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Kommentar: Anschlag in Wien - Wie machen wir als Gesellschaft jetzt weiter?

Nour Khelifi
·Freie Journalistin
·Lesedauer: 4 Min.
Mahnwache nach dem Anschlag vor dem Stephansdom (Bild: Reuters/Radovan Stoklasa)
Mahnwache nach dem Anschlag vor dem Stephansdom (Bild: Reuters/Radovan Stoklasa)

Nach Frankreich und Deutschland wird auch Wien von einem IS-nahen Attentäter heimgesucht. Der Schrecken sitzt europaweit tief über die nicht gerechtfertigten und barbarischen Morde. Wie wir als Gesellschaft uns selbst reflektieren und die Hassspirale stoppen können.

Ein Kommentar von Nour Khelifi

Mitte Oktober erschüttert die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty nicht nur ganz Frankreich, sondern die Welt. Ermittlungen zufolge soll ein dschihadistischer Attentäter den Lehrer im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine enthauptet haben, bei dem Versuch den Terroristen zu stellen wird dieser erschossen. Im Unterricht des 47-jährigen Paty wurde Meinungsfreiheit thematisiert und im Zuge dessen auch auf die Zeitschrift “Charlie Hebdo” verwiesen, welche durch die Muhammed-Karikaturen weltweit für Aufruhr sorgte und wieder die Debatte anfachte, was Satire alles darf. Mit dem Anschlag im Oktober verbucht Frankreich allein in diesem Jahr bereits fünf Anschläge extremistischer Natur. Als Gegenreaktion auf die Enthauptung Samuel Patys wurden zwei Musliminnen am Fuße des Eiffelturms mit einem Messer attackiert. Die Spirale der Gewalt in Frankreich scheint schwer zu kontrollieren sein.

Doch auch Österreich wird erstmals Opfer eines dschihadistisch-extremistischen Attentäters. In der Nacht vom 02. November läuft ein 20-jähriger IS-Sympathisant durch die Innenstadt Wiens und ermordet dabei vier Menschen und verletzt weitere 23 schwer. Ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder mehrere Terroristen den Anschlag verübt haben, wird immer noch ermittelt. Dem Bundesamt für Polizei in Österreich zufolge soll der Attentäter amtsbekannt sein. Bereits im April 2019 wurde er zu 22 Monaten Haft verurteilt, jedoch im Dezember wieder freigelassen aufgrund der Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes (JGG). Die an das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) gerichtete Kritik wird immer lauter, trotzdem wartet man noch die Ergebnisse der fortlaufenden Ermittlungen ab.

“Schleich di, du Oaschloch!”

Wien galt bisher immer als die “Insel der Seligen”. Bereits zehn Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt, hätten sich die Österreicherinnen und Österreicher nie erträumen können, dass die Hauptstadt so hart getroffen wird. Angst und Schrecken breiten sich aus, zum ersten Mal stellt man sich als Wiener die Frage - sind wir in Österreich sicher? Inwiefern sich unser Zusammenleben und Alltag gestalten werden, wird sich erst in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Ob die coronabedingten Lockdowns diesbezüglich Vorteile oder Nachteile mit sich bringen, bleibt abzuwarten. Denn Sorge macht sich in Österreich breit, nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch bei muslimisch gelesenen Menschen und Musliminnen und Muslimen. Die ersten antimuslimisch motivierten Angriffe verbaler Natur werden über Social Media geteilt.

Gedenkstätte an einem der Tatorte in Wien (Bild: Reuters/Leonhard Foeger)
Gedenkstätte an einem der Tatorte in Wien (Bild: Reuters/Leonhard Foeger)

Und genau das darf jetzt in Österreich nicht passieren. Angst und Wut sind völlig natürliche Reaktionen nach so einem Anschlag. Der Alltag und das Lebensgefühl von uns allen wurde tief angekratzt. Aber jetzt in die “Wir”-und-“die anderen”-Mentalität zu rutschen spielt nur in die Hände von diesen demokratie- und menschenfeindlichen Attentätern. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, alle Musliminnen und Muslime zu pauschalisieren und damit auf dieselbe Stufe wie die Attentäter heben. Das wäre fatal, nicht nur politisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Denn an dieser Stelle ist nochmals wichtig zu betonen, dass auch Musliminnen und Muslime Opfer von dschihadistischen Attentätern sind, weil sie ebenso Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft sind.

Dennoch überwiegen vorerst die Solidaritätsbekundungen, die Wiener Bevölkerung hält zusammen, nicht zuletzt, weil auch der berühmte passiv-aggressive, jedoch charmante “Wiener Grant” uns zusammenschweißt. Auf Social Media liegt der Hashtag #schleichdiduoaschloch in den Trends, aufgrund von “Schleich di, du Oaschloch”. Dieser Satz im Wiener Dialekt ist in einer Videoaufnahme aus dem Fenster eines Anrainers zu hören, als der Attentäter schießend durch die Wiener Gassen läuft. Der Slogan hat somit in Wiener Manier das essentielle zusammengefasst - keinen Platz für Terroristen.

Gemeinsam trauern, gemeinsam nach vorne schauen

Unsere Familien, Freundeskreise, das Leben das wir hier im Herzen Europas gestaltet haben werden wir weiterhin offen gestalten. Wir dürfen nicht diesen Keil zwischen uns treiben lassen, wir dürfen nicht noch mehr Hass, Skepsis und Vorurteile schüren. Als Gesellschaft sollten wir den Fokus nicht auf die Attentäter lenken, sondern auf die Heldinnen und Helden, sowieHinterbliebenen und all jenen, die jeglichen Hass den Wind aus den Segeln nehmen möchten.

Jetzt ist die Zeit uns auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen, auf die Auslebung unserer gemeinsamen Werte, auf die Kultivierung von Solidarität und Nächstenliebe. Das war ein Angriff auf uns alle, die in dieser demokratischen Gesellschaft leben. Wir dürfen es nicht zulassen, dass ein Extremist darüber entscheidet, wie wir das Leben oder unsere Mitmenschen ab jetzt betrachten werden.

Mit Hetze, rechtsextremistischen oder islamistischen Parolen ist jetzt niemandem geholfen. Ob gläubig oder nicht gläubig - wir stehen Seite an Seite und bieten den Feinden unserer demokratischen Werte die Stirn. Gemeinsam trauern wir mit den Hinterbliebenen und können vielleicht aus der Trauer heraus Kraft und Hoffnung schöpfen, um die Auswirkungen dieses Attentats zu verarbeiten.

Video: Ein Augenzeuge berichtet vom Anschlag in Wien