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Kommentar: Ganz normaler Wahnsinn bei der AfD

Der neue Co-Parteichef der AfD, Tino Chrupalla, beim Parteitag am vergangenen Wochenende in Braunschweig (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)

Der Parteitag verlief wie am Schnürchen, die Spitze zeigt sich vereint: Die AfD festigt ihren Kurs. Nur normal ist das nicht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Neu an der AfD ist, dass sie geordnet und diszipliniert Parteitage abhält. Doch auch an Gewohntem halten die Rechtspopulisten fest: Dass bei ihnen manche Größenverhältnisse ins Rutschen gekommen sind, ist für sie kein Anlass zur Sorge, sondern Programm.

Der frische Ehrenvorsitzende Alexander Gauland beschreibt die CDU als „verrottet“. Dieser Begriff aus der Biologie schildert einen Zustand jenseits des Lebendigen, was etwas übertrieben bei einer Partei ist, die nicht wenige Wähler bindet und äußerst vital über den künftigen Kurs streitet wie die CDU. Dass die AfD, bei einem Stimmenstand irgendwo zwischen zehn und 20 Prozent, also stark, aber eben Mittelfeld, dann aber mit jener „verrotteten“ CDU Regierungen bilden will, leuchtet nicht gerade ein – wenn man Gauland beim Wort nimmt. Vielleicht sollte man das nicht.

Also, was denn nun?

Es ist die gleiche Partei, die einen Andreas Kalbitz in den Vorstand wählt, der alle Tage wieder mit Geschehen aus seinem Leben konfrontiert wird, die er uns lieber nicht erzählt: seine Nazi-Vergangenheit zum Beispiel, vielfach belegt durch sein buntes Treiben. Nur steht er nicht dazu, findet keinen Mut Haltung zu zeigen. Sondern er druckst herum wie ein beim Rauchen ertappter Schuljunge. Sieht so Würde aus? Wenn Kalbitz derart mit öffentlich bekannten Episoden aus seinem Leben umgeht, also sie abtut, als könnte er sie wegmeditieren, dann liegt es mehr als nahe anzunehmen, dass er heute genauso tickt wie früher, nur dass es sich heute besser lohnt: anders verpackt, in der sich bürgerlich gebenden AfD; das Abhängen mit der NPD erschien Kalbitz womöglich nicht opportun genug.

Und der neue Vorsitzende Tino Chrupalla machte in einem seiner ersten Fernsehinterviews nach seiner Wahl deutlich, wie sehr auch er nach dem Mund redet: der Basis, die in ihrer gezimmerten Größenordnung zu reichlich Angst kommt – und den Journalisten, wenn sie versuchen ihn beim Wort zu nehmen. Von „drastischen Worten“ hatte er sich noch beim Parteitag distanziert, nur um ZDF-Reporter Theo Koll im Interview zu erklären, warum er mal das Wort „Umvolkung“ benutzt habe. Die Masche: Zuerst leugnete er dies. Dann meinte er, sowas in Bürgersprechstunden mal gehört zu haben. Und schließlich, weil er aus dieser Ecke nicht herauskam, erklärte er, den Begriff nicht für rechtsextrem zu halten. Seine Straßen baut er nicht geradeaus.

Wie? Ähm. Tja.

Mit dem Hören scheint der neue AfD-Chef es eh nicht so doll zu haben. Beim Interview wurde ihm ein Gespräch eingeblendet, das er einem Mann im Jahr 2018 führte, womöglich bei einer seiner Bürgersprechstunden. Da hörte er hin, wie der Herr von Völkermord sprach, aber nicht jenen an Juden im Zweiten Weltkrieg meinte, zum Beispiel. Der Herr erzählte von Deutschland als drohendem „Mischvolk“, und „dann sind wir Deutschen weg. Das letzte Mal gab es sowas 45. Die Jungs sind am Galgen geendet in Nürnberg. Das müsste man doch mal ansprechen.“

Daraufhin sprach im Filmausschnitt Chrupalla. Er sagte nicht: dass die „Jungs“ die Nazielite bildeten, Kriegsverbrecher waren und 1945 in Nürnberg zum Tode verurteilt worden waren. Er sagte nicht, dass die angebliche Abwehr eines angeblichen Mischvolks von diesen Schweinehunden den Völkermord an Juden bedeutete. Er zeigte keinen Ekel vor diesem Typen. Es sagte: „Das ist ja genau der Punkt.“ Und schwafelte von Pegida, wie man da schon vor der Islamisierung des Abendlandes gewarnt habe und so weiter. Alles klar, Herr Chrupalla. Welche Wortherkunft hat eigentlich der Name, den Sie tragen? Ist der etwa auch Ergebnis dessen, was Sie in der plumpen Gärtnersprache „Umvolkung“ nennen? Soll ja öfters vorgekommen sein, in der deutschen Geschichte.

Darauf im Fernsehen angesprochen, sagte er: „Ich habe dem sehr wohl widersprochen. Wie Sie das jetzt interpretieren, für Ihre Auslegung, ist natürlich Ihre eigene Sache.“

Nun. Im Filmausschnitt hörte man dazu NICHTS. Es kann natürlich sein, dass dies nur nicht gezeigt wurde. Aber dann möchte man hiervon mehr erfahren.

Der interviewende Journalist insistierte: „Aber das war doch ganz klar.“

Und Chrupalla: „Was war das klar?“

„Dass er die Nationalsozialisten, die Kriegsverbrecher als ‚Jungs‘ bezeichnet. Und Sie haben gesagt: ‚Ich gebe Ihnen zum Teil Recht.“

Chrupalla: „Das habe ich nicht getan, dass ich ihm eben auf diesem Punkt Recht gegeben habe. Das interpretieren Sie völlig falsch, das habe ich Ihnen doch gerade gesagt.“

Nun, wie sich die Lage darstellt, gab es da nichts zu interpretieren. Wollen Politiker wie Chrupalla wirklich einem ein X für ein U machen? Meinen sie Hü sagen zu können und dann wenig später zu behaupten, man habe doch Hott gerufen? Sieht so eine Partei aus, die sich anschickt Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen?

Der Parteitag mag normal gewirkt haben, weil er nicht wie gewohnt chaotisch verlief. Normal war auch die schrille Rhetorik, die zumindest überzogene Wortwahl und die verzweifelte Suche nach einer Gegnerschaft – normal im Sinne von nicht neu. Normal ist aber solch ein Verhalten nicht. Das müsste man doch mal ansprechen.

Es ist ganz normaler Wahnsinn, den die AfD präsentiert. Und dieses unfeine Gerede durchzieht die gesamte Partei, nicht nur den rechten Partei-„Flügel“. Bei der AfD weiß man, was man hat. Man muss nur zweimal hinhören.