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Wie Krisengewinner Delivery Hero der Aufstieg in den Dax geglückt ist

Dada, Judith
·Lesedauer: 9 Min.

In Zeiten der Pandemie und des Wirecard-Skandals wuchs Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg über sich selbst hinaus. Beweisen muss sich sein Start-up aber noch immer.

Bald feiert Niklas Östberg sein zehnjähriges Jubiläum als Firmengründer von Delivery Hero – und es gibt gute Gründe zum Feiern. Im Jahr 2011 hatte der gebürtige Schwede die Firma aus Deutschland heraus gegründet, von Anfang an mit globaler Ambition. Doch selbst die kühnsten Pläne wurden übertroffen.

„Sogar meine Träume für Delivery Hero waren wohl etwas kleiner, als die Realität nun ist“, berichtete er vor einigen Monaten im hauseigenen Podcast. „Wir sind überrascht davon, wie stark die Industrie wächst – und wie stark wir mit der Industrie wachsen und sie vorantreiben.“ Dieses Gefühl konnten in Zeiten der Krise nur wenige Unternehmer teilen.

Auch jenseits der Berliner Start-up-Szene hat sich Delivery Hero schnell einen Namen als digitaler Lieferservice gemacht. In mehr als 40 Ländern ist das Unternehmen heute aktiv und hat mehr als 25.000 Angestellte. Seine internationale Spitzenposition hat sich Delivery Hero vor allem durch Zukäufe gesichert.

Durch das Konzept des „House of Brands“, das lokal agierende Marken wie Talabat (VAE, Saudi-Arabien und Ägypten), Yemeksepeti (Türkei) oder Foodpanda (Asien-Pazifik) sowie weitere Marken in Nord- und Osteuropa unter einem Dach vereint, hat sich die Firma im umkämpften Lieferdienst-Markt durchgesetzt. Zuletzt folgte der Markteintritt in Japan.

Auf der Angebotsseite finden sich zahlreiche Restaurants, die von Kleinunternehmern geführt oder sogar als sogenannte „Dark Kitchens“ von Delivery Hero selbst betrieben werden. Auch die Lieferung von Lebensmitteln gehört inzwischen mit zum Programm. Alle Gerichte können die Kunden per App bestellen.

Nach dem Börsengang 2017, in dem das Unternehmen fast eine Milliarde Euro einnahm, folgte eine eher beständige Phase. Und dann kam das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Sie sorgte dafür, dass Essenslieferservices zu den Krisengewinnern avancierten. Östbergs Delivery Hero wurde dabei seinem Namen und dem Logo, welches an den Schutzschild von Captain America erinnert, einem Superhelden aus amerikanischen Comic-Heften, zum ersten Mal so richtig gerecht.

Nicht immer heldenhaft

Denn von Heldenhaftigkeit, die dem „Delivery Hero“ nun während der Krise global und pauschal zugesprochen wird, war in der Vergangenheit nicht immer die Rede. Als die Nachricht der Dax-30-Aufnahme im Sommer dieses Jahres bekannt wurde, geriet der selbst ernannte Lieferheld in die Kritik.

Zum einen wurde die fehlende Profitabilität moniert. Östbergs Weigerung, ein konkretes zeitliches Ziel für den Sprung in den nachhaltigen operativen Gewinn zu nennen, half da auch nicht unbedingt. Zum anderen schlug das fehlende deutsche Geschäft so manchem Analysten im besten Sinne des Wortes auf den Magen.

Das hatte Delivery Hero 2019 an die niederländische Takeaway-Gruppe verkauft. Der in Städten wie Berlin und München von vielen heiß geliebte Lieferdienst Foodora verschwand so vom Markt. Konkurrenten schlossen diese Lücke in Rekordzeit. Innerdeutsche Essenslieferungen übernehmen inzwischen die zur Takeaway-Gruppe gehörende Marke Lieferando und das finnische Start-up Wolt.

Eine fehlende Reife in der bestehenden Governance-Struktur beklagten wiederum andere Kritiker. Und als sei das alles nicht genug, steht Östbergs Unternehmen auch für den schlechten Umgang mit Lieferfahrern. Diese sind häufig nicht fest angestellt, wodurch sie auf Sozialleistungen verzichten müssen, gleichzeitig aber auf maximale Leistung getrimmt.

Hinzu kam: Der Einzug von Delivery Hero in den Dax 30 folgte auf einen Skandal, der in der deutschen Tech- und Börsenwelt seinesgleichen sucht: die Wirecard-Insolvenz. Mit dem Nachrücker Delivery Hero wähnte so mancher Beobachter das nächste Krisenunternehmen im wichtigsten deutschen Aktienindex. Mit viel Schein und wenig Substanz.

Doch Östberg führte sich und sein Unternehmen gut ein. Im dritten Quartal 2020 beeindruckte er mit guten Ergebnissen. Die Bestellungen verdoppelten sich zum Vorjahr auf 362 Millionen, der Umsatz wuchs um knapp 100 Prozent zum Vorjahr auf 776 Millionen Euro.

Denn auch wenn manch einer Delivery Hero gern spöttisch als digitalen Schnickschnack verpönt, steckt hinter dem Modell eine enorme operative Komplexität, geschaffen durch etliche Prozesse, die perfekt ineinandergreifen, und vor allem auch eine mehr denn je verheißungsvolle Geschäftsidee.

Wie wichtig eine digital orchestrierte Lieferkette sein kann, ist den Menschen besonders dieses Jahr bewusst geworden. Sie ermöglicht es Menschen auf der ganzen Welt, bei Ausgangssperren eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten, besonders weil der Rhythmus unseres Alltags sich um Mahlzeiten strukturiert.

Und damit nicht genug: Während des Lockdowns bieten digitale Lieferdienste für Restaurants und Kneipen die Möglichkeit, weiterhin Umsätze zu generieren, vielleicht sogar mehr als ihnen ein voller Laden ermöglicht hätte. Und für Beschäftigte in der Gastronomie, die durch die Pandemie ihre Arbeit verloren haben, bieten sich mit Delivery Hero und anderen Diensten neue, prosperierende Arbeitgeber. Diese Lieferfahrer zählen zu den unbesungenen Helden der Coronakrise, zu den „Frontline-Workers“.

Mit Zähigkeit und Ruhe

In der Krise wuchs auch Östberg selbst über sich hinaus. Er entdeckte sein soziales Gewissen. So setzte er im April ein Hilfsprogramm für Lieferfahrer von Delivery Hero auf, das ausgefallene Gehaltszahlungen kompensiert. Im Mai spendete sein Unternehmen mehr als 200.000 Essen an Hochrisikogruppen und Gesundheitsarbeiter.

Als Unternehmer bewies Östberg in den vergangenen Jahren immer wieder seine Zähigkeit und Ruhe. Persönlich forderte ihn dabei eine Krebserkrankung heraus, die er erfolgreich überstand. Als Privatmann widmet er sich dem Ausdauersport und kümmert sich um seine Familie.

Denn wo einige Beobachter in Östberg den kalten Macher und Ausbeuter wähnen, möchte er eigentlich ein Unternehmen bauen, auf das auch seine Kinder stolz sein können. Mitarbeiter beschreiben ihn als unprätentiös und zugänglich. Er sei ein Chef, der auf Firmenfeiern mit jedem plausche.

Mit all seinen Stärken und Schwächen steht Delivery Hero insgesamt auch für den Wandel der deutschen Wirtschaft: Das Unternehmen war von Beginn an international ausgerichtet, agiert flexibel, ist vom Management her jung und auf digitale Kanäle ausgerichtet.

Doch in einem Punkt ist Delivery Hero typisch deutsch. Das Unternehmen setzte sich auch dieses Jahr wieder die Zielgröße null für die Steigerung des Frauenanteils im Vorstand. Delivery Hero ist hiermit keineswegs allein, tut es ihm doch jedes dritte Unternehmen im Dax gleich.

Doch eben genau aufgrund des progressiven Mindsets, des frischen Winds, den Delivery Hero mit einem neuen Geschäftsmodell passend zum 21. Jahrhundert und zu allen zugehörigen Wachstumsschmerzen in den deutschen Börsenmarkt bläst, enttäuscht Östberg an dieser Stelle.

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Nichtsdestotrotz zählt Östbergs Delivery Hero neben anderen Newcomern wie Zalando zu den Gewinnern der Corona-Pandemie und damit zu den Aufsteigern dieses ganz besonderen Jahres. Die Neuigkeiten über einen Impfstoff sorgten jüngst zwar für erste Kursrückgänge, doch das Verhalten von vielen Konsumenten wird sich global nachhaltig verändert haben hin zu digitalen Kanälen und mehr Flexibilität.

Der nachhaltigen Sicherung seines globalen Erfolgs ist Delivery Hero unter der Führung von Niklas Östberg dieses Jahr definitiv nähergerückt, was nicht alle Dax-Teilnehmer von sich behaupten können. Es braucht aber durchaus weiterhin eine etwas verträumte Vision, um an diesen und andere Helden zu glauben.


Wer noch auffiel: Aus der Not eine Tugend gemacht

Hartmut Ortlieb

Unter Rad-Enthusiasten genießt Hartmut Ortlieb schon lange einen legendären Ruf. Die wasserdichten Satteltaschen des fränkischen Mittelständlers gehören zu Radreisen wie Goretex zu Wanderjacken. Mit Corona kamen dieses Jahr massenhaft neue Kunden dazu: Pendler, die den öffentlichen Nahverkehr meiden, und natürlich die vielen Urlauber, die auf eine Auslandsreise verzichten mussten. So wurden dem Unternehmer die Taschen regelrecht aus den Händen gerissen.

Zurück von einem völlig verregneten Englandurlaub, nähte Hartmut Ortlieb 1981 seine erste robuste Radtasche – aus einer Lkw-Plane. Das Geschäft des Familienunternehmens ist über die Jahre stetig gewachsen. So gut wie dieses Jahr lief es noch nie. Ortlieb profitiert auch vom Boom der E-Bikes. Durch die Elektroräder entdecken neue Zielgruppen das Radfahren.

Ortlieb produziert seine Taschen in der eigenen Fabrik in Heilsbronn und baut auch die Maschinen selbst. 70 Prozent aller Materialien stammen aus Deutschland. So konnte der Mittelständler dieses Jahr schneller auf den Boom reagieren als seine Konkurrenz, die in Fernost fertigen lässt. Joachim Hofer

Stefan Dräger

Staatsoberhäupter und Könige riefen im Frühjahr bei ihm an, um dringend benötigte Beatmungsgeräte für die Covid-19-Patienten in ihren Ländern zu erbeten. Nicht allen konnte Stefan Dräger in dem Maße helfen, wie er gerne gewollt hätte, obwohl das Medizin- und Sicherheitstechnikunternehmen Drägerwerk seine Produktion massiv ausbaute.

Seit mehr als 15 Jahren führt der 57-jährige Ingenieur in fünfter Generation das börsennotierte Unternehmen, das er über das Konstrukt einer Kommanditgesellschaft auf Aktien kontrolliert. Die Corona-Pandemie hat Dräger eine neue Richtung gegeben: Statt über Personalmaßnahmen und Kostensenkungen zu entscheiden, ging es plötzlich um Wachstumsfinanzierung und Neueinstellungen. In diesem Jahr will Dräger um bis zu 22 Prozent wachsen.

Zum Erfolg äußert sich Stefan Dräger eher mit demütigen Worten. Seine große Hoffnung: dass die Corona-Krise die Menschen dazu veranlasst hat, den Wert der Medizintechnik- und Gesundheitsbranche mehr zu schätzen: Schließlich geht es bei Dräger um „Technik für das Leben“. Maike Telgheder

Timotheus Höttges

Im Jahr der Corona-Pandemie ist die Deutsche Telekom gefragt wie nie zuvor. Als zur Hochphase der Krise Sorgen laut werden, die Telekommunikationsnetze könnten zusammenbrechen, versichert Konzernchef Timotheus Höttges: „Unsere Netze halten.“ Und als andere Firmen ihre Prognosen nach unten korrigieren mussten, hob Höttges die Erwartung an das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) für das laufende Jahr um eine Milliarde Euro auf 35 Milliarden Euro an.

Der Grund für das gute Geschäft liegt aber weniger in Europa, sondern mehr in den USA. Nach zweijährigen Verhandlungen gelang Höttges in diesem Jahr ein Coup: Die US-Tochter T-Mobile US durfte mit dem Rivalen Sprint fusionieren. Höttges hat bereits das nächste Ziel ausgegeben: Mit T-Mobile will der 58-Jährige die Telekom zum Marktführer im lukrativen US-Mobilfunkmarkt machen. Er muss sich beeilen. Sein Vertrag als Vorstandschef läuft noch bis Anfang 2024. Stephan Scheuer

Niels B. Christiansen

Als Gewinner der Coronakrise will sich Niels B. Christiansen nicht sehen. Ein Profiteur ist er aber auf jeden Fall. Der Chef des weltgrößten Spielzeugherstellers Lego konnte in diesem Jahr einen neuen Rekord präsentieren. Trotz oder wegen des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen erzielte der Bauklötzchenhersteller aus Dänemark das beste Ergebnis in der nunmehr 88-jährigen Geschichte des Familienunternehmens.

„Die Zahl der Familien, die mit Lego bauen und lernen, hat sich in der Corona-Zeit verdoppelt“, sagt Christiansen. Und: „Wir haben alles unternommen, um den Eltern zu helfen, deren Kinder nicht zur Schule gehen konnten.“ Das Unternehmen öffnete zum Beispiel den Zugang zu seinen Apps, die normalerweise erst nach einer Registrierung zugänglich sind.

Christiansen, 54, werden außergewöhnliche Führungsqualitäten, aber auch hartes Durchgreifen nachgesagt. Der ausgebildete Ingenieur gilt in Dänemark als einer der erfolg- reichsten Manager der vergangenen Jahre. Vor seiner Ernennung zum Lego-Chef leitete er erfolgreich den dänischen Kältetechnikspezialisten Danfoss. Helmut Steuer