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„Landjet“ – VW will den Tesla-Jäger in Hannover produzieren

·Lesedauer: 6 Min.

Voraussichtlich ab 2024 soll der „Landjet“ Vorzeigemodell für den gesamten VW-Konzern werden. Die Entwicklungsplanung liegt bei der Tochter Audi.

Das Volkswagen-Werk in Hannover wird zum neuen Vorzeigeprojekt für die Elektrooffensive des weltgrößten Autoherstellers. Voraussichtlich von 2024 an soll in der VW-Transporterfabrik in der niedersächsischen Landeshauptstadt das neue elektrische Luxus-Flaggschiff des Konzerns produziert werden, das in der aktuellen Entwicklungsphase unter dem Projektnamen „Landjet“ firmiert. Wie am Freitag aus Unternehmenskreisen verlautete, wird die hannoversche VW-Fabrik das elektrische Topmodell für drei verschiedene Konzernmarken fertigen.

Am Freitag hat der Volkswagen-Aufsichtsrat das Investitionsprogramm für die nächsten fünf Jahre festgelegt. Die Umrüstung der VW-Fabrik Hannover auf das „Landjet“-Projekt ist Teil dieses Programms. Bis 2025 will der Wolfsburger Konzern rund 150 Milliarden Euro investieren. Davon fließt etwa die Hälfte in die Transformation der Autoproduktion, also in Elektrifizierung und Digitalisierung.

Die Entwicklungsplanung für das „Landjet“-Projekt liegt bei der Ingolstädter Premiumtochter Audi, die dafür eine eigene Sondereinheit unter dem Namen „Artemis“ gegründet hat. Das neue elektrische Luxusauto soll als „Tesla-Jäger“ oberhalb des bisherigen Topmodells A8 angesiedelt werden. Mit der Stromlimousine will Audi einen Gegenentwurf zur nächsten Generation des Model S von Tesla auf den Markt bringen.

Zugleich sollen die „Artemis“-Entwickler in der Batterietechnik und in der Software den Vorsprung des US-Konkurrenten wettmachen, der im Moment technologisch noch deutlich vor dem Wolfsburger Autokonzern liegt. Aktuell verkaufte E-Modelle wie etwa der ID.3 der Marke VW sind technisch noch nicht so weit wie vergleichbare Tesla-Fahrzeuge. „Artemis“ soll so etwas wie ein Leuchtturmprojekt für den gesamten Konzern werden.

Wenn der „Landjet“ im Jahr 2024 wie geplant in die Serienproduktion geht, wird es davon viel mehr als nur die eine Audi-Variante geben. Wie es dazu ergänzend in Wolfsburg hieß, sind außerdem ein Porsche- und ein Bentley-Derivat geplant. Die Marke VW ist nicht mit dabei, weil mit dem neuen Vorzeigemodell ausschließlich der Luxus- und Premiumbereich abgedeckt werden soll. Alle drei Markenvarianten werden künftig in Hannover vom Band laufen, wo bislang noch überwiegend VW-Transporter („Bulli“) produziert werden.

Fertigungsanlage von Audi ist zu klein

Da Audi die Federführung bei der Entwicklungsarbeit für das „Artemis“-Projekt hat, wäre die spätere Fertigung des Autos in einer Audi-Fabrik naheliegend gewesen. Doch die Technik spricht dagegen: „Die Fertigungsanlagen in den bestehenden Audi-Fabriken sind für den ,Landjet‘ zu klein“, sagte dazu ein Konzernmanager.

Das neue Modell soll ein echtes Luxusauto mit voraussichtlich drei Sitzreihen und entsprechend groß werden. Im VW-Transporterwerk in Hannover sind Produktions- und Lackieranlagen für solche größeren Fahrzeuge ausgelegt. Der „Landjet“ könne dort recht zügig und mit geringerem zusätzlichem Aufwand als in einer Audi-Fabrik in die Serienfertigung gehen, so der Manager weiter. Außer dem Drei-Marken-Modell wird die VW-Fabrik in Hannover künftig den ID.Buzz fertigen, eine vollelektrische Variante des VW-Busses.

Von den insgesamt 73 Milliarden Euro, die der VW-Konzern in den nächsten fünf Jahren für die Transformation mit Elektrifizierung und Digitalisierung ausgeben will, entfallen rund 27 Milliarden Euro auf neue digitale Projekte. Das ist ungefähr doppelt so viel wie im Investitionsplan, den die Wolfsburger im vergangenen Jahr aufgelegt hatten. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der VW-Konzern seine Fahrzeuge massiv digital aufrüsten muss, um mit dem Vorreiter Tesla mithalten zu können.

„In den nächsten Jahren wird es darauf ankommen, auch bei der Software im Fahrzeug eine Spitzenposition einzunehmen“, sagte dazu VW-Konzernchef Herbert Diess. Nur als digitaler Mobilitätskonzern könne Volkswagen in Zukunft den Bedürfnissen seiner Kunden nach individueller und vollvernetzter Mobilität gerecht werden. Das sei der Grund dafür, dass der Konzern das Investitionsvolumen in die Digitalisierung jetzt verdoppelt habe. Künftig will Volkswagen 60 Prozent der benötigten Software selbst entwickeln.

Betriebsratschef Osterloh lobt Diess

Unterstützung bekam Diess dafür von der einflussreichen Arbeitnehmerseite. „Die Investitionen zeigen eindrucksvoll, dass unser Konzern liefert und es wirklich ernst meint mit der Transformation, E-Mobilität und Digitalisierung“, sagte der VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh.

Volkswagen hatte sich als erster Autokonzern zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens verpflichtet und will bis 2050 klimaneutral werden. In seiner Langfristplanung für die nächsten zehn Jahre sieht der Konzern vor, bis 2030 rund 70 reine E-Modelle auf den Markt zu bringen. Etwa 20 davon sind bereits angelaufen, 50 weitere werden folgen. Zudem sind bis Ende des Jahrzehnts weitere 60 Hybridfahrzeuge geplant.

In der am Freitag vom Volkswagen-Aufsichtsrat beschlossenen Fünf-Jahres-Planung ist eine mögliche Verschärfung der EU-Klimaziele im Rahmen des „Green Deals“ noch nicht enthalten. Kommt es dazu, müsste der VW-Konzern die Zahl seiner rein elektrisch betriebenen Modelle wahrscheinlich noch einmal um weitere 20 Prozent erhöhen.

Die Entscheidung darüber kann frühestens in einem Jahr in der nächsten VW-Planungsrunde 2021 getroffen werden. Die EU-Kommission hatte Mitte September neue Klimaziele vorgelegt. Brüssel will die EU-weiten Kohlendioxidemissionen bis 2030 anstatt wie bisher geplant um 40 Prozent nun um mindestens 55 Prozent senken.

Von der jetzt beschlossenen Freigabe weiterer Investitionen in Milliardenhöhe profitieren auch andere VW-Standorte, vor allem in Niedersachsen. Allein ins Wolfburger Stammwerk fließen in den kommenden Jahren rund drei Milliarden Euro. Weil die Verkaufszahlen beim Golf weiter zurückgehen, bekommt Wolfsburg einen zusätzlichen SUV, um die Fabrik weiterhin auslasten zu können. Bislang läuft dort schon der VW Tiguan vom Band. Von 2024 an soll zusätzlich das etwas größere Schwestermodell Tayron gefertigt werden. Das Stammwerk produziert vorläufig weiterhin nur Autos mit Verbrennungsmotor. Ein Einstieg in die E-Fertigung dürfte im nächsten Jahr beschlossen werden.

Weitere E-Modelle sind für die VW-Fabrik im ostfriesischen Emden vorgesehen. Von 2023 an geht dort der VW Aero in die Serienfertigung, das elektrische Gegenstück zum Passat. In Planung sind eine Limousine und eine Kombi-Variante. Der Passat, der jetzt noch in Emden vom Band läuft, wechselt ins VW-Werk in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Der Passat wird dort gemeinsam mit dem sehr ähnlichen Superb der Schwestermarke Skoda produziert.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), zugleich Mitglied des Volkswagen-Aufsichtsrats, begrüßte die Entscheidungen. „Der VW-Konzern zeigt, dass er bereit und in der Lage ist, die ohnehin schon rasch fortschreitende Transformation noch einmal zu beschleunigen“, sagte Weil. Die Zukunft der niedersächsischen VW-Standorte werde mit den Beschlüssen gesichert.

Die VW-Aktie lag zum Nachmittag mit knapp 0,5 Prozent im Plus – etwas besser als der Dax, Deutschlands führender Aktienindex.