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Kommentar: 5 Gründe, warum Trump die Wahl gewinnen könnte

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 5 Min.
Auf dem Foto spricht US-Präsident Donald Trump über die angeblich geringen Temperaturschwankungen. Am kommenden Dienstag könnte er die Wahl mit geringem Vorsprung gewinnen (Bild: REUTERS/Kevin Lamarque)
Auf dem Foto spricht US-Präsident Donald Trump über die angeblich geringen Temperaturschwankungen. Am Dienstag könnte er mit geringem Vorsprung gewinnen (Bild: REUTERS/Kevin Lamarque)

Ginge es nach Verstand und Anstand, verliert der US-Präsident den Urnengang am kommenden Dienstag. Tut es aber nicht. Hier die Gründe, warum Donald Trump am Ende sein Haifischlächeln aufsetzen könnte.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Alle warten auf den großen Schlag. Auf den letzten, fatal vergifteten Pfeil im Köcher. Kommt doch noch ein großer Skandal, der Joe Biden auf der Zielgeraden aufhält? Eine schmutzige Story? Donald Trump jedenfalls wankt. Eine eigene Positiv-Geschichte kann der US-Präsident im Endspurt des Wahlkampfs bisher nichts präsentieren: Da ist null. Und nein, dass der Wendler ihn jetzt angeblich unterstützt, ist auch nicht gerade ein Brüller.

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Würde die Weltbevölkerung wählen, schmisse sie Trump aus dem Weißen Haus. Kein Präsident vor ihm diente seinem Volk so schlecht, Trump ist der Unsympath vor dem Herrn. Und dennoch hat er gute Chancen, die Wahl zu gewinnen. Wie kann das sein?

1) Im Info-Krieg liegt Trump vorn

Längst hat sich die Informationsbeschaffung vieler Amerikaner von der Wirklichkeit entkoppelt. Als Trump vor vier Jahren mit seinem Gerede von “Fake News” anfing und sein Twitter-Account gen Himmel wuchs, lächelten wir noch milde. Doch in weiten Regionen der USA beziehen die Leute ihre Informationen nur noch vom Fox-Fernsehen und übers Internet. Fox ist auf loyalem Trump-Kurs und macht für ihn von morgens bis abends Wahlkampf; so will es Eigentümer Rupert Murdoch, der eine strikte rechte Agenda verfolgt. Und im Internet ist Trump unangefochtener König, er dominiert alles; sein demokratischer Kontrahent Joe Biden dagegen wirkt tatsächlich durch die Digitalbrille wie ein “Sleepy Joe”. Trump ist omnipräsent, er zieht die meisten Suchabfragen auf sich, er erscheint in Social Media, Shoppingkanälen, einfach überall. Damit hat er längst eine neue Realität geformt. Biden hat die Unterstützung der Kolumnisten der “New York Times”, aber die liest der Farmer in Midwest nicht. Die neue Realität sorgt auch dafür, dass Trumps unterirdische Regierungsführung schlicht weggeleuchtet wird.

2) Demobilisierung wirkt

Zwar heißt es, dass noch nie so viele Amerikaner vorzeitig ihre Stimme abgegeben haben werden. Und dennoch arbeiten Trump und die Republikanische Partei mit schmutzigen Tricks. Vor vier Jahren übersäten sie das Land mit Desinformation: dass man angeblich per SMS wählen könne, oder mit Warnungen an Latinos, dass Polizisten vor Wahllokalen warten würden, um alle etwas “braun” aussehenden Wähler zu verhaften – das gab es alles bereits, und das wird es nun wieder geben. Auch haben die Republikaner in den vergangenen Jahren die Wahlkreise nach Gutdünken neu gegliedert – immer gemäß den besten Siegchancen. Wähler, von denen sie ausgehen, dass diese nicht republikanisch stimmen, werden systematisch benachteiligt. Ein Waffenschein genügt zuweilen zur Identifizierung im Wahllokal, aber ein Studentenausweis nicht; Nachtigall, ick hör dir trapsen.

3) Die Fronten sind verhärtet

Es wird auch viele Amerikaner geben, die Trump wählen, weil er schlicht der Kandidat der Republikaner ist. Anders lässt sich zum Beispiel nicht erklären, dass Trump unter den fundamentalistischen Christen eine unerbittliche Unterstützung genießt. Zwar eignen sich sein Charakter und Lebensstil bestens für den Luzifer in einem Bibelfilm. Aber sei’s drum: Er liefert durch seinen Kampf gegen Frauenrechte (Abtreibung etc.); plötzlich sind diese Christen sehr pragmatisch. Außerdem, und das ist ihr gutes Recht, gibt es konservativ gesonnene Amerikaner, die lieber tot vom Stuhl fallen würden als demokratisch zu wählen. Sie würden auch eine Vogelscheuche zum Präsidenten machen.

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Und dann gibt es bei diesen Fronten noch einen Kulturkampf. Längst hat in den Augen weißer, konservativer Männer eine Abwehrschlacht begonnen: Die Fahnen von “Blue Lives Matter” werden bei den Trump-Veranstaltungen auf den letzten Metern immer mehr: Sie stehen für Anti-Black-Lives-Matter und verherrlichen Polizisten (deswegen blau) als Aufrechterhalter des Status quo, und der sieht die Weißen oben und den Rest unten. Wir sollten nicht vergessen, dass die Sklavenhalter nicht allzu lange Vergangenheit sind, dass Rosa Parks, die sich weigerte in einem Bus ihren Platz an weiße Passagiere abzugeben, nicht 1855 deswegen festgenommen wurde, sondern 1955. Der demografische Wandel macht die USA diverser. Die Vorherrschaft des weißen Mannes bröckelt, und bald werden Minderheiten in ihrer Gesamtheit die Mehrheit bilden. Davor fürchten sich weiße Männer, weil sie Angst davor haben, sich nicht mehr wie ein Bösewicht aufführen zu dürfen (diese Furcht ist unbegründet, wirkt aber). Trump ist ihr Prophet. Er ist der Vorzeigerassist im Weißen Haus.

4) Man hat sich an Trump gewöhnt

Ein Tag ohne Lügen ist für Trump kein Tag. Er ist mit all seinen Unwahrheiten durchgekommen, weil er mit ihnen das allgemeine Klima vergiftet hat. Jede glasklare Analyse seiner Unfähigkeiten und Missetaten prallt ab. Und er kann unterhalten, redet frei, ist ein Vollblutshowmaster. Unsere Zeit ruft gerade nach Populisten, nach Pseudotribunen, welche die Menschen bequatschen, während sie sie ausnehmen. Wir lieben Entertainment. Und Trump verspricht auch stets ein Happyend in diesen dunklen Wochen. Corona? Bald überstanden, und ein Impfstoff steht vor der Tür. Die vielen Toten? Ich führe euch, ich bin immuner Superheld. Die Wirtschaft? Nur ich kriege China klein, und nur ich denke an die Arbeiter im Rostbelt. Identität? Mein Amerika ist groß, weil ich es bin.

5) Biden ist ein schwacher Kandidat

Und schlussendlich kann Trump gewinnen, weil sein Herausforderer nicht wirklich liefert. Joe Biden ist kein Vollblutshowmaster. Er wirkt mehr wie ein Finanzbeamter. Genau solch einen braucht Amerika, aber im Wahlkampf erweist sich seine spröde Harmlosigkeit als Spaßbremse. Biden gewinnt die Schwiegermütter für sich, aber er mobilisiert nicht wie Trump. Er redet vom Versöhnen und präsentiert klare Programme für die Zukunft, aber er vermittelt keinen Aufbruch. Seine Zuversicht endet nach dem zweiten Schluck aus der Kaffeetasse. Biden wird, unabhängig vom Wahlausgang, als Kandidat für den Hunger zwischendurch in Erinnerung bleiben. Er ist die vorgebliche sichere Nummer: bloß keine Angriffsfläche bieten, bloß die politische Mitte nicht verprellen, bloß Trump irgendwie aus dem Weißen Haus kriegen. Doch das reicht nicht. Eine Kamala Harris dagegen hätte Trump nicht nur gestellt, sondern würde auch die eigenen Leute dynamisieren.

Am Ende also, in der kommenden Woche, kann dieser böse Schlaf eine neue Schleife drehen.

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