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Kommentar: Capitol-Sturm? Gibt’s auch in Berlin

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 5 Min.

Die Randale in Washington D.C. ist uns nicht unbekannt. Vor und im Reichstag haben die gleichen Geister schon geirrlichtert.

Schon im vergangenen November musste die Capitol Police Anhänger von Donald Trump zurückdrängen (Bild: REUTERS/Leah Millis)
Schon im vergangenen November musste die Capitol Police Anhänger von Donald Trump zurückdrängen (Bild: REUTERS/Leah Millis)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Auf die Bilder kommt es an. Selfies waren den Randalierern unheimlich wichtig, als sie am Mittwoch in den USA ins Kapitol eindrangen. Ja, sie wollten die Kongressabgeordneten daran hindern, die Wahl Joe Bidens zum US-Präsidenten zu bestätigen. Oder besser gesagt: für kurze Zeit noch Machttheater spielen. Ein Putsch war das nicht. Es war die Inszenierung eines „Volksstürmchens“, um sich selbst toll zu finden, um die Verachtung gegenüber Demokratie auszudrücken und Frust darüber rauszulassen, dass man ein verdammt schlechter Verlierer ist.

Dann sandten sie ihre Bilder in die Welt hinein, und die fragt zurück: Ist sowas auch bei uns möglich? In Paris, London, Berlin?

Nun, für unsere Hauptstadt ist die Antwort rasch gefunden. Hatten wir schon mal. Am 29. August vergangenen Jahres gab es eine Covidioten-Demo in Berlin. Einige sehr wenige von ihnen hatten es auch auf den Reichstag abgesehen. Eine Frau mobilisierte mit Megaphon: „Wir müssen jetzt beweisen, dass wir alle hier sind. Und wir gehen da drauf und holen uns heute, hier und jetzt, unser Haus zurück“, rief sie. Dann liefen Dutzende los und durchbrachen die Sicherheitssperren. Ein anderer Aktivist rief in sein Megaphon, Donald Trump sei in der Stadt: "Er hat uns eine halbe Stunde gegeben, uns hier zu versammeln und uns unsere Souveränität und den Friedensvertrag einzufordern."

Reichstag im Fokus: Demonstranten stürmten am 29. August auf das Gebäude. (Bild: Getty Images)
Reichstag im Fokus: Demonstranten stürmten am 29. August auf das Gebäude. (Bild: Getty Images)

Alles klar. Es genügte zwar keine Handvoll von Polizisten, um dieses Möbchen der Reichstagstreppen zu verweisen. Keiner drang ins Parlament ein, niemand wurde verletzt – und es starb niemand wie am Mittwoch in Washington D.C. Aber es sind die gleichen Geister, die sich rufen ließen. Sie finden Trump toll und die Demokratie doof.

Und auch die Verteidigungsmuster ähneln sich. Nun, als diese rechten Randalierer merken, dass das „Volk“ ihren Aufstand doch nicht unheimlich cool findet, zeigen sie mit dem Finger auf andere. Linke Aufwiegler habe es gegeben, die Antifa habe heimlich organisiert, heißt es; zum Beispiel veröffentlichte die „Washington Times“, (nicht zu verwechseln mit der seriösen „Washington Post“) entsprechende Gerüchte ohne irgendeinen Beleg – wie es sich für eine ultrakonservative Zeitung gehört, die einst von der Moon-Sekte gegründet worden war.

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Man kann es ja mal versuchen

Das kennen wir in Deutschland auch. Der Reichstagstreppenbesuch kam ähnlich schlecht in der Öffentlichkeit an, und sogleich streuten Rechte das Gerücht, Linke hätten dies heimlich orchestriert. Dies war Quatsch. Es waren Spinner, rechte Spinner und rechterechte Spinner. Und das Capitol stürmten auch keine Linken, sondern Rechte, allseits durch die eigenen Bilder, die sie aussandten, zu besichtigen. Für wie blöd halten die uns eigentlich?

Im Herbst schließlich geisterten ähnliche Irrlichter durchs Innere des Reichstags, offiziell eingeladen von Abgeordneten der AfD, und pöbelten herum. Natürlich mit dem Smartphone in der Hand.

Dann gibt es die Neunmalklugen. Die Schnell-Checker. Nach jedem rechten Exzess melden sie sich zu Wort und meinen, nun ganz schnell auch auf linke Gewalt hinweisen zu müssen. Es erfolgt gebetsmühlenartig und realitätsfremd zugleich. Denn Gewalt ist und bleibt völlig überwiegend das Mittel der Wahl von Rechten. Das Gerede vom „Hufeisen“, wonach sich linke und rechte Extreme angeblich gleichermaßen gegenüberstünden, ist relativierender Kram. Eine Kostprobe gefällig? Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann, immerhin ehemaliger Justizsenator in Berlin, blubberte auf Twitter: „Egal ob #Trump, #noAfD oder Antifa... Polarisierung & Hetze führen immer zu Hass und Gewalt!“ Hm. Trump und die Antifa in einen Topf zu werfen, das ist schon ein Kunststück, garniert mit der Bauernregel, dass Hass und Gewalt selten auf Ausgleich und verständnisvollem Reden fußen. Ein bestenfalls überflüssiger Tweet.

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Chimäre Antifa

Auch Ulf Poschardt beeilt sich, seinen Durchblick mitzuteilen. Der Chefredakteur von „WeltN24“ twitterte: „Wer jetzt vom Antifaschismus schwadroniert oder gar die Antifa verklärt, hat weder verstanden, was in den USA passiert ist, noch in welcher Not liberale Demokratien stecken. Man ist das nur der Lautsprecher von der anderen Seite des Hufeisens.“

Zuerst verstand ich nicht, was Poschardt damit meint, außer dass er verstanden hat, was in den USA passiert. Wer gerade von Antifaschismus „schwadroniert“ – keine Ahnung. Jedenfalls ist die Antifa kein festes politisches Gebilde, in Deutschland sehr marginalisiert und in den USA kaum existent, ein Schreckgebilde, das von Trump als imaginärer Gegner entworfen wird. Vielleicht hat Poschardt irgendwo in den Rocky Mountains oder im Death Valley eine geheime Antifa-Armee aufgespürt, von der wir noch nichts wissen und die zu einer Hufeisenkurve taugt.

Nennen wir die Dinge beim Namen. Unwürdiges Betreten von Parlamenten, um es höflich auszudrücken, kommt von rechts.

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