsch bleiben. Bei "Maybrit Illner" erklärten Karl Lauterbach und Aerosolforscher Gerhard Scheuch, wie und wo sich Fußballfans infizieren. In Streit gerieten die Experten in einer anderen Frage.

Schön, dass man endlich wieder über Punkte und Torverhältnisse reden kann statt immer nur über Inzidenzen und R-Werte. Allerdings, am Rande der langsam aufkeimenden EM-Begeisterung gibt es auch Schlagzeilen wie ganz aktuell diese: Bei ihrer Rückkehr aus St. Petersburg hatten fast 100 Fans der finnischen Nationalmannschaft das Coronavirus als EM-Mitbringsel dabei. Am spielfreien Donnerstag stellte ZDF-Talkerin Maybrit Illner daher nicht substanzlos die Spielverderber-Frage: Macht die quer über den Kontinent ausgetragene Europameisterschaft womöglich gerade Erfolge bei der Pandemiebekämpfung zunichte?

"Fußball, Sommer, Mutationen - wie groß bleibt das Corona-Risiko?", lautete das Motto der "Maybrit Illner"-Ausgabe. Als Gäste der Sendung trafen mit SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und Aerosolforscher Gerhard Scheuch zwei Fachleute aufeinander, die in der Vergangheit nicht immer einer Meinung waren, hier aber nur einmal ernstlich aneianandergerieten. Ferner sprachen die "Welt"-Journalistin Claudia Kade, die aus London zugeschaltete ZDF-Korrespondentin Diana Zimmermann und Jochen Breyer, Moderator des "ZDF Sportstudios".

"Fußball, Sommer, Mutationen - wie groß bleibt das Corona-Risiko?": Zu dieser Fragestellung diskutierte Maybrit Illner (zweite von links) am Donnerstag mit ihren Gästen. (Bild: ZDF)
"Fußball, Sommer, Mutationen - wie groß bleibt das Corona-Risiko?": Zu dieser Fragestellung diskutierte Maybrit Illner (zweite von links) am Donnerstag mit ihren Gästen. (Bild: ZDF)

Jochen Breyer: Bei der UEFA steht "die Gesundheit nicht im Vordergrund"

Letzterer stellte gleich zu Beginn der Sendung klar: Das Konzept, die Europameisterschaft an Spielorten in elf europäischen Ländern stattfinden zu lassen, sei zwar "wirklich eine charmante Idee gewesen", werde nun aber zur falschen Zeit realisiert. Breyer: "Ich glaube, es wäre besser gewesen, sich einen anderen Modus auszudenken und zu sagen: Diese Idee verschieben wir auf die Zeit nach der Pandemie."

Illner hakte bissig nach: "Die UEFA hat offenbar mehr Angst vor Regenbogenfahnen als vor Corona?" Breyer sieht es genau so. Tatsächlich habe man den Eindruck, "dass da die Gesundheit nicht im Vordergrund steht", sondern die Interessen der Geldgeber, schoss der ZDF-Moderator scharf gegen den Verband. Dies zeigten etwa die Versuche der UEFA, 2.500 VIPs ohne Quarantäne nach London reisen zu lassen. Und das, obwohl Großbritannien derzeit wieder die höchste Inzidenz in ganz Europa habe.

Aerosolforscher Scheuch: "Im Stadion finden so gut wie keine Ansteckungen statt"

Der britische Premierminister Boris Johnson habe sich deshalb auch "etwas Schlaues" einfallen lassen, verriet die Londoner Korrespondentin Zimmermann: "Er hat erklärt, dass seien jetzt alles Testspiele für den Freedom-Day". Dieser soll am 19. Juli stattfinden und das Ende aller Corona-Maßnahmen besiegeln. Zimmermann fügte hinzu: Johnson habe sich "natürlich von der UEFA unter Druck setzen lassen".

Doch wie gefährlich ist ein Besuch im Londoner Stadion wirklich? Über diese Frage brütete Karl Lauterbach wie gewohnt mit den düstersten Prognosen: "Das ist, wenn man so will, ein Brandbeschleuniger für die Delta-Variante, die uns derzeit diese großen Probleme macht und die sich anschickt, die entscheidende, die dominierende Variante in ganz Europa zu sein", mahnte der Epidemiologe.

Gerhard Scheuch wollte es so pauschal nicht stehen lassen: "In der Aerosolforschung sind wir uns relativ einig, dass draußen so gut wie keine Ansteckungen stattfinden, und das gilt auch in einem Stadion." Ein großes Problem erkannte jedoch auch er: die An- und Abreise. "In Finnland sind Fans zurückgereist aus St. Petersburg, die waren infiziert, und das waren genau die, die mit den Bussen gefahren sind."

In Schottland sind mehr Männer mit Corona infiziert - ist die EM schuld?

Sollte das Finale also besser in München statt in London stattfinden? Diesen Vorschlag hatte kürzlich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unterbreitet. Lauterbach wäre prinzipiell dafür. Denn hierzulande läge der Anteil der Delta-Variante bei nur 25 Prozent, in London seien es über 90 Prozent. Außerdem, fügte der SPD-Politiker hinzu: "In München würden wir das Stadion nicht mit 60.000 Leuten füllen. Wenn man hier 15.000 Leute ins Stadion ließe - es ist ein sehr luftiges Stadion - dann ist das eine ganze andere Gefahrensituation!"

Korrespondentin Zimmermann betonte die Signalwirkung, die von vollen Stadien ausgehe: Diese suggerierten: "Es ist in Ordnung, dicht gedrängt Fußballspiele zu schauen." Dass dem nicht so sei, zeige ein Blick nach Schottland: "Es gibt schon schottische Zahlen dazu, wie sich der Anteil von Männer bei den Infizierten in den letzten zehn Tagen erhöht hat." Waren es früher 50 Prozent Männer, mache der männliche Anteil nun zwei Drittel aus. Mutmaßlich eine Folge vom Fußballgucken in größeren Männerrunden.

Karl Lauterbach: "Es wird eine vierte Welle geben"

Recht einmütig diskutierte die Runde, bis es gegen Ende doch einen offenen Disput gab. Nicht zum Thema Fußball, sondern zum wissenschaftlichen Dauerstreitthema Infektiosität bei Kindern. Aerosol-Forscher Scheuch bekannte, die Wissenschaft sei zu gleichen Teilen in der Frage gespalten, "wir wissen nicht mal, ob Kinder infektiös sind". Lauterbach widersprach energisch, auch mit Verweis auf die umstrittene Charité-Studie von Christian Drosten über die Viruslast im Rachen von Kindern. Scheuch konterte: "Das ist keine Infektionsstudie. Die Viruslast ist im Nasen-Rachenbereich da, aber wir haben festgestellt, dass Kinder sehr wenig Partikel ausatmen."

Einig waren sich beide Experten, dass die Schulen besser auf den Herbst vorbereitet werden müssen. Scheuch warb für Luftraumfilter, Lauterbach für Impfangebote an Kinder. "Es wird eine vierte Welle geben", stellte der SPD-Politiker klar. Die Frage sei nur: "Wie hart wird sie uns treffen?" Es sei nicht möglich, die Schüler zu schützen, indem die Eltern geimpft seien." Lauterbach: "Wir machen wieder den Fehler, dass wir hoffen, es wird schon irgendwie gehen mit der Schule." Mit Blick auf die Langzeitfolgen, die eine Covid-19-Erkrankung auch bei vielen Kindern verursache, mahnte er: "Wir können es uns nicht leisten, flächendeckend unsere Kinder mit der Delta-Variante zu durchseuchen."

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