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Kontroverse um Impfstoff von Astra-Zeneca

Hofmann, Siegfried Siebenhaar, Hans-Peter Waschinski, Gregor
·Lesedauer: 5 Min.

Astra-Zeneca betont die Zuverlässigkeit seines Impfstoffs, Spahn will sich an Spekulationen nicht beteiligen. Ein hochrangiger Beamter schätzt die Wirksamkeit bei älteren Menschen als gering ein.

Für den vollen Schutz sind zwei Impfungen im Abstand von mehreren Wochen nötig. Foto: dpa
Für den vollen Schutz sind zwei Impfungen im Abstand von mehreren Wochen nötig. Foto: dpa

Als sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Anfang der Woche mit den Kollegen aus den Ländern zu einer Videokonferenz zusammenschaltete, ging es auch um die bevorstehende Zulassung des Impfstoffs von Astra-Zeneca. Erwartet wird, dass der britisch-schwedische Pharmakonzern Ende der Woche die Genehmigung für den Einsatz seines Vakzins in der Europäischen Union erhält.

Offen ist allerdings, ob die EU-Arzneimittelagentur Ema die Datenlage als ausreichend bewertet, um das Präparat auch für die Altersgruppe der über 65-Jährigen zuzulassen. Bei der Videokonferenz hielt sich der Minister bei dieser Frage bedeckt, hieß es in Länderkreisen.

Das Handelsblatt hatte am Montag aus der Regierungskoalition erfahren, dass Spahns Ministerium bereits prüft, ob die nach Alter gestaffelte Impfreihenfolge angepasst werden muss. Auch das Wirtschaftsportal „Business Insider“ und die „Bild“-Zeitung hatten über die Erwägungen des Ministers berichtet, die bisherige gesetzliche Impfpriorisierung zu ändern.

Ein Beschluss wurde noch nicht gefasst. Aus zwei Länderministerien erfuhr das Handelsblatt, dass die Ministerrunde sich am Samstag wieder zusammenschalten wolle – für den Fall, dass die generell erwartete Zulassung des Mittels von Astra-Zeneca eine Einschränkung für Senioren enthalten würde.

Das Handelsblatt hatte in diesem Zusammenhang auch über interne Berechnungen einer Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Gesundheitsministeriums berichtet, in denen die Wirksamkeit des Impfstoffs von Astra-Zeneca für die Altersklasse 65 Jahre und älter auf Grundlage der vorläufigen Studiendaten des Pharmakonzerns nur auf acht Prozent beziffert wurde.

Die Sorge über einen niedrigen Schutzgrad bei Senioren wurde von Quellen in Koalition und Behörden bestätigt. Auch die „Bild“-Zeitung berichtete über eine mögliche Wirksamkeit des Impfstoffs bei Älteren „von unter zehn Prozent“.

Spahn wollte sich an Spekulationen über die Wirksamkeit des Impfstoffs bei den unterschiedlichen Altersgruppen nicht beteiligen. Er wolle warten, bis die Daten aus den Studien ausgewertet worden seien, sagte der Minister im „ZDF“: „Ich halte wenig davon, das jetzt in Überschriften spekulativ zu machen.“

Fachbehörden hatten sich seit Beginn der Woche indes skeptisch mit Blick auf die dünne Datenlage bei der besonders gefährdeten betagten Risikogruppe geäußert. „Basierend auf den derzeit verfügbaren zu geringen Studiendaten in dieser Altersgruppe kann die Wirksamkeit nicht abschließend beurteilt werden“, heißt es etwa im Umfeld der Ständigen Impfkommission. Man könne bei der Impfstoffzulassung nicht „nach dem Prinzip Hoffnung“ vorgehen.

Astra-Zeneca dementiert

Astra-Zeneca wies dagegen die Darstellungen über eine vermeintlich geringere Wirksamkeit des eigenen Mittels zurück. „Berichte, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs von Astra-Zeneca/Oxford bei Erwachsenen über 65 Jahren nur acht Prozent beträgt, sind völlig falsch“, sagte eine Sprecherin. Unter anderem verwies sie auf im November in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Daten, aus denen hervorgehe, dass ältere Erwachsene starke Immunantworten auf den Impfstoff zeigten.

Das Bundesministerium für Gesundheit teilte ebenfalls mit, man könne die aktuellen Berichte über eine geringere Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffs bei Senioren nicht bestätigen. „Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden: Rund acht Prozent der Probanden der Astra-Zeneca-Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahren, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre“, erklärte ein Sprecher.

„Daraus lässt sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten.“ Im Übrigen werte die Europäische Arzneimittelagentur die Studien aus. Seit dem Herbst sei bekannt, dass in den ersten eingereichten Studien von Astra-Zeneca weniger Ältere beteiligt waren als bei den Studien anderer Hersteller.

Ein hochrangiger Beamter des Bundesgesundheitsministeriums, der Einsicht in die aktuelle Datenlage hatte, sagte dem Handelsblatt indes: „Eine Verwechselung der Zahlen ist ausgeschlossen. Die Wirksamkeit bei den über 60-Jährigen liegt nach Ansicht der uns bislang zur Verfügung stehenden Daten bei unter zehn Prozent.“

Es gehe um die Wirksamkeit, denn auch die in der Bundesregierung diskutierten Angaben zu den unter 60-jährigen bezogen sich nicht auf die Anzahl der Probanden, sondern auf die Wirksamkeit. „Nach unseren Informationen ist die Wirksamkeit des Impfstoffs bei den Jüngeren, unter 60-Jährigen signifikant besser als bei den Älteren, aber nicht ganz so gut wie bei anderen Impfstoffen in dieser Altersgruppe.“

Großbritannien hatte den Impfstoff von Astra-Zeneca Ende Dezember per Notfallgenehmigung zugelassen. Bei der Ema durchläuft der Impfstoff ein reguläres Zulassungsverfahren. Auch in den USA, in Kanada und in der Schweiz steht eine reguläre Zulassung noch aus. In den bisher publizierten klinischen Studien von Astra-Zeneca war die Zahl der älteren Teilnehmer noch zu gering, um statistisch aussagefähige Daten zur Wirksamkeit des Covid-Impfstoffs zu liefern.

Bei der Annahme, dass der Impfstoff gleichwohl auch bei älteren Menschen wirkt, stützt sich Astra-Zeneca daher bisher vor allem auf Untersuchungen zur Immunogenität des Vakzins, also seiner Fähigkeit, im menschlichen Körper eine Immunreaktion auszulösen.

Solche Reaktionen können etwa anhand der generierten Antikörper und T-Zellen gemessen werden. In der Schlussphase des Zulassungsverfahrens lieferte Astra-Zeneca dann noch einmal Datensätze an die Ema nach, die nun die Genehmigung für alle Altersgruppen ermöglichen soll. Die Entscheidung fällt am kommenden Freitag. Die Empfehlung der Ema muss dann noch von der Kommission bestätigt werden.

Der Europaabgeordnete und Gesundheitspolitiker Andreas Glück (FDP) rief die Arzneimittelagentur auf, beim Abschluss des Verfahrens auf einer klaren Datenlage zu bestehen. „Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass der Impfstoff bei gewissen Personengruppen eine schlechtere Wirksamkeit zeigt, muss das in der Zulassung berücksichtigt werden“, sagte Glück dem Handelsblatt. Astra-Zeneca müsse nun aufzeigen, ob deren Datenlage zu Unklarheiten oder deren Kommunikation zu Unsicherheiten geführt habe.