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Kommentar: Das gekränkte Ego des Friedrich Merz

Yasmine M'Barek
·Freie Autorin
·Lesedauer: 5 Min.
Friedrich Merz sieht sich als Opfer einer Intrige zugunsten seines Rivalen Armin Laschet (Bild: Michael Kappeler/Pool via Reuters)
Friedrich Merz sieht sich als Opfer einer Intrige zugunsten seines Rivalen Armin Laschet (Bild: Michael Kappeler/Pool via Reuters)

Nemesis bestrafte Narziss einst mit unstillbarer Selbstliebe - und Friedrich Merz die Union mit seiner unstillbaren Hoffnung, die Rettung der Christdemokraten zu sein. Trotz mehrfacher Abweisung geleitet von der Überzeugung, die wahre Antwort für Deutschland zu sein, kristallisiert sich letztendlich das reine Ego des gekränkten Mannes heraus.

Ein Kommentar von Yasmine M’Barek

Der geplante CDU-Parteitag am 4. Dezember ist ein für alle Mal Geschichte. Aus rationaler Sicht angesichts der Pandemie verständlich, doch für Merz scheint die Verschiebung eine Intrige der ranghöchsten CDUler zu sein, insbesondere Armin Laschets, da dieser in den Umfragen so schlecht dastehe. Merz, der sich selbst gerne aus offensichtlich egoistischen Gründen in den Vordergrund stellt, unterschätzt offenbar die Ironie, seinem Rivalen hier eigenes Interesse zu unterstellen.

In internen Umfragen liegt Merz als kandidierender Parteivorsitzender in der Tat weit vorne, Laschet hinkt hinterher. Merz wittert darum die Intrige: Man wolle verhindern, dass er den Vorsitz übernimmt. Merz ist dabei der einzige Teilnehmer der letzten Vorsitzendenwahl, der erneut kandidiert. Zwei Niederlagen musste er schon hinnehmen, schaut man lange vor der verlorenen Stichwahl gegen Annegret Kramp-Karrenbauer auch auf seinen Rückzug vom Fraktionsvorsitz 2002, nachdem er sich im Tauziehen um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur Angela Merkel geschlagen geben musste. Es wirkt auch heute - wie immer - so, als sei das Ganze etwas Persönliches für Merz.

Besonders entlarvend ist ein alter Tweet von Merz, in dem der der SPD vorwarf, nicht hinter ihren Vorsitzenden zu stehen. Die Sozialdemokraten seien im Gegensatz zur Union “strukturell illoyal”, schrieb er im November 2019. Sein eigenes Gekasper mitten in der Pandemie, in der die Gesundheit der Bürger wichtiger sein sollte als Personaldebatten, scheint ihn heute nicht zu stören. Es wirkt, als glaube Merz, mit dieser Taktik die Basis noch enger an sich binden zu können.

Die Union mag selbstsichere Figuren, nach 16 Jahren Merkel wirkt es wie ein Lechzen nach dem nächsten großen Staatsmann und Merz scheint dem näher als Laschet. Aber mit seinen jüngsten Aussagen könnte er es sich bei einigen Parteifreunden verscherzt haben, manche beschrieben seinen Stil als “trumpesk”. “Es läuft seit Sonntag der letzte Teil der Aktion ‘#Merz verhindern’”, sagt Merz. Damit bedient er antidemokratische Ressentiments, als bewege sich die CDU in dieser besonderen Lage am Rande der Legalität. In Anbetracht der steigenden Zahlen lässt sich eine reine Abneigung gegen seine Person als Argument schnell entkräften. Merz ist in den falschen Momenten emotional und unprofessionell. Sein Ego steuert ihn, da lässt sich durchaus ein Trump-Vergleich ziehen.

“Ich habe klare Hinweise darauf, dass Armin #Laschet die Devise ausgegeben hat: Er brauche mehr Zeit, um seine Performance zu verbessern. Ich führe ja auch deutlich in allen Umfragen. Wenn es anders wäre, hätte es in diesem Jahr sicher noch eine Wahl gegeben” - dieses Statement setzt dem Ganzen die populistische Krone auf. Auch hier lehnt er sich an Vorwürfe intransparenter Machtstrukturen in der deutschen Politik an und spielt so rechter Argumentation in die Hände. Hier spielt die Partei keine Rolle, Merz ist lediglich an der Selbstprofilierung interessiert. Wieso überhaupt, sollte er sich seiner selbst sonst so sicher sein, hat er überhaupt Angst vor einer Verschiebung? Vielleicht, weil auch er gerade von seiner derzeitigen äußeren Sicht auf seine Partei profitiert? Die Antwort darauf wird erst der Parteitag bringen, wenn die Delegierten final das Verhalten ihrer Kandidaten auswerten.

Ob es Merz gravierend schadet, sich einer solchen Haltung zu bedienen? In einem Teil der CDU-Mitgliederschaft zeigt sich eine Polarisierung, andere fürchten genau das. Tobias Bringmann etwa schreibt: “Herr #Merz, bitte hören Sie endlich auf, überall Brände in der @CDU zu legen! Die Partei benötigt an ihrer Spitze Ausgleich und Integration, nicht Egomanie und Spaltung. Bringen Sie sich solidarisch ein, aber die Einheit nicht egoistisch um!” Vielen scheint eine Spaltung die größte Sorge zu sein, und Merz zeigt definitiv das Potenzial, selbige herbeizuführen.

Er würde sicherlich besser damit fahren, auf seine Erzrivalin, die Bundeskanzlerin zu schauen, denn Demut, Rationalität und Kompromiss sind Tugenden, die Staatsmänner und -frauen formen, aber auch die Basis überzeugen. Ruft man nach Fortschritt, klammert sich das von Merz gern zitierte “Establishment” doch gerne an Strukturen des “wie alles schon immer war”. Früher oder später wird auch Merz das merken, denn er selbst steht politisch nicht für Aufbruch, selbst wenn er diesen zumindest wirtschaftlich dauernd ankündigt.

Fans von populistischem Gehabe gibt es immer, ob seine eigene Anhängerschaft nicht bereits aus all jenen in der CDU besteht, ist die große Frage. Fakt ist, dass Merz’ bequeme Außenseiter-Position ihm die Möglichkeit bietet, seine Meinung dauernd anzupassen. Was Merz dabei am wichtigsten ist: die mediale Aufmerksamkeit, die ihm zunächst sicherer ist, als der Parteivorsitz. Denn was ihn immer noch aufrecht erhält - und somit auch die Chance bietet, Vorsitzender zu werden - ist sein unerschütterliches Ego.

Video: CDU-Parteitag wird abermals wegen Corona verschoben