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Kommentar: Ein elfjähriges Kind in Handschellen – mitten in Deutschland

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Kinder in Handschellen: Das kommt nicht nur in den USA vor (Symbolbild: Getty Images)
Kinder in Handschellen: Das kommt nicht nur in den USA vor (Symbolbild: Getty Images)

Ein Vorfall aus Baden-Württemberg wirft viele Fragen auf: Polizisten legten einen Jungen in Handschellen – weil er ein Sinto ist? Dieses würdelose Verhalten steht in einem langen Schatten.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Als vor ein paar Tagen Polizisten in den USA einem neunjährigen Mädchen Handschellen anlegten, war das Entsetzen groß. Völlig unangemessen, fanden man das hierzulande. Stellen wir uns vor, sitzen im Kino, was ja in diesen Tagen ein schöner Traum ist: Wir schauen einen Film, wo die Polizei ein Kind abführt, gewaltvoll, ohne Notwendigkeit – unsere Fassungslosigkeit und unser Mitgefühl wären groß, und zwar egal, was das Kind verbrochen haben mag.

Wir müssen indes nicht über den Atlantik zu schauen, um sowas zu sehen. Ein Blick nach Singen in Baden-Württemberg reicht. Dort haben Polizisten für solch eine ungläubig staunend machende Einlage gesorgt. Sie nahmen einen elfjährigen Jungen, der mit anderen Kindern auf der Straße spielte, in Handschellen mit ins Auto und aufs Revier. Die alarmierte Mutter rief achtmal dort an, wurde abgewimmelt. Der Junge berichtete später, man habe ihm verboten, die Eltern anzurufen. Stunden später ließ man den Jungen dann frei. Ein ganz normaler Vorgang? Wie würde man als Vater oder Mutter reagieren, wenn dies mit dem eigenen Kind passierte?

Der Junge kommt aus einer Familie von Sinti. Das sind Leute aus einer Roma-Gruppe, die seit 600 Jahren in Deutschland lebt. Für sie gibt es auch den bös gemeinten Begriff „Zigeuner“.

Wo ist die Angemessenheit?

Bisher ist nicht bekannt, warum die Polizeibeamten überhaupt auf das Kind zukamen. Dafür mag es Gründe geben oder auch nicht. Jedenfalls verlangt das Anlegen von Handschellen eine Gefahrenabwehr, was nach allen vorliegenden Berichten NICHT gegeben war. Der Junge soll für sein Alter angemessen klein sein. Ein klarer Fall von nicht erlaubter Polizeigewalt ist hier leider zu vermuten.

Interessant auch, dass sich das Landesinnenministerium bisher in dieser Angelegenheit windet wie ein Wattwurm im Schlick: „Bestätigt werden kann, dass es am 6. Februar 2021 in Singen zu einem Vorfall kam, bei dem ein Junge mit angelegten Handschließen zur Polizeidienststelle verbracht werden musste", teilte es auf Anfrage der „Deutschen Welle“ mit. Die Polizei selbst hatte nach Angaben des Anwalts Mehmet Daimagüler am Mittwoch erklärt, von dem Vorfall nichts zu wissen. Dann erklärte das Ministerium, nach aktuellem Kenntnisstand sei keine "Mitnahme des Kindes durch die Polizei" erfolgt, deshalb auch "keine Fesselung". Am Donnerstagnachmittag, Überraschung Überraschung, räumte die Polizei die Mitnahme des Kindes ein. Und am Abend dann kann die Bescherung, und das Ministerium räumte die eigenen früheren Aussagen vom Tisch und bestätigte die Handschellenaktion.

Ein Blick zurück

Was kommt noch? Wird bald auch die Aussage des Jungen bestätigt, man habe ihm auf dem Revier mit „Polizeibunker“ gedroht, und dass ihn dort der Tod holen werde? Dass ein Beamter gesagt haben solle, er gehöre zu den „Zigeunern“, die „kennt man“?

Klar kennt die Polizei Sinti und Roma. Vor hundert Jahren schon gab es eine polizeiliche Nachrichtenstelle, die wegen einer imaginierten „Zigeunerplage“ Sinti und Roma in Deutschland nachstellte und sie diskriminierte. Während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wanderte diese „Zigeunerzentrale“ in das Berliner Reichssicherheitshauptamt, die Polizisten waren mitunter dafür zuständig, sie zu verhaften, damit sie nach Auschwitz deportiert werden konnten; mindestens 17.000 von ihnen, die meisten aus Deutschland und Österreich, wurden dort getötet.

Übrigens wurde dieses alte Register nach dem Zweiten Weltkrieg von den gleichen Tätern in aktenmäßiger Kontinuität weitergeführt, diesmal als Teil des bayerischen Landeskriminalamts. Erst in den Siebzigern wurde es aufgelöst.

Um all dies zusammenzufassen: Polizisten in Deutschland hatten über Jahrzehnte hinweg die Aufgabe, schuldlose Sinti und Roma zu verfolgen. Das Vertrauen, so stelle ich es mir vor, welches heute Sinti zu Polizisten haben, könnte eventuell nicht das größte sein. Und dann treten diese Beamte in Singen auf den Plan. Wie soll das eingeordnet werden?

Auf die Begründung für die Handschellen, die Behandlung auf dem Revier, bin ich gespannt.

Video: US-Polizisten setzten Handschellen und Pfefferspray gegen Neunjährige ein