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Warum die Krupp-Stiftung Finanzinvestor Cevian nichts entgegensetzen kann

Die Krupp-Stiftung leidet unter einem Konstruktionsfehler, der Thyssenkrupp hilflos gegenüber Finanzinvestor Cevian macht und für dessen Niedergang mitverantwortlich ist. Bei Bosch ist das besser gelaufen.

Die Börsianer bejubelten den Einstieg des Finanzinvestors Cevian, doch dadurch blieb zu wenig Zeit um ThyssenKrupp wieder auf Kurs zu bringen. Foto: dpa

Peter H. Dehnen ist  Herausgeber des Fachdienstes German Board News und Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland e.V. (VARD). Auf dem  15. Deutschen Aufsichtsratstag (#DART15) am 4. November in Düsseldorf wird er mit  Cevians Deutschland-Chef Jens Tischendorf  diskutieren.

Der Anfang vom Ende der Industrie-Ikone Thyssenkrupp, so wie wir sie kennen, waren nicht die schweren Managementfehler, etwa in Brasilien. Das hätten gute Vorstände und Aufsichtsräte wieder wettmachen können. Das Anfang vom Ende war unseres Erachtens der von Börsianern bejubelte Einstieg des Finanzinvestors Cevian im Jahr 2013. Denn dadurch blieb zu wenig Zeit, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen: Die ungeduldigen Schweden haben immer mehr Druck aufgebaut und jetzt laut Handelsblatt sogar auf eine üppige Sonderdividende gedrängt. Diesem Ansinnen hat sich dem Bericht zufolge Vorstandschef Guido Kerkhoff heftig widersetzt, genau wie die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat.

Das lässt die gebetsmühlenartigen Beteuerungen von Cevian-Chef Lars Förberg, man sei ein langfristig orientierter Investor, dem es um das Wohl des Unternehmens gehe, in einem neuen Licht erscheinen. Denn je länger die erhofften üppigen Renditen ausblieben, desto aggressiver hat der Finanzinvestor die Zerschlagung gefordert. Dass die freundlichen Schweden offenbar nicht mal davor zurückschreckten, trotz leerer Kassen auf hohe Ausschüttungen zu drängen, kann man als Demaskierung werten. Das Unternehmen steht an zweiter Stelle; bei Thyssenkrupp ist die Shareholder-Value-Ideologie auf die deutsche Governance-Kultur geprallt.

Leider hatte der Großaktionär, die Krupp-Stiftung, Cevian bislang wenig entgegenzusetzen: Konstruktionsfehler haben dazu geführt, dass es im Kuratorium an Hochkarätern mit unternehmerischer Erfahrung mangelt. Wir hoffen deshalb unverdrossen, dass die Stiftung weitere kompetente Unternehmer oder Manager an Bord holt. Zudem sollte das ThyssenKrupp-Drama allen Aufsichtsräten eine Lehre sein, die sich mit Investoren à la Cevian konfrontiert sehen. Es gilt nicht nur, deren Absichten kritisch zu hinterfragen – Aufsichtsräte müssen im Ernstfall dagegenhalten. Das lange Schweigen von Stiftungschefin Ursula Gather hat jedenfalls dazu geführt, dass Heinrich Hiesinger und Ulrich Lehner keinen Rückhalt mehr sahen und zurücktraten. Rückblickend spricht alles dafür, dass das der entscheidende Etappensieg für Cevian war.

Wie man es besser macht, zeigt der Fall Bosch: Als Robert Bosch 1942 das Zeitliche segnete, hinterließ er in seinem Testament klare Vorgaben, um das Unternehmen in seinem Sinne weiterzuführen. Das hat – unter anderem – zu einer klaren Trennung von Gemeinnützigkeit und Geschäft geführt: Ihre Stimmrechte hat die Robert-Bosch-Stiftung auf die eine „Industrietreuhand“ übertragen, die stets vom letzten Bosch-Geschäftsführer geleitet wird (derzeit also Franz Fehrenbach, der zugleich als Aufsichtsratschef des Unternehmens fungiert). Sicher: Das entspricht nicht den modernen Corporate-Governance-Standards; ein Cooling-Off war Mitte des vergangenen Jahrhunderts offenbar noch nicht auf dem Radar.

Aber die Regelung hat einen großen Vorteil: Sie sorgt für wirtschaftliche Kompetenz und Erfahrung an der Spitze der Industrietreuhand, der zehn Personen angehören (darunter neben Fehrenbach Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht und Christof Bosch). Ganz anders bei der Krupp-Stiftung: Sie wird von der Uni-Rektorin Ursula Gather geleitet, deren mangelnde Erfahrung in der Wirtschaft im Streit mit den Investoren Cevian und Elliott verheerende Folgen hatte. Wir vermuten: Mit dem einst als Stiftungschef vorgesehenen Gerhard Cromme wäre es völlig anders gelaufen. Dass Berthold Beitz ihm 2013 das Vertrauen entzogen hat und später dem Kuratorium der Stiftung die Wahl seines Nachfolgers überließ, muss deshalb aus heutiger Sicht als Fehler bezeichnet werden – genau wie die Tatsache, dass Alfried Krupp keine Vorgaben à la Bosch machte.

Im elfköpfigen Kuratorium der Krupp-Stiftung mangelt es einfach an Management-Expertise. Stattdessen dominieren Wissenschaftler wie die Vorsitzende Ursula Gather (Mathematik) und ihr Stellvertreter Reimar Lüst (Astrophysik), die die Usancen der Konzernwelt nicht kennen – und deshalb im Konflikt mit den aggressiven Investoren Cevian und Elliott schwere Fehler gemacht haben. Damit sich das nicht wiederholt, müssen endlich erfahrene Manager in das Kuratorium einziehen und der Stiftung ihren Stempel aufdrücken.

Nur dadurch ließe sich sicherstellen, dass die Stiftung in der Strategie-Debatte professioneller agiert und zudem geeignete Experten in den ThyssenKrupp-Aufsichtsrat schickt. Ein wichtiger Impuls für einen Neuanfang könnte vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) ausgehen, der Ende 2017 ins Kuratorium eingezogen ist. Wir hoffen jedenfalls, dass er zum Wohle des Unternehmens aktiv wird und das Ruder rumreißt – womöglich gemeinsam mit wirtschaftskompetenten Kuratoriumsmitgliedern wie der EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger (sofern sie nach ihrem Rücktritt aus der EZB im Kuratorium bleibt) und dem Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt. Kandidaten, die ihren Posten zur Verfügung stellen könnten, gibt es jedenfalls – zum Beispiel den 96-jährigen Lüst oder den 81-jährigen Fritz Pleitgen.