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Die Kluft zwischen Arm und Reich in Russland wächst

Die Zahl der Multimillionäre in Russland wird einer Studie zufolge deutlich zunehmen. Dass zugleich die Zahl der Armen abnimmt, bezweifelt der Rechnungshof.

Bei einer Frage kam sogar Wladimir Putin ins Stottern: Nach einer Kranzniederlegung für seinen ehemaligen Chef, den Petersburger Bürgermeister Anatoli Sobtschak wollte der Kremlchef das übliche Bad in der Menge nehmen.

Doch dann nahm ihn eine Russin in die Mangel: Die Petersburgerin Sinaida Belikowa klagte über ihre niedrige Invalidenrente und die riesigen Einkommensunterschiede im Land. „Was meinen Sie, kann man mit 10.800 Rubel (entspricht etwa 130 Euro) überleben. Sie verdienen doch bestimmt 800.000 im Monat“, fragte Belikowa den Präsidenten. Er sei nicht derjenige, der am meisten Geld in Russland verdiene, verteidigte sich Putin, musste aber zugleich einräumen, dass es mit ihrer Rente „sehr schwer“ sei, über die Runden zu kommen.

Tatsächlich ist Russland – Nachfolger der sozialistischen Sowjetunion – das Land mit der höchsten Ungleichverteilung von Eigentum in Europa. Das Journal Forbes zählte im vergangenen Jahr 100 Dollarmilliardäre in Russland. Weltweit liegen nur die USA, China, Deutschland und Indien vor Russland. Zugleich aber ist die Anzahl der Armen in Russland in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

So leben rund 20 Millionen Menschen in Russland unterhalb des von der Regierung festgelegten Existenzminimums von 11.000 Rubel. Laut der russischen Statistikbehörde Rosstat schwankte die Zahl der offiziell Armen im vergangenen Jahr zwischen dem ersten und dem dritten Quartal zwischen zwölf und 14,3 Prozent. Das sind zwischen 17,6 und 20,9 Millionen Menschen und damit deutlich mehr als noch 2013, also vor der Annexion der Krim. Damals waren es 15,5 Millionen Menschen.

Eigentlich wollte die Regierung schon im laufenden Jahr auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Der Anteil der Armen sollte auf 10,8 Prozent gesenkt werden, so die Zielvorgabe. Zur Hebung des Lebensstandards sollen unter anderem die von Putin initiierten Sozialprogramme dienen. Immerhin eine Million Russen sollte so aus der Armut geholt werden.

Doch der Rechnungshof meldete schnell Zweifel an: Das Gießkannenprinzip werde nicht funktionieren, mahnte die Behörde. Die Prognose der Regierung sei überhöht, weil „nicht alle Instrumente direkt auf die gering verdienende Bevölkerung gerichtet ist“, so das Verdikt des Rechnungshofs.

Für Russlands Superreiche hingegen war das Jahr 2019 durchaus erfolgreich: Die Zahl der Multimillionäre mit einem Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar ist um vier Prozent auf knapp 9.000 Personen gestiegen. Bis 2024 prognostiziert die Consultingagentur Knight Frank gar einen Anstieg der Multimillionäre auf 11.000 Russen.

Ob die Prognose angesichts der jüngsten Turbulenzen an den Börsen tatsächlich eintritt, bleibt abzuwarten, aber die Voraussetzungen sind für die russischen Multimillionäre nicht schlecht, denn im Vergleich zu anderen Vermögenden weltweit haben sie viel Bargeld gehortet und wenig Aktien auf der hohen Kante. Mit lediglich 16 Prozent des Portfolios in Aktien können sie dem Börsensturm relativ gelassen entgegen sehen.

Inflation trifft Arme stärker

Wesentlich problematischer sieht die Sache für die ärmeren Bevölkerungsschichten aus. Der Zentralbank ist es in den vergangenen Jahren immerhin gelungen, die Inflation auf ein erträgliches Niveau von unter vier Prozent zu senken. Doch der Rubelverfall dürfte die Preisspirale wieder schneller in Gang setzen.

Erfahrungsgemäß ist dabei die Teuerung für Waren des täglichen Bedarfs höher als bei Luxusgütern. Zwar hat Russland mit dem Lebensmittelembargo gegen den Westen seinen Markt in dem Bereich schon 2014 abgeschottet, doch auch die Landwirte kommen ganz ohne Importe nicht aus; sei es bei der Beschaffung von Technik oder Saatgut.

Für die Russen ist das eine schlechte Nachricht. Schon jetzt geben einer Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge 40 Prozent der Russen die Hälfte ihres Einkommens für Essen aus. Bei weiteren 21 Prozent sind es sogar zwei Drittel.

Der Rubelverfall wird die Mittelschicht weiter ausdünnen und könnte noch mehr Bürger in die Armut treiben. „Zweifellos werden die Preise steigen. Mehr noch: Jede Änderung des Wechselkurses wird die Retailer zum Anheben der Preise provozieren“, prognostiziert der Wirtschaftswissenschaftler Dmitri Adamidow.

Da die Kaufkraft der Bürger nach jahrelangem Sinken der Realeinkommen aber erschöpft sei, vermutet Adamidow noch eine weitere Tendenz: Die Qualität der Waren werde sinken. „Womöglich werden viele Waren allmählich gegen weniger gute Erzeugnisse ausgetauscht“, vermutet er.