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Kontrollen auf der Öresundbrücke: Schwedische Corona-Strategie belastet Beziehung zu Dänemark

Mit der Einweihung der Öresundbrücke zwischen Dänemark und Schweden entstand vor 20 Jahren eine ganz neue Region. Der schwedische Sonderweg bedroht die Integration.


Die Brücke zwischen Malmö in Schweden und Kopenhagen in Dänemark ist 16 Kilometer lang. Foto: dpa

Die Öresundbrücke verbindet Dänemark und Schweden. Doch wo sonst Tausende Autos pro Tag von Kopenhagen nach Malmö oder umgekehrt fahren, hat sich jetzt ein kleiner Stau gebildet. Die dänische Polizei kontrolliert fast jedes Auto auf der künstlich angelegten Insel Pepparholm, wo die Brückenautobahn und die beiden Bahngleise in einem Tunnel münden, der zum dänischen Festland führt.

Einige Fahrzeuge müssen umkehren, die Insassen haben offenbar keine ausreichenden Gründe für einen Besuch in Dänemark darlegen können. Während Autos mit deutschem Nummernschild schon nach kurzer Zeit passieren dürfen, ist für die meisten Schweden auf der Brücke, die eigentlich beide Länder verbinden soll, das Ende der Reise erreicht.

Pendler beklagen sich über langwierige Grenzkontrollen, die Dänemark wegen der Situation im Nachbarland eingeführt hat. Zwar dürfen Schweden, die in Kopenhagen arbeiten, weiterhin nach Dänemark einreisen, doch die Kontrollen kosten Zeit. So wird aus der normalerweise nur 35-minütigen Bahnfahrt von Malmö in die dänische Hauptstadt schon mal mehr als eine Stunde.

Es sind die unterschiedlichen Corona-Strategien, die zu einem schweren Disput unter den nordischen Ländern geführt haben. Der schwedische Weg, ohne Lockdown durch die Pandemie zu kommen, hat zu den Verwerfungen geführt.

Weil Schweden gemessen an der Einwohnerzahl mit mehr als 5300 Todesfällen eine der höchsten Covid-19-Sterberaten in Europa hat, haben die nordischen Nachbarländer beschlossen, ihre Grenzen nicht für schwedische Bürger zu öffnen. Die Zahl der Covid-19-Toten in Dänemark, Finnland und Norwegen ist deutlich niedriger als in Schweden – zusammengerechnet.

Die Infektionszahlen in Schweden seien einfach immer noch zu hoch, so begründete die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen die Einreisebeschränkungen, die neben Schweden auch Großbritannien, Irland, Portugal und Rumänien betreffen. Alle übrigen europäischen Länder sind von der Grenzschließung nicht betroffen. Und „Greater Copenhagen“, wie sich die Region sehr zum Verdruss der Malmöer offiziell nennt, leidet besonders.

Die Region ist 20 Jahre lang zusammengewachsen

Die Coronakrise hat die Integration der Wirtschaftszentren Malmö und Kopenhagen ins Stocken gebracht. Am 1. Juli 2000 wurde mit der Öresundbrücke das damals größte Infrastrukturprojekt der Europäischen Union eingeweiht – die Öresundregion entstand. Seitdem ist die Region um die 16 Kilometer lange Brücke wirtschaftlich stark zusammengewachsen.

Bei dem als Jahrhundertbauwerk bezeichneten Brückenschlag zwischen den beiden Ländern standen in Kopenhagen und Stockholm nicht nur verkehrspolitische Ziele im Vordergrund. Ein gemeinsamer großer Arbeitsmarkt und eine einzige Wohnregion sollten geschaffen werden.

Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Austausch, Integration pur – davon träumten vor 20 Jahren nicht nur Kommunalpolitiker. „Wir wollen dem Europa der Regionen ein richtiges Gesicht geben“, wurde damals feierlich zur Eröffnung der „Brücke der Zukunft“ erklärt. Die Öresundregion mit ihren mehr als vier Millionen Einwohnern wurde beiderseits der Meerenge zu einer der stärksten Wachstumsregionen der EU erkoren. Jeder vierte internationale Konzern hat seine Nordeuropa-Niederlassung in der Öresundregion angesiedelt.

Kritik an schwedischer Strategie

Gleich mehrere Biotech- und Pharmakonzerne haben sich seitdem auf beiden Seiten der Brücke niedergelassen und viele Milliarden Euro investiert. Die Bemühungen in der Region, sich nach London und Paris als drittgrößtes europäisches Biotech- und Pharmaforschungszentrum zu etablieren, sind zwar nicht erfüllt worden. Doch immerhin arbeiten heute im „Medicon Valley“ mehr als 30.000 Menschen. Viele von ihnen pendeln jeden Tag über die Öresundbrücke, da sie in dem einen Land wohnen und im anderen arbeiten.

Die Kritik an der schwedischen Corona-Strategie ist in der Region und den nordischen Nachbarländern unüberhörbar. Auch in Schweden mehren sich die kritischen Stimmen, wenngleich die Zustimmung zu dem Weg ohne gravierende Restriktionen immer noch hoch ist.

Dass der schwedische Sonderweg das Land gerade zur Urlaubszeit in die Isolation treibt, dürfte die Stimmung aber weiter belasten. Ziemlich egal wird den meisten Dänen und Schweden dagegen sein, dass die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Brückenschlages wegen der Corona-Pandemie ins Internet verlagert worden sind.

Mehr: Dänemark, Finnland und Norwegen wollen die Grenzen wieder öffnen – aber Schweden soll außen vor bleiben. In Stockholm sorgt das für Unverständnis und Empörung

ARCHIV - 29.06.2011, Dänemark, Kopenhagen: Fahrzeuge fahren über die Öresundbrücke. Am 1. Juli 2000 wurde mit der Öresundverbindung zwischen Malmö und Kopenhagen eine der spektakulärsten und längsten Brücken Europas eingeweiht. (zu dpa-Korr