Deutsche Märkte öffnen in 5 Stunden 38 Minuten

Was kommt nach dem Liberalismus?

Der Soziologe Philipp Staab stellt uns Google und Apple in einer Studie als Merkantilisten vor, die keine Werte schaffen, sondern leistungslose Renten erwirtschaften. Damit kommt er der Wahrheit erschreckend nah.

Jeremy Rifkin ist bekanntlich immer auf der Halbhöhe der Zeit. Sein Geschäftsmodell besteht in der vortragsweisen Distribution angstbesetzter Gegenwartsdiskurse, in der leitartikelnden Reformulierung sich augenblicklich vollziehender Gesellschaftstrends – und in der seriellen Produktion von Büchern, in denen er ein brandaktuelles Megasorgenthema zwangsoptimistisch bearbeitet, um aus ihm eine sonnenhelle Utopie zu extrahieren. Vor ein paar Wochen rief der amerikanische Ökonom den „globalen Green New Deal“ aus, logisch, das Thema hat in den vergangenen Monaten die ganze Welt erobert, weshalb man schon befürchten musste, dass auch Rifkin von ihm Notiz genommen hat. Und natürlich, auch diesmal weist uns der Wachtturm-Ökonom bereits im Untertitel den Weg aus dem Fegefeuer zum Heil: „Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann.“

Rifkin rettet die Welt? Das kann nur anmaßend finden, wer nicht weiß, dass der Hochgeschwindigkeitshändler steiler Thesen die Welt vor zweieinhalb Jahren schon einmal gerettet hat – damals vor dem Kapitalismus. Rifkin prophezeite: Die Wirtschaft der Zukunft wird nicht mehr von unternehmerischen Einzelhelden oder vom Finanzkapital der Geldeliten an den Börsen angetrieben, sondern vom global zirkulierenden Sozialkapital einer vernetzten Weltgemeinde, die sich dezentral, zirkulär und nachhaltig selbst organisiere. Rifkin schwebt eine Welt der schlanken Technologien und sauberen Energien vor, in der Produktivitätsfortschritte ohne ökologische Schäden erzielt werden und intelligente Roboter in miteinander kommunizierenden Vor-Ort-Fabriken just in time alle Güter des täglichen Bedarfs herstellen – eine Welt, in der grünsolidarische Genossenschaftsunternehmer ihre Wohnungen tauschen und Stromfarmen auf ihren Hausdächern betreiben, um sich in selbst ausgedruckten Elektroautos ins Fünf-Tage-Wochenende fahren zu lassen – kurz: eine Welt, „in der fast alle Güter und Dienstleistungen nahezu kostenlos sind, in der es keinen Profit mehr gibt, in der Eigentum bedeutungslos und der Markt überflüssig geworden ist“.

Der Soziologe Harald Welzer spottet zu Recht, dass in „Rifkins Welt“ wohl auch Bier und Kartoffeln, Ölbohrinseln und Seltene Erden aus dem 3-D-Drucker entspringen. Das Internet ist nun mal kein digitaler Kirchentag, auf dem sich lauter Wohlgesinnte ihrer Wohlgesinntheit versichern, sondern ein wirtschaftspolitischer Machtbezirk, in dem es um die Aneignung, Nutzung und algorithmische Ausbeutung von Kundendaten geht.

Für den Berliner Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han sind Rifkins Projektionen daher nichts als rosarote Hirngespinste. Er sieht nicht nur die „Totalkommerzialisierung des Lebens“ weiter auf dem Vormarsch, sondern durch die „Sharing Economy“ auch förmlich auf die Spitze getrieben. Der Community-Gedanke sei für die Agenten des Techno-Kapitalismus nur das verführerisch funkelnde Vehikel, um kontaktsensible, stets auf positive Rückkopplung bedachte Facebook-Ichlinge für ihre Geschäftszwecke ein- (und aus-)zunehmen. Mit einer solidarischen Gesellschaft habe das rein gar nichts zu tun, so Han, im Gegenteil: Der Kapitalismus vollende sich in dem Moment, in dem er als Spiegelbild des Altruismus bewundert wird – und den Kommunismus als Ware verkauft.

Das ist hübsch gesagt. Und seine Kapitalismuskritik kommt der Wirklichkeit gewiss näher als Rifkins naiver Solidar-Positivismus. Unternehmen wie Alphabet, Amazon und Apple belegen, dass die Produktion „nichtrivalisierender“ Güter, für deren Bereitstellung an jeden weiteren Konsumenten die Grenzkosten gen Null tendieren (digitalisierte Musik, Filme und Informationen) die Konzentration von Kapital und Macht, mithin die Entstehung von Monopolen begünstigt. Das Phänomen ist seit Jahren als Doppeleffekt, als Mischung von Skalen- und Netzwerkeffekten auf der Angebots- und Nachfrageseite theoretisch markiert. Auf der Angebotsseite wirken Skaleneffekte auf der Basis niedriger Grenzkosten, das heißt: (Nur) weil die Distributon einer einmal entwickelten Software beinahe kostenlos und unbegrenzt verfügbar ist, kann eine Plattform wie Airbnb mit einer guten Idee und zwei Dutzend Mitarbeitern im Handumdrehen die Welt erobern. Der Erfolg einer Plattform wiederum hängt vor allem von ihrem Wachstum ab – auf Kosten der Konkurrenz, denn (nur) mit der Zahl der Nutzer steigt auch der Wert der Plattform für die Nutzer: ein sich selbst verstärkender Prozess („Netzwerkeffekt“), der die Starken stärkt und die Schwachen schwächt – so lange, bis der Stärkste überlebt: The Winner takes it all.

So weit, so bekannt. Doch was ist der analytische Kern dieser Beobachtungen? Worin liegt die kategoriale Differenz zwischen dem Industrie- und Digitalkapitalismus? Was unterscheidet Monopolbildungen im frühen 20. Jahrhundert von denen im frühen 21. Jahrhundert? Die meisten Bücher zum Thema versuchen erst gar nicht, diesen Fragen auf die Spur zu kommen. Kulturwissenschaftler stellen routiniert den lächerlichen (Er-)Lösungsfanatismus der Silicon-Valley-Visionäre bloß, sorgen sich um die Echokammern der Sozialen Medien, die algorithmische Auto-Quantifizierung und Selbst-Zurichtung ehemals zur Freiheit bestimmter Menschen („Data Love“); besorgte Ökonominnen warnen vor politischen Folgephänomenen („Überwachungskapitalismus“); Philosophen suchen die Möglichkeiten und Risiken von Künstlicher Intelligenz auszuloten („Maschinenethik“). Das alles ist wichtig. Doch die meisten dieser Bücher sättigen nicht, weil sie summarisch erfassen, empirisch belegen und phänomenologisch beschreiben, was zunächst einmal seinem Wesen nach erfasst werden müsste.


„Digitaler Kapitalismus“

Der Berliner Soziologe Philipp Staab hat diesen Versuch nun unternommen – mit großem Erfolg. Seine Studie dürfte die Diskussion hierzulande prägen, weil er die Tiefenstruktur des „Digitalen Kapitalismus“ herauspräpariert, seine Matrix analytisch durchdringt und historisch korreliert, weil er seine Thesen beispielhaft belegt, auf Fakten stützt – und auf knappe, einleuchtende Begriffe bringt. Mehr noch: Mit Staabs Buch liegt der Ansatz zu einer kritischen Theorie des Digitalkapitalismus vor, eine erste Röntgenaufnahme, ein kleines Grundlagenwerk, auf das sich Anhänger wie Kritiker produktiv beziehen werden – denn hinter dieses Buch führt kein Weg zurück.

Worum geht es Staab? Nun, die zentrale These seines Buches lautet: „Die Leitunternehmen des kommerziellen Internets sind weniger Produzenten, die auf Märkten agieren, als Märkte, auf denen Produzenten agieren.“ Das klingt sehr griffig, aber zunächst einmal nicht umwerfend. Hat man jedoch erst einmal verstanden, dass es sich bei den Gafa-Unternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon) und ihren chinesischen Pendants (Staab zählt Alibaba und Tencent dazu) nicht um Plattformbetreiber, also neutrale Intermediäre zwischen Produzenten und Konsumenten, sondern um „Marktbesitzer“ handelt, deren Profitmodell auf Macht und Kontrolle basiert, auf der Beherrschung eines Marktes und der Kapitalisierung unknapper Güter, auf der Rationalisierung des Konsums und der Erwirtschaftung ökonomischer Renten, die mit dem Marktprivileg verbunden sind (Provisionen) – dann sind die Konturen dessen, was den Digital- vom Industriekapitalismus unterscheidet, gleich viel schärfer sichtbar. Dann gerät in den Blick, worum es hier eigentlich geht: um das Ende des (neo-)liberalen Kapitalismus der Neuzeit, in dem der Staat bloß einen Ordnungsrahmen setzte und als Garant eines Wettbewerbs zwischen freien Unternehmern auf neutralen Märkten möglichst wenig in Erscheinung trat. Und um das Heraufziehen einer neuen Zeit, um ein „Akkumulationsregime in the making“, so Staab, – um das Entstehen „proprietärer Märkte“, auf denen „Metaplattformen“ die „Regeln des Wettbewerbs, dessen Forum sie bilden, selbst bestimmen“.

Um zu veranschaulichen, was Staab damit meint, bezieht er sich zunächst auf fünf Typen digitaler Plattformen: Werbeplattformen (Google, Facebook), Cloud-Plattformen (Amazon Web Services), industrielle Plattformen (Siemens“ Mindsphere), Produktplattformen (Spotify, Netflix) und leane Plattformen (Uber, Airbnb) – nur um die Sortierung nach Geschäftsmodellen und Produktfeldern sogleich wieder aufzugeben, weil sie „die Vermachtung des kommerziellen Internets durch seine Leitunternehmen“ ignoriere. Diese agierten als Meta-Plattformen und technische Ökosysteme – als Märkte, in die hinein sie andere Anbieter ihren Regeln und Rahmensetzungen gemäß integrierten (oder auch nicht): „kein Uber, kein Spotify, kein Instagram, kein Zalando ohne Android oder IOS“. Staab zufolge sind die Betriebssysteme und App-Stores von Google und Apple Paradebeispiele für „proprietäre Märkte“, weil sie das kommerzielle Internet zugunsten der Leitunternehmen hierarchisch strukturieren und andere Plattformen als Produzenten in vierfacher Hinsicht beherrschen: mit der Kontrolle von Information (exklusive Aneignung von Marktdaten), mit der Kontrolle des Marktzugangs (Ausschluss von Konkurrenz), mit der Kontrolle der Preise (etwa durch das Lancieren eigener Angebote) und mit der Kontrolle des Leistungsangebots (Diktat der Marktbedingungen, Kriterien der Kundenbewertung etc.).

Auch führt Staab uns eindrucksvoll vor Augen, dass die Gafa-Unternehmen dabei eine Strategie der „Expansion und Schließung“ verfolgen, dass sie sich durch Akquisitionen „über die Zeit immer ähnlicher geworden sind“ (smarte Lautsprecher, Browser, Betriebssysteme) – und dass es sich heute, bei den milliardenschweren Investitionen in „Cloud, KI, Fintech“ nicht einfach um den Erwerb neuer Güter und Dienstleistungen handelt, die an das jeweilige Ökosystem angeschlossen würden, „sondern um entscheidende Infrastrukturelemente“, die die „sukzessive Schließung der proprietären Märkte“ zum Ziel haben. Jack Ma, der Chef von Alibaba, habe den Anspruch der Metaplattformen auf das Eigentum am Markt“ bereits 2016 auf den Punkt gebracht: „Wir sind heute schon die größte virtuelle Ökonomie der Welt“, wird Ma zitiert: „Wie können wir die virtuelle Ökonomie groß genug machen für alle junge Menschen mit einem Mobiltelefon, einem PC?“

Ein besonders beeindruckendes Kapitel hat Staab der Entstehung dieser „proprietären Märkte“ entwickelt. Er unterscheidet dabei idealtypisch zwischen dem „digitalisierten Kapitalismus“ der Achtzigerjahre (Anreicherung des analogen Kapitalismus mit Informations- und Kommunikationstechnologie; Steigerung der Prozesseffizienz) und dem „digitalen Kapitalismus“ der Gafa-Konzerne – und schildert den Übergang als Prozess von „Filiationen zwischen Finanz- und Internetökonomie“, zu Deutsch: als historischen Parallelaufschwung zweier Branchen, die seit der säkularen Wachstumskrise in den Siebzigerjahren nicht nur wechselseitig voneinander profitierten und koevolutionär wuchsen, sondern die sich auch strukturell ähneln: Beide Sphären handeln mit unknappen Gütern, sind systemisch relevant, hochgradig vermachtet – und profitieren von der Kommodifizierung minimaler Zeit- und Informationsvorsprünge (etwa Hochfrequenzhandel und die algorithmische Berechnung von Kundenpräferenzen). Am Beispiel der japanischen Softbank, des Gigafonds Vision und seiner Investitionen führt er uns plastisch das Ergebnis, eine „systematische Geopolitik des Kapitals“ vor Augen, die im postliberalen Kapitalismus des vermachteten Geldes und der Gafa-Konzerne globale Wachstumsmärkte sortiert – „nicht mehr durch konkurrierende Konzerne, sondern durch gebündelte Strategien solventer Investoren“.

Am Ende diagnostiziert Staab einen Purzelbaum zurück in den Merkantilismus. Doch während im klassischen Merkantilismus die Kontrolle des Außenhandels (die Ausbeutung der Peripherie) dem Aufbau einer kompetitiven Marktökonomie im Innern diente, über der der Staat wachte, müsse der Staat heute „als der große Verlierer“ betrachtet werden. Staab diagnostiziert statt dessen die Entstehung eines „privatisierten Merkantilismus“, der proprietäre Märkte mit den Konturen einer Rentiersgesellschaft kombiniert“ und „Wertschöpfungsdividenden von Einkommen zu Vermögen, von Produzenten und ihren Beschäftigten zu Marktbesitzern und ihren Eignern“ verschiebt. Dass Staab die Implikationen dieser Entwicklung auf Arbeitsmärkte und mit Blick auf die „Radikalisierung sozialer Ungleichheit“ am Rande mitbehandelt und dabei mehr behauptet als begründet, ist ein bisschen schade – schmälert den Ertrag seiner delikaten Analyse des „Digitalen Kapitalismus“ aber keinen Deut.