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Kurdistan: Familien entgehen türkischem Luftangriff nur knapp

Sekunden vor dem Luftschlag scheint noch alles friedlich (Screenshot: twitter.com/thejilswani)

Es ist eine Szene, wie man sie im Sommer tausendfach beobachten kann: Zwei junge Väter planschen mit ihren kleinen Kindern bei strahlendem Wetter im knöchelhohen Wasser eines Teichs, eine der Mütter steht mit einer Wasserkanone daneben. Im Hintergrund blecherne Musik aus einem Lautsprecher, eines der Kinder fällt platschend hin und erschrickt sich, die Erwachsenen lachen. Plötzlich: Ein Aufprall, Schreie, Panik - auch die Person, die die eben noch friedliche Szene mit einem Handy gefilmt hat, rennt davon.

Ort des Geschehens ist Kuna Masi, ein beliebtes Ausflugsziel bei Sulaimaniyya in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak - und in unmittelbarer Nähe der Badenden hatte das türkische Militär einen Luftangriff durchgeführt. Die Menschen auf dem Video sind unverletzt geblieben, teilt der Autor Jîl Şwanî mit, der die Aufnahmen am Donnerstag in Umlauf gebracht hat. Einer der Männer, die darauf zu sehen sind, ist sein Bruder, der mit seiner Familie den Tag in der Ferienanlage verbringen wollte und Abkühlung am Teich suchte. Bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass ein Trümmerteil seine Frau und seinen Sohn nur haarscharf verfehlte.

“Findet ihr das Okay?”, adressiert Şwanî seinen Tweet an den kurdischen Premier Masrour Barzani, dessen Vize Qubad Talabani und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. “Das ist mein Bruder, der mit meinem Neffen spielt, als 20 Meter von ihnen entfernt eine türkische Bombe in Kuna Masi einschlägt.”

Bei der Attacke wurden den ersten Berichten zufolge drei Personen getötet und mehrere Menschen verletzt, darunter auch Kinder. Nach Angaben der PJAK - der iranischen Schwesterpartei der PKK - stammt einer der Toten aus ihren Reihen, die Vermutung ist naheliegend, dass er das Ziel des Luftschlags war.

Der Angriff ist einer von vielen, die die Türkei in einer seit knapp zwei Wochen andauernden Offensive gegen die PKK geflogen hat. Das türkische Militär bombardiert seit dem Scheitern des Friedensprozesses 2015 regelmäßig das Kandil-Gebirge, in dem die Guerillas der PKK ihr Hauptquartier haben, und andere ihrer Rückzugsgebiete.

Ein Trümmerstück schlägt in unmittelbarer Nähe der Badenden ein (Screenshot: twitter.com/thejilswani)

Dieses Jahr führen die Angriffe jedoch weit über das gewohnte Maß hinaus: Kuna Masi etwa liegt mehr als 80 Kilometer vom Einflussgebiet der PKK und über 200 von der türkischen Grenze entfernt - dafür nur einen Katzensprung vom Iran entfernt, mit dem die Türkei in dieser Offensive schon zuvor Angriffe koordiniert hatte.

Die kurdische Regionalregierung, die wirtschaftlich und politisch von der Türkei abhängig ist, lässt diese wie üblich gewähren und beschränkt sich auf Protestnoten, der Unmut in der Bevölkerung wächst jedoch. Die genauen Ziele der türkischen Offensive bleiben im Dunkeln, beide Konfliktparteien streiten hartnäckig ab, größere Verluste erlitten zu haben. Wann die örtliche Bevölkerung wieder aufatmen kann, bleibt damit ungewiss.