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Kommentar: Die gespaltenen Staaten von Amerika

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Wird er diesen Schreibtisch verteidigen? Präsident Donald Trump im Weißen Haus. (Bild: REUTERS/Carlos Barria)
Wird er diesen Schreibtisch verteidigen? Präsident Donald Trump im Weißen Haus. (Bild: REUTERS/Carlos Barria)

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Donald Trump und Herausforderer Joe Biden nimmt den USA den Atem – der enge Wahlausgang zeigt, wie uneins sich die Amerikaner über eine Frage sind: In welchem Land wollen sie leben?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Von wegen blauer Erdrutschsieg. Noch ist unentschieden, wer ins Weiße Haus einziehen wird. Aber weder wird Amtsinhaber Donald Trump vom Wähler geteert und gefedert davongejagt noch kann er sich als glänzender Wahlsieger fühlen. Die USA dokumentieren mit diesem auf jeden Fall knappen Ausgang der Wahlen zur Präsidentschaft, zum Repräsentantenhaus und zu Teilen des Senats, dass dieser so alten Demokratie nicht wirklich klar ist, in welche Richtung das Land künftig steuern soll.

Es sind auch nicht nur zwei Lager, die sich scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen. Nicht nur „Demokraten“ und „Republikaner“ als die beiden einzigen nennenswerten Parteien prägen die USA: Wer tiefer gräbt, legt viele Lebensadern des politischen Amerikas offen.

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Vergessen wir also für einen Moment die Trumpschen Eskapaden der vergangenen vier Jahre, die er täglich einer staunenden Weltgesellschaft präsentierte. In den USA haben eine große Menge an Bürgern einem Mann ihre Stimme gegeben, den man unabhängig von der politischen Meinung als hoch unanständig bezeichnen muss. Trump ist ein böser Mann. Dennoch wollen ihn viele weiterhin im Weißen Haus sehen. Warum?

Eine politische Karte wie ein Irrgarten

Weil Amerika am Scheideweg steht. Das Land verändert sich rasant. Überall. Da sind die Küstenregionen, welche im Osten die Bildungshochburgen und im Westen die Hightechfestungen beherbergen. Vom Süden kommend legt sich ein demografischer Wandel auf die USA, welcher das Land noch viel diverser machen wird, als es ohnehin schon ist. Amerikaner mit Latinobiographie und Afroamerikaner sind zunehmend weniger marginalisiert – um es treffend kompliziert auszudrücken. Im Klartext: Die Herrschaft des alten weißen Mannes, welche die USA von Beginn an dominierte, neigt sich ihrem Ende zu.

Doch neben dem oben skizzierten Westen, Osten und Süden gibt es noch das Zentrum: nicht gerade bevölkerungsreich, aber ländlich geprägt und sehr bedacht, die Tradition der weißen Männer aufrechtzuerhalten.

All diese Strömungen prallen an diesem Morgen aufeinander. Nur eine Demokratie kann sie miteinander vereinen. Wären die USA eine Diktatur, gäbe es in Amerika permanenten Bürgerkrieg.

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Doch nichts ist vitaler, transparenter und biegsamer im positiven Sinne als eine Demokratie. Daher ist dies, trotz aller für viele von außen auf die USA schauende Beobachter ernüchternden Ergebnisse, auch ein Festtag. Noch ist die Demokratie das stärkste Band, das die Amerikaner haben.

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Unter ihr versammeln sich Traditionalisten und Liberale. Und auch die bisher immer unterschätzte religiöse Strömung findet ihren Platz: Seit Gründung der USA gibt es dort einen Streit, der nicht allzu sichtbar ausgetragen wird und der uns Europäer verstört: Die Frage, inwiefern Amerika ein „Gottesstaat“ sein soll. Das klingt erstmal lächerlich. Aber dennoch waren jene Amerikaner sehr viele und politisch wirkmächtig, die sich für die USA eine Theokratie ersehnten. Die Demokratie in ihrer säkularen Form obsiegte. Aber der religiöse Narrativ der amerikanischen Geschichte überlebte bis heute und bildet übrigens das Rückgrat für die Unterstützung Trumps – obwohl der auf Glauben und Religion persönlich keinen Pfifferling gibt.

Eine Tradition bleibt eine Tradition

Diese Gespaltenheit Amerikas steht da wie ein Fels. Selbst ein moralischer Widerling wie Trump konnte ihn nicht derart bewegen, dass sich die grundsätzlich republikanisch gesonnenen Wähler von ihm abwenden. Daher gibt es mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen von 2016 recht wenige Veränderungen.

Sollte Trump gewinnen, wird er weiterhin versuchen, die bestehenden Spaltungen zu vertiefen. Er lebt davon. Aber letztlich verlaufen die elementaren Spaltadern viel tiefer, auch für Trump nicht unmittelbar erreichbar.

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Sollte Joe Biden gewinnen, muss er versuchen sein Versprechen umzusetzen: zu versöhnen und ein Präsident zu sein, der Trump nie war – nämlich ein Präsident für all diese Strömungen. Er wäre ein Mann des Übergangs wie Trump auch. Denn die Zukunft der USA ist bunt.

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