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„Lateinamerika erlebt die schlimmste Wirtschaftskrise seit es Aufzeichnungen gibt“

·Lesedauer: 8 Min.

Die Coronapandemie forderte in Lateinamerika bislang mehr als 420.000 Tote. Die Armut nimmt stark zu. Ökonomin Barbara Fritz erklärt, wie es um den Kontinent in seiner schlimmsten Wirtschaftskrise steht.

Barbara Fritz ist Professorin für Volkswirtschaftslehre und die Ökonomie Lateinamerikas an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitete bereits am GIGA-Institut und war bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung tätig.

WirtschaftsWoche: Frau Fritz, der globale Wirtschaftsschock durch die Coronapandemie hat Lateinamerika hart getroffen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Barbara Fritz: Die Daten sprechen ihre Sprache. Nach jetziger Einschätzung ist es Lateinamerikas schlimmste Wirtschaftskrise, seit es Aufzeichnungen zum Wachstum gibt. Der Wachstumseinbruch liegt im Wettbewerb mit Europa, insbesondere den südeuropäischen Ländern, und Indien bei etwa minus 8 bis minus 9 Prozent. Das kann sich natürlich noch korrigieren. Lateinamerika ist aber deutlich schlechter dran als der Durchschnitt der Entwicklungs- und Schwellenländer, deren Einbruch zwischen minus 3 und minus 5 Prozent liegt.

Welche Länder und Branchen sind am schlimmsten betroffen und woran liegt das?
Es gibt eine hohe Varianz in den Infektionszahlen: Brasilien ist eines der großen Länder, das am meisten Infektionen verzeichnet, aber Peru ist an der Spitze bei den Infektionen im Verhältnis zur Bevölkerung. Uruguay und Costa Rica sind dagegen viel weniger betroffen. So ist es auch mit dem Wachstum. Einbrüche sind in den Ländern am stärksten, die vorher schon schwach waren und eine andauernde politische und wirtschaftliche Krise erleiden, wie zum Beispiel in Venezuela mit etwa 25 Prozent. Brasilien befindet sich aufgrund hoher fiskalischer Ausgaben unter dem Durchschnitt. Die am stärksten betroffenen Sektoren sind Mobilität, Tourismus, Handel, Dienstleistung und die Binnenökonomie, vor allem wegen der monatelangen Lockdowns. Gerade in den karibischen Ländern hängt die Hälfte der Ökonomie vom Tourismus ab. Auch die Rohstoffpreise im Energiesektor sind eingebrochen.

Je nach Land arbeiten zwischen 40 und 75 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor. Welche Probleme bringt das mit sich?
Das ist natürlich fatal. Es ist schwierig den informellen Sektor abzusichern und zum großen Teil betrifft das Menschen, die unterhalb oder an der Armutsgrenze leben. Sie sind vom täglichen Einkommen abhängig und deswegen besonders vulnerabel. Das ist ein Grund dafür, dass trotz strenger Lockdowns die Infektionszahlen in den Andenländern gestiegen sind. Dort macht der informelle Sektor drei Viertel der Wirtschaft aus. Die Menschen können es sich schlichtweg nicht leisten, zuhause zu bleiben. Länder mit einer relativ stabilen fiskalischen Lage, wie zum Beispiel Peru, haben versucht, Einkommenshilfen zu verteilen. Das hat aber nicht gut funktioniert, da staatliche Institutionen über Jahrzehnte abgebaut wurden.

Was bedeutet das für die soziale Ungleichheit?
Die zwei verschiedenen Phänomene Armut und Ungleichheit hängen auch zusammen. In einer Reihe von Ländern ist die absolute und extreme Armut dieses Jahr gestiegen und wird auch weiter ansteigen – wie auch die Ungleichheit. Zusätzlich verschlechtert die monatelange Schulunterbrechung, die teilweise bis heute andauert, die Bildungschancen einer ganzen Generation. Onlineunterricht funktioniert einfach nicht. Gerade öffentliche Schulen sind da sehr schlecht aufgestellt. Ein Einzelfall, in dem sich die Armut reduziert hat, ist Brasilien. Durch die Unterstützungsmaßnahme von 600 Reais pro Monat, etwa 150 Euro, an 60 Prozent der Bevölkerung, sind viele Menschen über die Armutsgrenze gekommen. Dadurch hat sich auch die heimische Nachfrage stabilisiert, wodurch sich die Popularität des rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro erhöht hat. Die Zahlungen wurden aber bereits reduziert, da sie das Budget Brasiliens stark belasten.

Trotz Budgetdefizit in allen lateinamerikanischen Ländern, werden Konjunktur- und Unterstützungsmaßnahmen lanciert. Wie ist das ökonomisch zu sehen?
Das große Drama Lateinamerikas ist, dass die Region schon mit einer sehr schlechten ökonomischen Position in die Krise gestartet ist. Der Kontinent steckte bereits fünf Jahre in einer Wirtschaftskrise mit niedrigen oder negativen Wachstumsraten. Dadurch sind die öffentlichen Defizite angestiegen. Während der Finanzkrise 2008 war das anders. Da hatten die meisten Länder Überschüsse und höhere Wachstumsraten, um antizyklische Maßnahmen umzusetzen. Das heißt, dass jetzt die Verschuldung der öffentlichen Sektoren und der Privathaushalte nochmal deutlich steigen wird. Deswegen ist das Risiko einer systemischen Krise im internationalen Vergleich in Lateinamerika am höchsten. Das ist problematisch, da nur wenige globale Kooperationen den Kontinent unterstützen.

Gerade Argentinien leidet seit Jahren unter Staatspleiten und einer Verschuldungsquote von über 90 Prozent des BIPs. Wie kann diese Schuldenspirale beendet werden?
Argentinien ist ein spezieller Fall. Das wiederholte Abrutschen in eine Schuldenkrise hat das Währungs- und Finanzsystem chronisch geschwächt. Diese Schwächung wird verstärkt durch den andauernden politischen Wechsel zwischen linken, binnenmarktorientierten und liberalen, weltmarktorientierten Regierungen. Der sehr harte Lockdown und die ökonomischen Konsequenzen treffen das Land in einer schwierigen Zeit. Jetzt kommt es auf den IWF an. Im Sommer wurden erst die langwierigen Umschuldungsverhandlungen mit den Privatgläubigern abgeschlossen, aber jetzt müssen auch noch die hohen Kredite des IWF umgeschuldet werden. Der IWF müsste die Bedingungen sehr großzügig setzen, da es keinen Sinn macht, dem Land erneut eine Austeritätspolitik aufzuzwingen. Der IWF müsste jetzt auf einen Teil seiner Schulden verzichten. Das hat er noch nie getan, aber Argentinien wäre ein Fall dafür.

Ist es schlau, sich wieder auf Nothilfen und Kredite des IWF einzulassen?
Die Beziehung zwischen Argentinien und dem IWF ist inzwischen für beide Seiten traumatisch. 2017 hätte er niemals den größten Kredit seiner Geschichte an Argentinien vergeben dürfen. Der war offensichtlich viel zu riskant kalkuliert und es war absehbar, dass Argentinien damit weiter in die Krise geraten würde. Sich jetzt erneut auf die Kredite einzulassen ist für Lateinamerika allgemein sehr schwierig, es sei denn, es handelt sich um schnelle Nothilfen, die nicht konditioniert sind. Denn Studien zeigen, dass der IWF auch in seinen neuen Kreditprogrammen irgendwann eine Sparpolitik verlangt. Viele Alternativen gibt es aber leider nicht. Der lateinamerikanische Reservefonds ist viel zu klein und nur Mexiko und Brasilien haben bilaterale Swaps der Federal Reserve erhalten.


„Politische Instabilität ist Gift für die Ökonomie“

Wie können sich die Länder selbst noch helfen?
Heimisch haben die Länder nur eingeschränkte Spielräume, eine antizyklische Fiskalpolitik zu betreiben. Strukturpolitisch wäre ein Ausbau der Investitionsmaßnahmen notwendig, denn die große Ungleichheit bringt ökonomische und politische Verwerfungen mit sich. Dazu bräuchte man ein progressives Steuersystem, um die soziale Umverteilung zu finanzieren. Dazu sollten antizyklische Instrumente gestärkt und öffentliche Ausgaben im Boom reduziert werden. Die Ausbildung einer intensiven Wissenschafts- und Technologiepolitik wäre auch sinnvoll, sodass Lateinamerika die Wertschöpfung, aufbauend auf Commodities, steigern und sich in globale Wertschöpfungsketten reintegrieren kann.

Bringen sinkende Infektionszahlen Hoffnung auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft?
Die Katastrophe ist jetzt da. Trotzdem ist jedes Sinken der Zahlen und Verkürzen der Zeit bis zur Ankunft der Impfstoffe hilfreich und eine Erleichterung. Corona belastet die Gesundheitssysteme, kostet Leben und die Lockdowns restringieren die Nachfrage extrem. Lateinamerika hat jetzt auch einen klimatischen Vorteil, da nun die Sommerzeit beginnt. Was wir klimabedingt in der zweiten Welle in Europa erleben, hat man dort nicht. Im Gegenteil hat die erste Welle nie aufgehört, sondern flacht jetzt erst ab.

Warum ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA und China jetzt fatal?
Traditionell waren die USA der Haupthandelspartner Lateinamerikas, aber China hat die Vereinigten Staaten in vielen Ländern von der Spitze verdrängt. Zusätzlich hat sich Südamerika wieder stark auf den Rohstoffexport spezialisiert. Zum Beispiel liefern Brasilien und Argentinien zusammen 40 Prozent der globalen Sojaproduktion. Wenn dann die chinesische Nachfrage sinkt, sinkt der Sojapreis und das trifft die Länder ohne Gegenmittel. Der Mangel an Diversifizierung macht anfällig für Preisschwankungen. Deswegen wächst die Abhängigkeit von China und macht erpressbar bezüglich der angebotenen Investitionsmöglichkeiten in Land, Infrastruktur und den Finanzsektor. China hat sich bereits viel von der Infrastruktur gesichert.

Ist eine weitere Verstaatlichung der Wirtschaft denkbar, um eine Stabilisierung zu erzwingen?
Peru zum Beispiel hat 20 Jahre lang eine Politik der Entstaatlichung verfolgt. Mit diesem Weg einer sehr liberalen Entwicklung sind sie mit Blick auf die Wachstumsraten gar nicht schlecht gefahren. Jetzt haben sie aber gemerkt, dass eine universale Sozialpolitik nötig ist, um die Armut zu mindern, dass man diese nicht mit den jetzigen Institutionen umsetzen kann. Diese Erfahrung hat auch Chile gemacht. Dadurch entsteht nun ein Konsens, dass ein Mindestmaß an staatlichen Institutionen nötig ist, um eine Stärkung des Gesundheitssystems zum Beispiel umzusetzen. Ob man so auch den Staat stärkt, steht in den Sternen.

Könnte das umstrittene EU-Mercosur-Abkommen die Wirtschaft retten?
Der Freihandelsvertrag hat zwei Seiten. Einerseits wird ein leichterer Zugang zu bestimmten Produkten ermöglicht und andererseits werden den Ländern viele Instrumente aus der Hand genommen. Subventionen, Verkehrskapitalkontrollen oder eine Politik, die einheimische Hersteller bevorzugt, sind dann nicht mehr möglich. Deswegen gibt es ein Risiko, dass die Exporte steigen, aber die Importe sogar mehr. Außerdem hat die Orientierung auf Rohstoffexporte massive Umweltfolgen. Das gilt für die Soja- und Rindfleischproduktion bis in den Amazonas, aber auch für mineralische Rohstoffe. Brasilianische Unternehmen geraten immer dann mit der Regierung in Konflikt, wenn Handelsverträge eine ökologische Politik verlangen. Die Unternehmer vertreten den Standpunkt, dass sie sich das nicht leisten können. Eigentlich sind Handelsverträge der perfekte Hebel, um Umweltstandards durchzusetzen. Die fehlen bisher aber noch. Ich glaube auch nicht, dass das Abkommen einen Wirtschaftsschub in Lateinamerika hervorruft.

Inwiefern verstärken die instabilen Regierungen die Krise?
Das bedingt sich gegenseitig: Politische Instabilität ist Gift für die Ökonomie. In Ländern wie Peru hat man sich mittlerweile darauf eingestellt. Nun wurde der vierte oder fünfte Präsident wegen Korruption des Amtes enthoben. Fast alle Vorgänger sind im Gefängnis. Die Unternehmen haben das eingepreist und wissen, woher die Instabilität kommt. Aber in Argentinien ändern sich durch den starken Rechts-Links-Wechsel immer wieder die Spielregeln: Von einer liberalen, exportorientierten Politik bis hin zur Reduzierung der Landesöffnung. Das ist für unternehmerisches Handeln, die Produktivität, die Schaffung von Arbeitsplätzen und für Investitionen Gift. Diese starke Wechselbeziehung zwischen politischer und ökonomischer Instabilität schlägt sich auch im Wechselkurs nieder. So kann niemand Exporte planen.

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