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Konsolidierungswelle in der US-Medienindustrie: Time Warner-Urteil löst Übernahmeschlacht aus

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Grünes Licht für den Mega-Medien-Meger: Time Warner und AT&T werden ein Unternehmen (Foto: AP /Richard Drew)

Der Preis ist heiß: Plötzlich ist in der amerikanischen Medienbranche eine bemerkenswerte Konsolidierung entbrannt. Ausgelöst hat das Übernahmefieber ein Bundesrichter, der die sich lange Zeit in der Schwebe befindende Akquisition von Time Warner ohne Auflagen durchwinkte. Daraufhin lieferten sich Disney und Comcast ein Bietergefecht um 21st Century Fox, während über weitere Übernahmen spekuliert wird.

Der Übernahmeversuch ist noch älter als die Trump-Präsidentschaft. Im Oktober 2016 überraschte AT&T mit einem erstaunlichen Gebot: Zu einem Börsenwert von 85,3 Milliarden Dollar (plus Schulden) wollte der US-Telekomriese Time Warner übernehmen.

Es sah nach einer neuen „Hochzeit im Himmel“ aus: Für 107,50 Dollar je Aktie schien sich der 133 Jahre alte Telekompionier das New Yorker Medienimperium, das seine Ursprünge im 1922 gegründeten Verlag Time Inc. besitzt, zu sichern – und damit nicht nur den beliebten Nachrichtenkanal CNN, sondern auch den Pay-TV-Sender HBO (“Sex and the City”, “Game of Thrones”) und das Filmstudio Warner Brothers (“Harry Potter”, “Batman”).

Trump-Regierung wollte Time Warner-Übernahme verhindern  

Dann kam Donald Trump. „Solche Deals zerstören die Demokratie“, äußerte sich der damalige republikanische Präsidentschaftskandidat schon während des Wahlkampfs ablehnend zur Übernahme. Der Zusammenschluss stehe exemplarisch für  “jene Machtstrukturen, die ich bekämpfe.“

Drei Wochen nach dem Übernahmegebot wurde Donald Trump tatsächlich neuer US-Präsident – und die Akquisition hing in der Schwebe. Ein Jahr später intervenierte dann offiziell das US-Justizministerium und forderte im Falle der Fusion den Verkauf von CNN – für den US-Präsidenten bekanntlich ein Produzent von „Fake News“ –, was von AT&T kategorisch abgelehnt wurde. Es kam zur Klage des US-Justizministeriums gegen die Übernahme. 

Bundesrichter setzt sich in wegweisendem Urteil über US-Justizministerium hinweg

In der vergangenen Woche folgte dann das überraschende Urteil: Bundesrichter Richard Leon wies die Klage des US-Justizministeriums ab und winkte die Übernahme durch – und das ohne Auflagen.

Die Folgen des wegweisenden Urteils könnten weitreichender kaum sein. Nach der Time Warner-Akquisitionen durch AT&T scheinen sogenannte „vertikale“ Übernahmen und Fusionen zwischen Telekom- und Internet-Großkonzernen und Medienunternehmen mehr denn je an der Tagesordnung zu stehen.

Wettbieten um 21st Century Fox  

Tatsächlich ist als nächstes Übernahmeobjekt 21st Century Fox in den Fokus geraten. Eigentlich schien sich Unterhaltungspionier Disney bereits den Löwenanteil an Rupert Murdochs Film- und TV-Konglomerat gesichert zu haben. Im vergangenen Dezember bot das Dow Jones-Mitglied 52 Milliarden Dollar für Teile von 21st Century Fox – darunter die prestigeträchtige Filmsparte 20th Century Fox, die u.a. Kassenschlager „Stars Wars“, „Titanic“ oder etwa „Avatar“ hervorgebracht hat, die Spartensender FX und National Geographic und PayTV-Pionier Sky.

Der Deal schien durch – dann fühlte sich Kabelnetzbetreiber Comcast durch das Time Warner-Urteil ermutigt, seinerseits den Hut in den Ring zu werfen. Vergangene Woche gab der 1963 gegründete US-Konzern ein generöses Gebot ab, das mit 35 Dollar je Aktie für Teile von 21st Century Fox gleich um 19 Prozent höher lag als Disneys Offerte im Dezember.

Disney muss fast 20 Milliarden Dollar mehr bezahlen als geplant 

Es kam, wie es kommen musste: Um sich 21st Century Fox nicht vor der Nase wegschnappen zu lassen, legte Disney vorgestern noch einmal nach und hob das Gebot für Teile von Rupert Murdochs Film- und Fernsehkonglomerat auf 38 Dollar je Aktie an, was einem Firmenwert von nunmehr 71,3 Milliarden Dollar entspricht. 

In anderen Worten: Disney muss fast 20 Milliarden Dollar mehr als ursprünglich geplant bezahlen, um sich das Filetstück des Murdoch-Imperiums einzuverleiben. Der 87-jährige Medientycoon Rupert Murdoch segnete den Deal gestern schließlich ab und kann sein Lebenswerk damit zu Höchstkursen veredeln – höher als heute notierte die Aktie von 21st Century Fox nämlich nie.

„Wir sind extrem stolz auf das Geschäft, das wir mit 21st Century Fox aufgebaut haben und glauben, dass die Kombination mit Disney noch mehr Wert für Aktionäre freisetzen wird“, kommentierte Murdoch die Akquisition spürbar zufrieden. Das Wall Street Journal berichtet unterdessen, dass Comcast nicht zum Zuge gekommen sei, weil Murdoch ein angespanntes Verhältnis zu CEO Brian Roberts pflege.

Wer ist der Nächste?

Es dürfte unterdessen nicht die letzte Übernahme im brodelnden Mediensektor sein.  “Die Türen für Mega-Merger sind weit offen”, glaubt etwa James Dinan vom Vermögensverwalter York Capital Management im Gespräch mit CNBC. Tech-Kolumnist Peter Kafka berichtet unterdessen bei re/code, dass das Time Warner-Urteil die Medienwelt nun kräftig aufmischen dürfte.

Entsprechend mutmaßt die Wall Street, welche Medienunternehmen als nächste ins Fadenkreuz von Übernahmen rücken könnten. CBS, Viacom und Discovery Communication sind weitere große US-Fernsehgesellschaften, die als Filetstücke von Telekom- oder Internet-Giganten geschluckt werden könnten. Kleinere Spartenkanäle wie AMC („Breaking Bad“) oder Film- und Serienproduzenten wie Lionsgate („Mad Men“) und A24 (“Moonlight”) wurden von Branchenmedien zuletzt ebenfalls genannt. Seit dem Time Warner-Urteil legten die US-Fernsehaktien teilweise zweistellig zu.

Branchenprimus Netflix, seit knapp einem Monat wertvollster Medienkonzern der Welt, befindet sich unterdessen in seiner eigenen Liga: Dank 125 Millionen zahlenden Abonnenten gilt der Streaming-Pionier in der Zuschauergunst als fast uneinholbar. Anleger wetten daher immer exzessiver auf den 20 Jahre alten Internetkonzern von Reed Hastings: Die Netflix-Aktie liegt seit Jahresbeginn um enorme 116 Prozent vorne.