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In der Krise zeigt sich das wahre Ich

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.

Ich musste erst wirklich laut lachen. Eine Bekannte von mir, die ich aus Skiurlauben noch ohne Kinder kenne, postete vor einigen Tagen einen Aufruf auf Facebook. „Werde Erntehelfer und hilf den Bauern in Deutschland.“

Ich musste lachen, weil ich mir vorstellte, wie gerade sie – die sich sonst eher Sorgen darum macht, dass ihre Bogner-Jacke aus der vergangenen Saison alt aussehen könnte, ihr Lidschatten unter der Skibrille verwischt oder dass sie 500 Gramm Gewicht zulegen und „fett“ werden könnte – Spargel zieht, Kartoffeln ausbuddelt oder Erbsen sortiert.

Und dann wurde ich auch ein bisschen sauer. Warum forderte sie mich und andere Facebook-„Freunde“ auf, sich als Erntehelfer einzubringen, ohne selbst einfach mal mit anzupacken. Und ich fürchtete, sie fühlte sich nach diesem „Teilen“ auch noch richtig gut – so, als hätte sie etwas getan. So, als hätte sie etwas zum Positiven bewegt in dieser Krise.

Ein anderes Beispiel: Meine Freundin Julia aus München, die derzeit mit ihren beiden Töchtern allein im Homeoffice sitzt, erzählte mir gestern, wie es in ihrer Whatsapp-Gruppe der ersten Klasse ihrer Ältesten abgeht. Dort würden sich einige andere Mütter und Väter mit Beiträgen gegenseitig überbieten, wie viel und natürlich fehlerfrei ihre Sprösslinge schon von den Schulaufgaben erledigt hätten.

„Das macht mich ganz fertig!“, klagte sie. „Die sind schon Mittwoch angeblich mit den Zusatzaufgaben fertig. Unsere Hannah weigert sich grundsätzlich diese zu erledigen. Sie stoppt, sobald sie eine mit Sternchen markierte Aufgabe erreicht hat... Ich bin froh, wenn wir an fünf Tagen das normale Pensum schaffen.“

Ich war sprachlos. Es ist doch nicht zu fassen! Statt dass sich in dieser Gruppe geholfen wird, wie es ja eigentlich der Sinn einer solchen Einrichtung ist, wird dort eine Art Wettbewerb veranstaltet: Welches Kind hat seine Schulaufgaben am schnellsten, schönsten und umfassendsten erledigt?

Der wahre Charakter in Krisensituationen

Mein Rat lautete: Ignorieren! Mütter oder Väter, die sich und ihre lieben Kleinen so produzieren müssen, haben anscheinend sonst nichts zu tun oder selbst nichts erreicht in ihrem Leben. Und außerdem: In Bezug auf die eigenen Kinder wird unglaublich viel gelogen. Da stimmt häufig wenig.

Nun, gut, die Episoden zeigen mal wieder: In Krisensituationen zeigt jeder seinen wahren Charakter – und den auch noch potenziert.

Die, die sonst schon ignorant waren, sind ignoranter und gehässiger denn je. Die, die sonst schon kühl waren, sind kühler und kalt. Die, die sonst schon empathisch waren, sind empathischer und helfen. Und die, die sonst schon tatkräftig waren, sind tatkräftiger und unermüdlich im Einsatz.

Es ist, wie es war und ist: Der Faktor Mensch ist der entscheidende im Leben. Im Privat- wie im Berufsleben. Das Miteinander ist entscheidend.

Und in Krisensituationen, wie wir sie gerade in historischem Ausmaß erleben, trennt sich auch menschlich schnell und eindeutig die berühmte Spreu vom Weizen: der Desinfektionsmittel-Dieb vom Einkaufshelfer, der Corona-Party-Gänger vom Medizinstudenten, der freiwillig in die Pflege geht, oder der Corona-Verleugner vom Erntehelfer.

Die sozialen Medien präsentieren diese Charaktere gerade auf eindrucksvolle Weise. Das Internet ist einerseits voller Hass, Häme und Hetze.

AfD-Politiker etwa wünschen Angela Merkel, die sich in freiwilliger Quarantäne befindet, weil sie mit einem infizierten Arzt in Kontakt stand, einen qualvollen Coronatod. Das sind die Schlechtmenschen, bei denen man sich selbst ertappt, ihnen Böses zu wünschen. Doch man sollte sich nicht anstecken lassen.

Das Internet ist aber auch voller Liebe, Verständnis und Hilfsbereitschaft. Dafür stehen etwa die Macher von Portalen wie der Nachbarschaftshilfe von coronaport.net, den Einkaufshelfern von nebenan.de oder dem Babysitterdienst von coronamami.de. Das sind die Gutmenschen, deren Beispielen wir folgen könnten und von deren guten Ideen und Engagement wir uns anstecken lassen sollten.

Morgen wage ich die Flucht

Und auch wir zuhause in unseren Homeoffices können diese Charakterstärken oder -schwächen an uns und anderen beobachten. Während wir hier so sitzen, arbeiten und sinnieren, zurückgeworfen auf uns selbst und unsere Nächsten, verlieren wir auch schon mal die Facon.

Diese kollektive Quarantäne ist schließlich nicht mehr oder weniger als ein sozialer Ausnahmezustand. Wir stehen emotional unter enormem Druck. Und der entlädt sich leider auch manchmal.

Als ich am Sonntagabend im Dienst war, und die Nachricht, dass Angela Merkel sich nun freiwillig in Quarantäne begibt, noch auf den allerletzten Drücker in die Zeitung bringen musste – es waren nur noch drei Minuten bis zum Andruck – zog unser Jüngster das Ladekabel aus meinem Laptop.

Der schaltete zwar sofort in den Batteriebetrieb, doch der Schreck reichte aus, ich wurde laut. „Neeeein, bist du waaahnsinnig?“ Der Kleine verstand natürlich weder meine Lautstärke noch die Aufregung. Er schaute mich mit seinen großen blauen Augen an und fing an zu weinen.

Ich hätte mich sogleich selbst ohrfeigen wollen. Was schrie ich jetzt den Kleinen an? Als ob der Einjährige schon so gezielt handeln würde oder gar wüsste, was er gerade fast getan hätte. Die Erkenntnis dieses Arbeitstages war klar wie Tränen: Ein Homeoffice ist eben kein Office.

Was bleibt? Die Befürchtung, dass mir wohl mittel- bis langfristig hier zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen droht wie den Galliern bei Asterix und Obelix der Himmel.

Und deshalb wage ich morgen mal eine kleine Flucht. Eine Flucht in meine Redaktion. Eine Flucht zurück in die schöne, alte Arbeitswelt. Ein kurzes Zurück in die Normalität.