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Vom Kofferträger zum Milliardär: Jimmy Lai steht für den "chinesischen Traum" und Xi Jinping hasst ihn dafür

Der chinesische Zeitungstycoon Jimmy Lai sitzt seit 2021 im Gefängnis – er zählt zu Xi Jinpings größten Kritikern.  - Copyright: Getty/SOPA Images/Peter Parks/Laurent Fievet; picture alliance/AP/Athit Perawonmetha
Der chinesische Zeitungstycoon Jimmy Lai sitzt seit 2021 im Gefängnis – er zählt zu Xi Jinpings größten Kritikern. - Copyright: Getty/SOPA Images/Peter Parks/Laurent Fievet; picture alliance/AP/Athit Perawonmetha

"Angst ist die günstigste und bequemste Art, Menschen zu beherrschen und sie zu kontrollieren. (...) und ja, ich habe Angst." Unter Tränen sagte der Milliardär und Zeitungstycoon Jimmy Lai diesen berühmten Satz in einem BBC-Interview. Es wurde 2021 geführt, als Lai unter Hausarrest in Hongkong stand. Es war sein letztes Interview, bevor er in Haft kam.

Jimmy Lai wird von Sicherheitskräften zu seinem Prozess gebracht. Im Dezember 2020 wurde er wegen der Teilnahme an verbotenen Protesten zu 13 Monaten Haft verurteilt. - Copyright: Getty/PETER PARKS
Jimmy Lai wird von Sicherheitskräften zu seinem Prozess gebracht. Im Dezember 2020 wurde er wegen der Teilnahme an verbotenen Protesten zu 13 Monaten Haft verurteilt. - Copyright: Getty/PETER PARKS

Vom Kofferträger zum Milliardär: Kaum jemand steht in China so sehr für die Erfüllung des "chinesischen Traums" wie der heute 74-Jährige. Und kaum jemand ist inzwischen so sehr verhasst von der Kommunistischen Partei. Denn Lai zählt zu den größten und berühmtesten Kritikern von Partei- und Staatschef Xi Jinping – und der duldet, das ist bekannt, keinerlei Zweifel an seinem von nationalistischer Ideologie durchtränkten Führungskurs.

Seit mehr als einem Jahr sitzt Lai nun schon im Gefängnis. Diese Woche sollte in Hongkong eigentlich sein Prozess beginnen: Er wurde jedoch von den Behörden auf den 13. Dezember verschoben, da die Stadtregierung händeringend versucht, zu verhindern, dass Lais Fall von einer ausländischen Kanzlei verhandelt wird, wie CNN berichtet.

Der britische Anwalt Tim Owen (schwarze Maske) vergangene Woche in Hongkong. Er vertritt Jimmy Lai, was die Stadtregierung mit allen Mitteln verhindern will. - Copyright: picture alliance/newscom/Dickson Lee
Der britische Anwalt Tim Owen (schwarze Maske) vergangene Woche in Hongkong. Er vertritt Jimmy Lai, was die Stadtregierung mit allen Mitteln verhindern will. - Copyright: picture alliance/newscom/Dickson Lee

Dabei hat das Oberste Gericht der Stadt bereits entschieden, dass Lai von dem renommierten, britischen Menschenrechtsanwalt Tim Owen vertreten werden kann. Mit einem Trick versucht die Stadtregierung jetzt dagegen vorzugehen: Sie bezweifelt, dass das relativ neue "Nationale Sicherheitsgesetz" mit der richterlichen Entscheidung richtig interpretiert wurde und hat die Pekinger Zentralregierung gebeten, den Fall zu überprüfen, wie die Tagesschau berichtet. 2020 hatten die Kommunisten das Gesetz in Hongkong erlassen – und können damit quasi alles kriminalisieren, was nur im Ansatz als Widerstand gegen ihre Führung gewertet werden kann.

Wer ist Jimmy Lai, den Chinas Staatsführer unbedingt hinter Gitter sehen will?

Als 9-Jähriger Kofferträger am Bahnhof

Jimmy Lai (chin.: Lai Chee-ying) wurde am 7. Dezember 1947 in Guangzhou geboren. Seine Familie war wohlhabend, bis die Kommunisten 1949 die Macht übernahmen und sie alles verloren. Mit nur neun Jahren begann Lai als Kofferträger am Bahnhof von Guangzhou zu arbeiten.

In einem Interview mit der "New York Times" erinnerte sich Lai an diese Zeit: "Einmal trug ich den Koffer für einen Kerl, der eine Tafel Schokolade aß. Er gab mir ein Trinkgeld und ein Stück seiner Schokolade. Ich war schüchtern, drehte mich um und probierte es. Dann fragte ich ihn, was das sei. Er sagte: 'Schokolade!' Ich fragte ihn, woher er komme und als er sagte 'Hongkong!' Da sagte ich: 'Hongkong, das muss das Paradies sein." Zuhause habe er seiner Mutter gesagt, dass er dorthin gehen müsse. Für sie habe sich das damals angefühlt, wie eine Reise zum Mond, so Lai: "Sie sagte: Ich werde dich nie wiedersehen. Es ist gefährlich."

Karriere in einer Wollhandschuhfabrik

Seine Eltern wollten ihm die Reise verbieten. "Aber meinte Mutter sah ein, dass ich verhungern könnte, wenn ich bleibe", erinnert sich Lai an die armen Verhältnisse, in denen er aufwuchs. Mit zwölf Jahren floh er zunächst nach Macao und versteckte sich dann auf einem Fischerboot, um nach Hongkong überzusetzen. "In derselben Nacht, in der ich ankam, wurde ich zu einer Fabrik gebracht", so Lai. "Der Fabrikleiter sagte den anderen Kindern dort, sie sollten mich am nächsten Morgen zum Frühstück mitnehmen. Und das war das erste Mal, dass ich so viel Essen gesehen habe. Das erste Mal, dass ich realisiert habe, Essen bedeutet Freiheit, wenn man es sich aussuchen kann."

Lai begann, in der Fabrik für Wollhandschuhe zu arbeiten. Sein Verdienst: Umgerechnet 8 US-Dollar pro Monat. Hier arbeitete er sich schnell nach oben, bis er mit Anfang 20 Direktor der Fabrik wurde. Zur "New York Times" sagte Lai später: "Ich war arm, aber ich habe mich nie arm gefühlt. Ich habe fest daran geglaubt, dass ich irgendwann reich sein würde."

Gründung einer eigenen Modekette

1975 begann er, seine Ersparnisse in Aktien zu investieren und kaufte davon eine insolvente Textilfabrik. Darin ließ er Sweatshirts für den US-Markt produzieren, bis er 1981 seine eigene Modekette gründete. Den Namen "Giordano", so erzählte Lai später in einem Interview mit der "New York Times", fand er in New York: Nachdem er in Manhattan eine Pizzeria besucht hatte, fand er später in seiner Hosentasche eine Serviette mit dem Namen des Restaurants – "Giordano". "Das ist ein sehr guter, italienischer Name", so Lai. "Und ich war dumm genug zu glauben, dass die Menschen annehmen würden, dass die Kleidung aus Italien kommt, wenn ich diesen Namen wähle." Lais Modemarke Giordano – deren Kollektion westlichen Firmen wie Esprit oder Gap ähnelt – stellte sich schnell als Erfolgsmodell heraus und hatte bald 2400 Filialen in ganz Asien.

Aufstieg zum Zeitungstycoon

Nach der landesweiten Demokratiebewegung im Frühjahr 1989 und der blutigen Niederschlagung der Proteste am 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wurde Lai politisch aktiv. Er glaubte fest daran, dass sich China zu einer Demokratie entwickeln würde. "I am a dreamer", zitiert er in dem Interview mit Austin Ramzy, Korrespondent der "New York Times", den berühmten Song von John Lennon. "I am still a dreamer."

Lai begann, sich für demokratische Werte und Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen und gründete den Verlag "Next Media". Hier erschienen verschiedene Titel, wie die Tageszeitung "Apple Daily" und das Magazin "Next Weekly" im Tabloid-Format mit investigativen Recherchen zu Wirtschafts- und Politikthemen. Immer wieder kritisierte Lai in eigenen Artikeln die chinesische Staatsführung und Kommunistische Partei, was dazu führte, dass diese zum Boykott von "Giordano" aufrief und Filialen schließen ließ, sodass er den Mode-Konzern schließlich verkaufte.

Der Verleger Jimmy Lai im Newsroom seiner Zeitung "Apple News" im August 2007. - Copyright: Getty/LAURENT FIEVET
Der Verleger Jimmy Lai im Newsroom seiner Zeitung "Apple News" im August 2007. - Copyright: Getty/LAURENT FIEVET

Ab 2006 war "Apple Daily" die zweitbeliebteste Tageszeitung in Hongkong und eine der wichtigsten, kritischen Stimmen gegen das kommunistische Regime in Peking. Außerdem investierte Lai in den taiwanischen Zeitungsmarkt; verlegte auch hier Tageszeitungen und Wochenmagazine.

"Ich glaube an die Medien", sagte Lai kurz vor seiner Festnahme 2021. "In dem sie Informationen liefern, geben sie eigentlich Freiheit."

Am 24. Juni 2021 erschien Lais Zeitung "Apple News" das letzte Mal – viele Menschen in Hongkong standen deshalb unter Schock, stand die Schließung und Razzia der Behörden in den Redaktionsräumen doch für die harte Hand, mit der die Kommunistische Fürhung die Stadt nun kontrolliert.

Normalerweise verkaufte die Zeitung täglich 70.000 Exemplare; die letzte Ausgabe erschien mit einer Rekord-Auflage von einer Million Ausgaben. In der Woche zuvor hatte es eine groß angelegte Polizei-Razzia in der Redaktion gegeben. Chefredakteur Ryan Law, Herausgeber Cheung Kimhung, der Leitartikel-Autor und drei weitere Mitarbeitende wurden verhaftet mit der Begründung, die nationale Sicherheit zu gefährden.

24. Juni 2021: Eine Unterstützerin hält die allerletzte Ausgabe von Jimmy Lais "Apple News" in den Händen. - Copyright: Getty/SOPA Images
24. Juni 2021: Eine Unterstützerin hält die allerletzte Ausgabe von Jimmy Lais "Apple News" in den Händen. - Copyright: Getty/SOPA Images

Prozess-Beginn am 13. Dezember

Verlagseigentümer Jimmy Lai konnte das vorläufige Ende seiner Zeitungsära nur aus der Haft verfolgen. Schon im Sommer 2020 war er wegen seiner Beteiligung an den pro-demokratischen Proteste von 2019 festgenommen und zu 13 Monaten Haft verurteilt worden. Konkret ging es um die angebliche Teilnahme an einer Gedenk-Veranstaltung anlässlich des Jahrestags an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989. Seit den pro-demokratischen Protesten und ihrer Niederschlagung 2019 sind diese Art von Gedenken auch in Hongkong verboten. In Festland-China ist das Erinnern an die Tiananmen-Proteste ohnehin unmöglich – es wird nicht einmal darüber gesprochen, in keinen Geschichtsbüchern oder in Museen erwähnt.

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Die Lage jetzt ist noch ernster als bei seiner Festnahme 2020: Lai wird vorgeworfen, gegen das Nationale Sicherheitsgesetz verstoßen zu haben, in dem er angeblich aufrührerische Inhalte verbreitet und mit ausländischen Mächten zusammen gearbeitet haben soll. Dafür droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Sollte Lais Anwalt Tim Owen tatsächlich nicht zugelassen werden, so ist fraglich, ob sich ein gleichermaßen renommierter und erfahrener chinesischer Jurist trauen würde, seinen Fall zu übernehmen – und ob die die Behörden dies überhaupt erlauben würden. Kritiker befürchten laut ARD, dass es künftig sogar eine Liste geben wird, mit von den Behörden ausgewählten Anwälten, die die Fälle nationaler Sicherheit verhandeln dürfen. Ein fairer Prozess erscheint unter diesen Umständen mehr als fraglich.