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Kurssturz nach Quartalsbilanz: Geht Netflix’ hyperbolische Wachstumsstory zu Ende?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Netflix: Traumfabrik für 130 Millionen Abonnenten (Foto: © Netflix)

Ohne Drama geht es nicht: Die Netflix-Aktie verhält sich wie die typische Serie des Streaming-Giganten – atemberaubend. Nach einem Halbjahr in Überschallgeschwindigkeit schlägt der Spannungsbogen nun in die andere Richtung: Plötzlich befindet sich Netflix an der Börse im freien Fall. Der Grund dafür ist der enttäuschende Abonnentenzuwachs im jüngsten Quartal. Geht Netflix’ Erfolgsgeschichte zu Ende? 

Was hoch fliegt, kann bekanntlich auch tief fallen: Die Erfahrung dieser alten Börsenweisheit macht nun auch die bis dato erfolgreichste Internetaktie des Jahres – Netflix. Um schier astronomische 103 Prozent lag der Streaming-Pionier nach den ersten sechs Monaten des Börsenhalbjahrs vorne; in der Spitze waren es sogar 110 Prozent.

Um enorme 85 Milliarden Dollar ist der Streaming-Anbieter nach gerade einmal sechs Monaten nun schon wertvoller als noch zu Jahresbeginn. Lohn der massiven Kursrally: Mit einer Marktkapitalisierung von 170 Milliarden Dollar hat der Internetpionier nach dem Börsenwert den schier ewigen Branchenprimus der Unterhaltungsindustrie, Disney, im Mai schließlich als wertvollsten Medienkonzern abgelöst.  

Gewinnexplosion im Juni-Quartal

Zwei Monate später folgte die Bewährungsprobe für den neuen Platzhirsch der Medienindustrie in Form der Vorlage neuester Geschäftszahlen für das abgelaufene Juni-Quartal. Auf den ersten Blick schien CEO Reed Hastings sie mit Bravour zu meistern: Die Umsätze legten mit einem Zuwachs von 40,4 Prozent – so dynamisch wie seit 2011 nicht mehr – auf Erlöse von nun schon 3,91 Milliarden Dollar zu. Die Analystenschätzungen, die bei 3,94 Milliarden Dollar gelegen hatten, wurden dennoch leicht unterboten.

Bei der Gewinnentwicklung vermochte Netflix indes den Nachweis zu bringen, dass der Streaming-Pionier mit seinem immer größeren Angebot nicht nur schnell wachsen, sondern auch immer profitabler operieren kann. Nach 66 Millionen Dollar im Vorjahresquartal verdiente der Internetriese nunmehr im Dreimonatszeitraum zwischen Anfang April und Ende Juni bereits 384 Millionen Dollar.

Dank der regelrechten Gewinnexplosion um knapp 500 Prozent konnte Netflix nicht nur den höchsten Konzerngewinn der 21-jährigen Konzerngeschichte einfahren, sondern gleichfalls mit einem Gewinn je Aktie von 85 Cent die Analystenschätzungen, die noch bei 79 Cent je Anteilsschein gelegen hatten, deutlich pulverisieren.

Nutzerwachstum enttäuscht

Trotzdem reagierte die Wall Street allerdings alles andere als erfreut auf Netflix’ jüngstes Zahlenwerk. Die erfolgsverwöhnte Aktie stürzte nach Bekanntgabe der Quartalsbilanz im nachbörslichen Handel um gleich 14 Prozent oder 56 Dollar auf 344 Dollar ab, ehe Schnäppchenjäger die Kursverluste im heutigen Handel auf nur noch 5 Dollar begrenzten.

Der Grund für den unerwarteten Ausverkauf liegt fast ausschließlich in der schwächeren Abonnentenentwicklung. Während CEO Reed Hastings für den Berichtszeitpunkt April bis Juni selbst 6,2 Millionen Neukunden in Aussicht gestellt hat, musste sich der Netflix-CEO schließlich mit rund einer Million weniger zufriedengeben:  Tatsächlich konnte Netflix im zweiten Quartal “nur” 5,15 Millionen Neukunden anlocken.

Langsamere Neukundengewinnung gibt Rätsel auf

Die Verlangsamung der Abonnentengewinnung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Tatsächlich war es nicht nur die erste Verfehlung seit über einem Jahr, sondern zahlenmäßig mit einer Million weniger Abonnenten als erwartet die größte überhaupt.

Alarmierend erscheint zudem die Entwicklung auf dem Heimatmarkt: Lediglich 700.000 neue Kunden konnte Netflix in den USA anlocken, in denen bereits über 57 Millionen Amerikaner über ein Netflix-Abo verfügen. Konzernchef Hastings selbst hatte zuvor noch 1,2 Millionen neue Abonnenten im zweiten Quartal in Aussicht gestellt.

Schwacher Ausblick belastet

International wächst Netflix indes weiter zuverlässig: 4,5 Millionen Neukunden konnte der mit Abstand weltgrößte Anbieter von Streaming-Serien und –Filmen  in den 91 Tagen von Anfang April bis Ende Juni im Rest der Welt verbuchen – ein Plus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Insgesamt verfügt Netflix nunmehr bereits über 130,1 Millionen registrierte Kunden, von denen 124,4 Millionen für ihr  Netflix-Abo zahlen (der Rest testet).

Doch das Wachstum scheint sich zu verlangsamen. Der Zugewinn von 5,2 Millionen Neukunden entspricht exakt den Zuwächsen im Vorjahresquartal, ist jedoch gleichfalls der schwächste Wert seit einem Jahr – in den Vorquartalen konnte der Streaming-Pionier jedoch 7,4 und 8,3 Millionen neue Abonnenten anlocken.

Dass Zuwächse in diesen Dimensionen offenbar der Vergangenheit angehören, machte der Ausblick auf die laufende Geschäftsentwicklung deutlich. Während die Wall Street im laufenden dritten Quartal mit 6 Millionen neuen Abonnenten rechnete, stellte Reed Hastings beim Ausblick 5 Millionen Neukunden in Aussicht – ein Wert also, der sogar unter dem zweiten Quartal liegt.

Wall Street verteidigt Netflix

Trotzdem verteidigt die Wall Street den Internetpionier. “Ich denke, vor Netflix liegt noch eine Menge internationales Wachstum”, schreibt etwa Fondsmanager Eric Jackson von EMJ Capital an Kunden. “Die Zukunft der weltweiten Inhalte-Verbreitung liegt bei Netflix, Amazon, Disney/Hulu/Star India, HBO, Showtime und Apple. Von all diesen Anbietern liegt Netflix mindestens acht Jahre vorne.”

Auch Analysten schlagen sich nach dem Kurssturz auf die Seite des langjährigen Outperformers. BTIG-Analyst Rich Greenfield etwa hob das Kursziel für die Netflix-Aktie von 330 auf 420 Dollar an. JP Morgan sprach ebenfalls eine Kaufempfehlung mit einem angehobenen Kursziel von 415 Dollar aus.

Obwohl zahlreiche Banken (etwa die Deutsche Bank, Goldman Sachs oder Barclays) ihre Kursziele andererseits zusammenstrichen, konnte Netflix nach einer Begrenzung seiner Kursverluste den Titel als wertvollster Medienkonzern mit einem Börsenwert von 165 Milliarden Dollar hauchdünn vor Disney verteidigen, das es auf eine Marktkapitalisierung von 164 Milliarden Dollar bringt.