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Kommentar: Wo blieb mein Film zum Vatertag?

Wo geht es denn hier zum Vatertag? Eine Feiergesellschaft in Sachsen-Anhalt (Bild: REUTERS)

Das Bundesgesundheitsministerium beglückte Frauen zum Muttertag mit einem Dankesfilm. Oder was man dafür hielt. Zum Vatertag aber gab es nichts. Das sagt einiges.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich war enttäuscht. Da reden alle von Emanzipation und wie Männer Pflichten und Rechte mit Frauen teilen, oder teilen sollen – und dann gibt es diese Ungleichbehandlung. Sie kommt von ganz oben.

Maske, Abstand, Bollerwagen: So wurde der Vatertag in Corona-Zeiten begangen

Zum Muttertag gab’s statt Blumen einen Film, von den Mitarbeitern des Bundesgesundheitsministeriums. Eine Kinderstimme erzählt darin, dass Mamas Arbeit sei, mit dem Computer zu reden. Und: “Hier kocht Mama mein Lieblingsessen – Spaghetti. Das essen wir fast jeden Tag.”  Außerdem: “Sie macht so viel für uns, sie schneidet sogar die Haare.” Schließlich taucht dann noch eine Oma auf, die liest übers Tablet Gutenachtgeschichten vor. Gute Nacht, sagte ich auch zu mir.

Wo war eigentlich der Opa in diesem Film, fragte ich mich. Mit den Nachbarn Skat in der Kneipe kloppen ging ja noch nicht. Und was macht der Vater? Redet der auch mit dem Computer, kocht er womöglich mal Kartoffeln oder Reis? Schiebt wenigstens eine Familientiefkühlpizza in den Ofen? Und wenn der sich nur für Mamas Pasta an den Tisch setzt, warum kriegt er dann vom Bundesgesundheitsministerium nicht eine Verbalwatschn? Es ist doch ungerecht, dass an der zum Homeoffice verurteilten Mutter eine Menge Familienarbeit hängenbleibt – es sei denn, sie ist alleinerziehend; aber was macht dann der Erzeuger?

Neues aus der Westentasche

Ein wenig die traditionellen Rollenklischees unhinterfragt wiedergebend fand ich den Clip schon. Aber es gab ja auch noch den Vatertag. Vielleicht werden die Männer dann auch vom Ministerium amtlich beglückt, hoffte ich.

Doch ich lag falsch. Außer Spesen nichts gewesen. Es deprimiert.

Schon in den Zeiten vor Corona ist es mit den gleichen Rechten für die Geschlechter in Deutschland eher mau bestellt gewesen. Wir geben uns emanzipiert, und auch in meinem Bekanntenkreis gibt es echte Westentaschenfeministen, die sich unheimlich empört geben können – über Gehaltsunterschiede, miese Witze und Weinstein sowieso; wenn es aber darum geht, den eigenen Familienalltag etwas detaillierter zu beschreiben, wer was übernimmt, werden sie kleinlaut.

Rollenklischees: Die Ausreden machen es nur schlimmer

Schon interessant, wie festgefahren die Rollenmuster überall noch sind. Da mag man sich noch so linksliberal geben, aber Kochen, Abwaschen und Putzen, Hausaufgabenhilfe und Haushaltsregeln durchsetzen kann die Frau schließlich doch am besten, also wegen der Ökonomie, du verstehst, heißt es dann.

Es wäre also an der Zeit gewesen, solche Ungerechtigkeiten nicht auch noch in einem Ministeriumsfilmchen zu verherrlichen. Ein einziges kritisches Wort, lieber Herr Spahn, wäre doch noch in der Portokasse bestimmt drin gewesen.

So isset

So gesehen ist der Film sehr realistisch gehalten. Er spiegelt unsere Verhältnisse wider. Auch zeigt er unbewusst das Phänomen auf, dass gerade sich aufgeklärt gebende Kreise ungern die eigenen Rollen im persönlichen Alltag thematisieren.

Dies ist wiederum sträflich nachlässig. Denn alles, was wir tun, ist politisch. Ich denke nicht daran, meine eigene berufliche Karriere zugunsten der meiner Frau ein wenig zu riskieren, zu reduzieren? Für mich ist klar, dass bei mir zuerst der Job kommt und dann, bei einem bequemen Zeitfenster, die Family?

Care-Arbeit: Gleichberechtigung muss wehtun

Dies ist Politik. Es hat Auswirkungen auf die Strukturen unseres Landes. Gleiche Rechte für die Geschlechter sich zum Ziel machen, das schmerzt. Ohne Mühen und Abstriche funktioniert es nicht. Und in eine Westentasche passt nur wenig. Hoffen wir also auf den nächsten Film.

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