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Konzernchefin Merz wird den Stahl nicht los

Hennersdorf, Angela
·Lesedauer: 5 Min.

Der Essener Industriekonzern Thyssenkrupp verkauft seine Stahltochter nicht an den britischen Konkurrenten Liberty. Die IG-Metall dürfte nur kurz aufatmen. Denn nun müssen die Essener das Stahlgeschäft selbst sanieren.

Der Essener Industriekonzern hat den Verkauf seiner Stahltochter an den britischen Konkurrenten abgesagt. Die Verhandlungen seien beendet worden, teilte Thyssenkrupp am späten Mittwochabend mit. Thyssenkrupp werde das Stahlgeschäft aus eigener Kraft weiterentwickeln. „Wir haben die Tür für Verhandlungen aufgemacht, aber die Vorstellungen über Unternehmenswert und Struktur der Transaktion lagen am Ende doch weit auseinander“, sagte Finanzchef Klaus Keysberg. Auch Liberty Steel teilte mit, die Preisvorstellungen hätten zu weit auseinander gelegen. Liberty hatte ein negatives Kaufgebot für den Stahl der Essener abgegeben und diesen mit hohen Klimaschutzkosten begründet. Aber die Briten wollten die Tür für weitere Gespräche offenhalten. Die Bewertungslücke könnte zu gegebener Zeit beseitigt werden.

Mitte Oktober vergangenen Jahres hatte der britisch-indische Unternehmer Sanjeev Gupta ein nicht bindendes Angebot für die Stahltochter von Thyssenkrupp abgegeben. Gupta wollte die Stahlerzeugung der Essener in seinem Konzern Liberty Steel aufgehen lassen.

Doch daraus wird nichts. Unterschiedliche Preisvorstellungen waren auch nicht allein die Gründe für einen Abbruch der Verkaufsgespräche. Auch bei Fragen über die Finanzierung des Deals gab es keine gemeinsame Lösung.

Die beiden Stahlhersteller hätten zusammen den zweitgrößten Stahlriesen in Europa nach ArcelorMittal geschmiedet. Seit Jahren leidet die Branche in ganz Europa und weltweit unter Überkapazitäten, Billigimporten aus China und immer härteren Klimaschutzauflagen. Das Stahlgeschäft von Thyssenkrupp litt dann auch noch stark unter den Folgen der Coronapandemie und häufte im vergangenen Geschäftsjahr (Oktober 2019 bis September 2020) einen Verlust von fast einer Milliarde Euro an. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres (Oktober 2020 bis Dezember 2021) steigerte das Sorgenkind im Vergleich zum Vorjahr von minus 144 Millionen Euro auf einen Gewinn von immerhin 22 Millionen Euro. Wie die gesamte Branche profitierte Thyssenkrupp vom gestiegenen Stahlpreis, der Autoproduktion, die wieder angezogen ist und nach mehr Stahlnachfrage in der Haus- und Bauindustrie.

IG-Metall zweifelte von Anfang an dem Deal

Schon auf der Hauptversammlung vor wenigen Wochen hatte Konzernchefin Martina Merz angekündigt, bei dem von Liberty Steel vorgelegten Kaufangebot gebe es bei einer „Reihe komplexer Themen noch Klärungsbedarf“. Das hörte sich schon nicht besonders vielversprechend an. Denn schon Mitte März wollte Merz eine Entscheidung über den Verkauf der Stahlsparte oder einen Verbleib des Geschäfts im Konzern entscheiden. Auch eine spätere Abspaltung des Stahlgeschäfts nannte sie als Option. Kurz darauf stellte Finanzchef Keysberg klar, Thyssenkrupp werde einen Verkauf des Stahlgeschäfts nicht mitfinanzieren. Und noch am Dienstag sagte Thyssenkrupp-Stahlchef Bernhard Osburg, man sei bereit zu einer Konsolidierung, aber das Konzept müsse auch passen.

Die Arbeitnehmervertreter hatten von Anfang an Zweifel an dem Deal mit Liberty Steel. Es sei nicht klar, wie das britische Familienunternehmen die Übernahme der Stahlsparte stemmen wollte, sagte IG-Metallerin Daniela Jansen Anfang des Jahres. „Wir kennen immer noch kein Finanzierungs- und auch kein industrielles Zukunftskonzept von Liberty Steel.“ Glaubhaft sei auch nicht die Ankündigung von Liberty Steel bis 2030 klimafreundlich Stahl produzieren zu wollen. Das sei schon aus technischen Gründen nicht möglich.

Hoher Preis für die Stahlkocher

Nun bleibt Konzernchefin Merz also nur, das Sorgenkind selbst weiterzuentwickeln. Immerhin gab der Konzern für die Tochter Investitionen von gut 700 Millionen Euro frei, die in die Modernisierung der Werke gesteckt werden sollen. Das sei das größte Investitionsprogramm beim Stahl seit fast zwei Jahrzehnten. Die Stahlwerke in Duisburg und Bochum sollen fit gemacht werden für die neuen Anforderungen der Autoindustrie. Zentrale Teile beider Standorte sollen bis Ende 2024 neu gebaut werden. Um diese Investitionen haben die Arbeitnehmervertreter seit langem gekämpft. Doch im Gegenzug will der Konzern beim Stahl mehr Stellen streichen als bisher geplant. Die finanziellen Folgen der Coronakrise machten weitere Kostensenkungen notwendig, so der Konzern. Deshalb müsse allen Beteiligten klar sein, dass daher auch über weitere Personal- und Kostenmaßnahmen gesprochen werden musste, wenn bisher Erreichtes und Vereinbartes nicht gefährdet werden wolle.

Konkrete Zahlen nannte das Unternehmen noch nicht. Immerhin sei die Freigabe der Investitionen „nicht verbunden mit einer Bedingung von weiterem Personalabbau“, sagte Finanzchef Keysberg.

Bei den Arbeitnehmern stießen die Ankündigungen auf Kritik. Mit der Freigabe der dringend benötigten Investitionen erfülle Thyssenkrupp die Vereinbarungen mit den Beschäftigten, betonte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp Steel, Tekin Nasikkol. Die Ankündigung weiterer Restrukturierungen schaffe aber „noch mehr Unsicherheiten“. Deshalb müsse der Vorstand „lückenlose Transparenz über die weiteren Pläne“ schaffen. Auch der NRW-Bezirksleiter der IG Metall, Knut Giesler, forderte klare Informationen. „Einen weiteren Personalabbau über die Presse anzukündigen, führt nur zu Frust, Wut und Unsicherheiten und erleichtert eine Lösungsfindung sicher nicht.“

Thyssenkrupp hatte im vergangenen Frühjahr mit den Arbeitnehmervertretern einen Tarifvertrag zur Sanierung der angeschlagenen Stahlsparte vereinbart. Darin wurde der sozialverträgliche Abbau von 3000 Stellen bis zum Jahr 2026 vereinbart. Die neue Stahlstrategie sieht zudem einen zusätzlichen Investitionsrahmen von insgesamt rund 800 Millionen Euro über 6 Jahre vor, der die zuvor bereits eingeplanten jährlichen Investitionen von rund 570 Millionen Euro ergänzen soll.

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