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Kommen jetzt die Rückschläge an den Aktienmärkten?

Der Dax hat den größten Wochenverlust seit Mitte März verbucht. Die Schwankungen an den Aktienmärkten werden anhalten. Viel hängt in der nächsten Woche vom EU-Gipfel ab.

Die Bronzefiguren symbolisieren den Auf- und Abschwung an der Börse. Foto: dpa

Was Volatilität an den Börsen bedeutet, bekommen Anleger in diesem Jahr so richtig zu spüren. Viereinhalb Prozent verlor der Dax am vergangenen Donnerstag, beim US-Leitindex S & P 500 waren es 5,9 Prozent. Wenn das 2019 passiert wäre, hätten die Börsen damit die größten Tagesverluste seit vielen Jahren verzeichnet. In diesem Jahr, in dem die Börsen Achterbahn fahren, reichten die Einbrüche am Donnerstag aber gerade mal für das größte Wochenminus seit Mitte März.

Dennoch fragen sich Anleger: Hat die vergangene Woche die Korrektur an den Börsen eingeläutet, die Strategen seit Wochen prophezeien oder war es das dann schon mit den Rückschlägen?

Zum Wochenausklang sah es zunächst so aus, als sei der Spuk schon wieder vorbei. Der Dax gewann am Freitag bis zu 1,7 Prozent. Später drehte er aber doch wieder leicht ins Minus und schloss mit einem Abschlag von 0,2 Prozent bei 11.935 Zählern.

An der Wall Street legten die Indizes zwar zu – der S & P 500 gewann 1,3 Prozent. Auf Wochensicht bleiben bei beiden Indizes dennoch Verluste. Der Dax büßte in den vergangenen fünf Handelstagen unter dem Strich sieben Prozent ein, der S & P 500 4,8 Prozent.

Für viele Experten war das längst überfällig. Auf den massiven Kurseinbruch der Börsen von Mitte Februar bis Mitte März folgte bekanntlich eine rasante Rally. Und das, obwohl die globale Konjunktur die Folgen der Corona-Pandemie mit dem wochenlangen Stillstand der Wirtschaft noch lange zu spüren bekommen werden. Die Industrieländer-Organisation OECD warnte Mitte vergangener Woche in einem neuen Ausblick, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um sechs Prozent schrumpfen wird – so stark wie nie in Friedenszeiten seit mehr als 100 Jahren.

Es gibt zwar Hoffnungszeichen. So deuten die nicht mehr ganz so desaströsen konjunkturellen Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes für die USA und die Euro-Zone und der Ifo-Geschäftsklimaindex zwar darauf hin, dass die schlimmsten monatlichen Wirtschaftseinbrüche hinter uns liegen. Dennoch warnen Ökonomen wie Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Großbank ING: „Der Weg zur Erholung wird lang und beschwerlich sein.“

Das werden auch die Unternehmen zu spüren bekommen. Analysten haben die Gewinnprognosen für die Firmen bereits drastisch zurückgenommen. Für die 30 Dax-Konzerne rechnen sie für dieses Jahr mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von 24 Prozent. Einzelne Strategen erwarten sogar einen Gewinneinbruch von 50 Prozent. Vor dem Ausbruch der Coronakrise rechneten Analysten noch damit, dass die Dax-Konzerne ihre Gewinne in diesem Jahr um fast 13 Prozent steigern werden.

In den USA ist das Bild ganz ähnlich. Hier haben Analysten die Gewinnprognosen für die im S & P notierten 500 größten börsennotierten Unternehmen für dieses Jahr von plus neun auf minus 23 Prozent gesenkt. 2021 rechnen Analysten zwar wieder mit deutlichen Gewinnsteigerungen. Aber erstens dürften auch diese Prognosen noch sinken und zweitens wird es dauern, bis die Unternehmen absolut gesehen wieder so viel verdienen wie im vergangenen Jahr.
Den Börsen konnte das indes lange Zeit nichts anhaben. Der Dax war in der ersten Juni-Woche bis auf sieben Prozent heran an sein Allzeithoch von Anfang Februar geklettert, der S & P 500 robbte sich bis viereinhalb Prozent an seinen Rekordstand heran.. Die US-Technologiebörse Nasdaq setzte in der vergangenen Woche sogar eine neue Rekordmarke.

Strategen sprechen dabei von der „meistgehassten Rally“ aller Zeiten. Der Grund: Die Investoren wissen, dass die Wirtschaftsdaten „schrecklich“ sind, wie Johanna Kyrklund, Chefanlagestrategin beim britischen Asset-Manager Schroders, es ausdrückt. Dennoch setzen die Märkte – auch nach der jüngsten Korrektur – auf eine V-förmige, also schnelle Erholung der Wirtschaft.

Hauptgrund dafür sind die beispiellosen, billionenschweren Hilfspakete von Regierungen und Notenbanken. Genau deshalb waren es auch die Aussagen von US-Notenbankchef Jerome Powell, die die Märkte in der vergangenen Woche in die Knie zwangen.

Powell betonte, dass vor der US-Wirtschaft noch ein „sehr unsicherer Weg“ liegt. Gleichzeitig bekräftigte Powell, dass die amerikanischen Währungshüter die Leitzinsen noch mindestens zwei Jahre nahe null Prozent halten werden. Dennoch wurde Investoren wohl bewusst: „Die Notenbanken können nicht alles richten“, wie Jan Grengel, Analyst bei der Weberbank, es ausdrückt.

Außerdem stiegen zuletzt in den US-Bundesstaaten Arizona und Texas die Zahlen der Infektionen mit dem Coronavirus wieder an. Das machte Investoren deutlich, dass die Gefahr einer zweiten Viruswelle noch nicht gebannt ist.

Strategen meinen deshalb: Die Bereinigung an den Börsen ist noch nicht vorbei. „Die jüngsten Einbußen dürften zumindest mit Blick auf die kommenden Monate keine neuen Kaufgelegenheiten bieten, sondern den Beginn einer länger anhaltenden Konsolidierung markieren“, sagt Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

DZ Bank erwartet Dax-Verluste von zehn Prozent

Auch Michael Bissinger, Aktienstratege bei der DZ Bank, geht davon aus, dass die „Börsenrally zunächst an Schwung verlieren wird“. Bis Ende September erwartet die DZ Bank einen Dax-Stand von 10.900 Punkten, für den S & P wird ein Stand von 2.750 Zählern prognostiziert. Das entspräche Verlusten von um die zehn Prozent in beiden Indizes.

Dabei müssen sich Anleger laut Bissinger auch weiterhin auf eine hohe Volatilität einstellen. Das sieht auch Kyrklund von Schroders so – zumal mit den Protesten in den USA und den sich wieder verstärkenden Spannungen zwischen den USA und China neue Unruheherde aufkommen.

Von höherer Volatilität gehen selbst die Strategen aus, die optimistischer für die Börsen eingestellt sind. So sieht die Bank of America (BoA) für den breiten europäischen Aktienindex Stoxx Europe 600 bis November ein Plus von rund 20 Prozent. Sie machen das daran fest, dass Stimmungsindikatoren, wie Einkaufsmanagerindizes, ihre Tiefs bereits durchschritten haben.

Das französische Fondshaus Carmignac sieht das ähnlich. Die Coronakrise sei ein außerordentliches einmaliges Ereignis und die Wirtschaft sollte sich deshalb wieder normalisieren – solange es keine „bösen Überraschungen“ mit Blick auf die Verbreitung der durch die Sars-CoV-2-Viren ausgelösten Lungenkrankheit gebe. Trotzdem warnt auch Carmignac vor einer länger anhaltenden Rezession. Unter der Oberfläche gebe es noch viele Probleme, wie zum Beispiel die Margen der Unternehmen. Sie hätten schon vor der Coronakrise unter Druck gestanden und würden sich nun weiter verschlechtern.

Viele Investoren fahren nach Ansicht des französischen Fondshauses aber auf Sicht: „Sie zählen darauf, dass die Notenbanken die Märkte weiter stützen.“ Dies könne noch eine Weile gut gehen, aber gerade die zuletzt gesehene Umschichtung in zyklischere und in weniger solide Unternehmen sei „auf Sand gebaut“. Denn viele Investoren kauften jetzt Aktien von Unternehmen, die sie langfristig gar nicht im Portfolio haben wollten.

Viele institutionelle Anleger laufen dabei in der Rally den steigenden Kursen hinterher. Bissinger von der DZ Bank, sagt: „Die Angst etwas zu verpassen, hat die Märkte angetrieben.“ Die Investoren sind dabei jedoch nach Ansicht von Andreas Hürkamp, Aktienstratege bei der Commerzbank, schon wieder zu optimistisch. Das liest er daran ab, dass gerade in den USA das Verhältnis von Kaufoptionen zu Verkaufsoptionen „erstmals seit Januar auf ein Niveau gefallen ist, das häufig vor Korrekturen zu beobachten war“.

EU-Gipfel im Blick

In welche Richtung die Börsen in der nächsten Woche ausschlagen werden, hängt aber wohl auch wieder mal von der Politik ab. Am kommenden Donnerstag und Freitag schalten sich die EU-Regierungschefs zu ihrem nächsten Gipfel zusammen. Dabei geht es vor allem um eine gemeinsame Linie beim geplanten Wiederaufbaufonds in Höhe von 750 Milliarden Euro.

Wenn sich die Regierungschefs nicht einigen, sieht Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck die Gefahr, dass „ein zerstrittenes Europa sich wieder anfälliger für Zweifel hinsichtlich seiner Handlungsfähigkeit macht – gerade an der Börse“.

Von den in der nächsten Woche anstehenden Konjunkturdaten geht nach Ansicht von Experten keine große Gefahr für die Börsen aus. So dürfte der am Dienstag vom ZEW vorgelegte Konjunkturindikator für Deutschland laut Ökonomen gestiegen sein. Das gilt auch für die US-Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion in den USA, die ebenfalls am Dienstag anstehen. Im April waren beide noch eingebrochen, im Mai dürften sie mit der langsamen Wiederöffnung der Geschäfte und dem Wiederhochfahren der Produktion gestiegen sein.

Entsprechend dürften auch die viel beachteten Konjunkturindizes für die Großräume New York und Philadelphia, die am Montag und am Donnerstag veröffentlicht werden, zumindest nicht mehr negativ sein.

Wirecard legt Zahlen vor

Vonseiten der Unternehmen steht in der neuen Woche Wirecard im Fokus. Der Zahlungsdienstleister veröffentlicht als letzter Dax-Konzern seine mehrfach verschobene Jahresbilanz. Investoren dürfte aber auch interessieren, ob sich der Konzern zu den Ermittlungen der Wertpapieraufsicht Bafin zu Marktmanipulationen äußert. Die Aktie von Wirecard ist im Dax der am meisten schwankende Wert. Das liegt an den immer wieder aufkommenden Zweifeln an der Bilanz.

Doch auf länger anhaltende Schwankungen an den Börsen müssen sich die Investoren eben auch am breiten Markt einstellen. Längerfristig gehen aber auch skeptischere Strategen davon aus, dass die Börsen steigen werden. Im Umfeld der niedrigen Zinsen bleibt Investoren kaum eine andere Wahl als in Aktien zu investieren. Dieses Argument gab es bereits vor Corona. Mit den jetzt noch weiter gesunkenen Zinsen, gilt es umso mehr.