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Kommentar: Corona-Demo in Leipzig – unser Grundrecht auf Polonaise

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Bei der Corona-Demo am Wochenende ist Mindestabstand kein Thema. (Bild: dpa)
Bei der Corona-Demo am Wochenende ist Mindestabstand kein Thema. (Bild: dpa)

Corona-Skeptiker durften in Leipzig auf eine Art demonstrieren, die den Gesundheitsschutz verhöhnte. Jetzt muss der Staat mit seiner Gewalt gegenhalten.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In Leipzig gab es am Wochenende Party. Zuerst mittags daheim Spaghetti Bolognese, dann auf die Straße zur Polonaise – beim Ansehen der Bilder dieser in einer Reihe tänzelnden Demonstranten kam mir der Gedanke: Demokratie ist super, aber manchmal auch im Wortsinn ein wenig toll.

In Leipzig wurde nicht die Karnevalssaison eingeläutet, sondern öffentlich gezweifelt. Nicht die fünfte Jahreszeit wurde begangen, sondern die Ablehnung der behördlichen Maßnahmen in der Corona-Pandemie.

Weit über 20.000 Menschen ließen am Wochenende in Leipzig Druck aus dem Kessel. Den einen gehen die Corona-Regeln zu weit, andere zweifeln an der Gefährlichkeit des Virus an sich, während Manche eine heimliche Aushöhlung unserer Demokratie befürchten und schließlich Wenige sich auf diesen Demozug mit draufsetzen, weil sie endlich mal mit mehreren demonstrieren wollen, die Rechten zum Beispiel.

Ganz ehrlich: Für mich war das Karneval. Auf diese Volksveräpplung kann ich gern verzichten.

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Denn die Organisatoren dieser Demo, die so genannten „Querdenker“, denken tatsächlich quer statt logisch geradeaus. Immer wieder aufs Neue erfinden sie einen Winkelzug, um sich als naseweis zu präsentieren und im Grunde uns allen anderen eine lange Nase zu machen.

Lupenreiner Ausweis für das Funktionieren unserer Demokratie

Wie machen die das? Ganz einfach. Zuerst behaupten die „Querdenker“, die pandemiebedingten Eingriffe in unsere Grundrechte seien unverhältnismäßig bis undemokratisch oder gar böswillig. Dabei ist die Bewilligung einer Demo wie in Leipzig ein lupenreiner Ausweis für das Funktionieren unserer Demokratie.

Dann aber drehen die „Querdenker“ frei und benutzen unsere Grundrechte, um diese zu verdrehen. Das gelingt ihnen, indem sie Auflagen bewusst hintergehen. Wussten sie, dass es mehr als 16.000 Demonstranten werden würden? Ja. Wussten sie, dass auf den Mindestabstand und Masken keinen Wert gelegt wird, obwohl das Gericht dies verlangte? Ja. Wussten sie, dass unter ihnen Rechte mitmarschieren werden, die in der Lage sind, Polizisten und Journalisten anzugreifen – wie dann auch geschah? Ja. Sie wussten das alles. Aber es war ihnen egal. Denn die „Querdenker“ verachten letztendlich unsere Grundrechte, die sie angeblich schützen wollen.

Auf einer Demo wie in Leipzig werden verschiedene Grundrechte gegeneinander ausgespielt. Auf der einen Seite gilt die Versammlungsfreiheit, auf der anderen aber auch der Gesundheitsschutz. Es gibt das Grundrecht auf Willensbekundung, und es gibt das Grundrecht darauf, nicht durch das verantwortungslose Verhalten von Mitmenschen an Covid-19 zu erkranken. Ich finde, ein Vermeiden von Beatmungsgeräten ist wichtiger als Polonaise.

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Die „Querdenker“ aber machen weiter mit ihrer Verhöhnung. In München zum Beispiel umgingen sie Auflagen und benannten in der Manier eines billigen Taschenspielertricks ihre Demo in einen Gottesdienst um. Dass sie dann zur Kaschierung Gebete von der Bühne schickten, sozusagen als reines Mittel zum Zweck, ist eine weitere Verhöhnung von Gläubigen.

Neues vom Berg Sinai

Seit Wochen kriege ich übrigens die Pressemitteilungen der „Querdenker“, geschrieben im Stil eines Meister Yoda, dabei sind sie in Wirklichkeit von einem „Michael Ballweg“. Der macht einen auf Prophet und beantwortet darin gesammelte „Fragen“, als würde er vom Stuttgarter Birkenkopf zum Volk herabsteigen. Nur sind die Inhalte dann doch weniger erhellend als die zehn Gebote: Auf Fragen lauter Gegenfragen. Auf Argumente ausschließliche Erwiderungen à la „Und was ist mit…“ – eben ein klassischer Whataboutism. Früher las ich diese Mails noch, jetzt finde ich sie nur lästig. In Erinnerung bleibt mir noch, wie sehr sich der Prophet über die Berliner Wasserwerfer ärgerte, die bei der Demo im August aufgefahren (und nicht eingesetzt) wurden. Welch ein Mimimi.

Daher wünsche ich mir für das nächste Mal die Wasserwerfer. Der Staat muss jetzt zeigen, dass er sich von den „Querdenkern“ nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Demo? Meinetwegen. Aber nur mit eineinhalb Metern Abstand zueinander und mit Maske. Ansonsten: Wasserwerfer. Soll bei den aktuellen Temperaturen wirkungsvoll sein.

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