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Kurserholung auf der Kippe

Die Erholung im Dax startete im typischen Wende-Monat März. Rutschen die Kurse dafür nun im Top-Monat Mai wieder ab? Gute Aktien sind schon wieder ziemlich teuer; und optisch günstige Werte bergen erhebliche Risiken.

Nach sieben Wochen Kurserholung wächst der Optimismus an den Börsen. Dafür gibt es gute Gründe:

- Bei der Pandemie mehren sich die Anzeichen, dass in vielen Ländern die Spitzen überwunden sind. Immer mehr Lockerungen setzen ein, die zu einer wirtschaftlichen Wiederbelebung führen werden.

- Die gigantischen Nothilfen der Notenbanken, mehr als zwei Billionen Dollar allein in den USA, stellen einen monetären Schub nie gekannten Ausmaßes dar. Nirgends kann dieses Geld so schnell investiert werden wie an den Aktienmärkten – zumal viele Aktien auch verlockend günstig aussehen.

- Im Gegensatz zu früheren Krisen sind nicht nur die Notenbanken extrem flexibel und expansiv auf Stützung der Märkte bedacht. Auch die Regierungen setzen darauf, dass es nicht zu gefährlichen Großpleiten kommt, die wie 2008 im Fall Lehman eine Abwärtsspirale in Gang setzen könnten.
- Die Geschäfte der weltweit führenden Technologieunternehmen wie Amazon, Microsoft oder Apple, die den langfristigen Aufschwung schon vor Corona getragen haben, sind durch die Krise kaum beeinträchtigt, oder – wie besonders im Fall Amazons – werden durch sie sogar zusätzlich angeschoben.

- Bei den Unternehmen, die von der Krise schwer getroffen werden, wie hierzulande vor allem die Autobranche, sind die Aktien zuletzt trotz schwacher Zahlen kaum mehr weiter gesunken. Das ist ein typisches Zeichen dafür, dass der Markt viele Risiken schon verarbeitet hat.

Könnte die ganze Coronakrise, von denen die Börsen so schnell und heftig erwischt worden sind, wie in keinem anderen Crash zuvor, womöglich auch viel schneller wieder vorbei sein als von den meisten Marktteilnehmern angenommen?

Dass dem schnellsten und heftigsten Kurseinbruch in der Geschichte der Börsen eine besonders schnelle und dynamische Erholung folgt, ist nicht überraschend. Vor allem ist es ein Zeichen dafür, dass die klassischen Mechanismen der Börse durchaus funktionieren und weder durch die Maßnahmen der Notenbanken noch die der Staaten außer Kraft gesetzt wurden. Es ist eben auch dieses Mal nicht „alles anders“, es läuft nur schneller und heftiger ab – Börse im Zeitraffer.

Die konkreten Zahlen belegen das klassische Muster von Crash und Erholung: Während der Dax in 20 Tagen (gemessen am jeweiligen Schlussstand) zunächst 5347 Punkte verlor, machte er in der Erholung, die nun seit 36 Tagen läuft, bisher in der Spitze 2666 Punkte wieder gut. Durchschnittlich 267 Punkte Tagesverlust in der Crashphase stehen 74 Punkten durchschnittlichem Zugewinn in der Erholungsphase seitdem gegenüber.

Eine sogenannte V-Erholung, bei der die Kurse ähnlich stark steigen wie sie vorher gefallen sind, spielt sich im Dax derzeit also ganz klar nicht ab.


Horrorszenario: Wie wahrscheinlich ist einer zweiter Crash?

Dass die Erholung im Dax in vielen Fällen nur ziemlich mühsam vorankommt, zeigt sich erst recht mit Blick auf die Einzelwerte. Nur wenige Aktien haben einen großen Teil der Crash-Verluste schon ausgeglichen. Aktien der Deutschen Börse AG, FMC, Vonovia oder Merck KGaA, deren operative Geschäfte vergleichsweise wenig von der aktuellen Krise beeinträchtigt werden.

Ebenfalls gut kommen die Technologieaktien SAP und Infineon voran. Deren Geschäfte werden zwar vor allem im zweiten Quartal empfindlich gedrückt, der langfristige Trend aber ist intakt. Auch Linde gehört in diese insgesamt robuste Kategorie.

Einen merklichen Dämpfer haben die Versorger E.On und RWE bekommen. Auch wenn die Kursverluste insgesamt im Rahmen blieben, zeigen die Aktien mehr Schwächen als erwartet. Bei E.On dürfte vor allem die hohe Verschuldung ein Bremsklotz sein; denn ob die sich die Schulden wie geplant abbauen lassen, wenn die Wirtschaft nur mühsam in Gang kommt (Cash-Einnahmen also langsamer fließen), ist fraglich.

Deutlich heruntergestuft wurden die Versicherer. Vom Tief gesehen mag ihre Erholung beeindruckend gewesen sein; verglichen mit den horrenden Crash-Verlusten spielen sich nach wie vor nur klassische Korrekturen ab. Vor allem besteht hier die Gefahr, dass sich Wertberichtigungen erst im Laufe von Monaten ergeben. Das Aussetzen von Aktienrückkäufen bremst die Kurserholung zusätzlich.

Schwach bleiben die konjunkturabhängigen Auto- und Chemieaktien. Daimler, Covestro, Continental oder BASF stecken so tief in einer dynamischen Abwärtsbewegung, dass selbst weitere Zugewinne von zehn oder zwanzig Prozent daran kaum etwas ändern. Von der Lufthansa ganz zu schweigen, deren Kurse sich im Umfeld der Diskussion um eine mögliche Staatsrettung nur mühsam am langjährigen Tief um acht Euro halten. Wendekandidaten sehen anders aus.

Es ist durchaus ein gutes Zeichen, dass die Erholung im Dax weiter gegangen ist und länger anhält, als vielfach erwartet. Dies macht das Horrorszenario eines zweiten, massiven Crashs ein gutes Stück unwahrscheinlicher. Dennoch hat sich bisher nichts an der Tatsache geändert, dass im Dax nach wie vor eine typische Bärenmarktrally abläuft, eine Aufwärtskorrektur in einer übergeordneten Abwärtsbewegung.

Selbst wenn der Dax in den nächsten Wochen noch in die Spanne 11.000 bis 12.000 Punkte vordringen sollte und bis an die 200-Tagelinie (aktuell 12.180 Punkte) käme, würde sich daran nichts ändern. Gerade die Aktien, die zuletzt massiv gekauft worden sind wie etwa Infineon, sind mittlerweile von der Bewertung her schon wieder richtig teuer. Und bei den Aktien, die weiter auf gedrücktem Niveau dümpeln wie MTU, birgt das operative Geschäft unverändert hohe Risiken.

Fazit für den Dax: Insgesamt dürfte nach sieben Wochen Kletterpartie bald wieder eine neue, mittelfristige Phase einsetzen. Dann müssen die Käufer der vergangenen Wochen beweisen, wie standfest sie sind. Der Saisonzyklus würde passen: Der März als klassischer Tief- und Wendepunkt wie 2003, 2008 und nun 2020 – und der Mai als typischer Hochpunkt, dem oft eine neue, mehrwöchige Schwächephase folgt.


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